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17. Dezember 2020

Corona 2020: Nähe und feministische Verbundenheit in Zeiten der Distanz

Unsere Mitstreiter:innen in den Partnerorganisationen weltweit sind den Umgang mit Krisen gewohnt. Gewalt, Existenzängste, Freiheitseinschränkungen – all das ist Teil ihres Alltags. Zum ersten Mal haben unsere Partner:innen aus Liberia, aus dem Kosovo, aus Afghanistan und Irak Anlass zu fragen: “Wie kommt ihr mit der Krise zurecht? Ist ein geliebter Mensch in Gefahr?”. Über Ländergrenzen hinweg haben wir Erfahrungen ausgetauscht, Bedenken über die besonders kritische Situation von Frauen geteilt, gegenseitige Wertschätzung spürbar gemacht.

Viele Menschen aus unserem beruflichen Umfeld haben sich erkundigt, mit welchen Herausforderungen wir weltweit konfrontiert sind. Sie haben ihre Unterstützung angeboten, Mitgefühl gezeigt, für den Corona-Nothilfefonds gespendet und uns mit ihren eigenen Durchhaltetipps gestärkt. Was für eine feministische Verbundenheit in Zeiten der Distanz! Heute möchten wir einige dieser Eindrücke mit Ihnen teilen.

 

Afghanistan: Kräfte mobilisieren für Frauen und Mädchen

“Konflikte, Krieg, Gewalt, Armut und dann: die Corona-Pandemie. Die Situation der afghanischen Kolleginnen ist mir dieses Jahr besonders nahegegangen. Es hat mich berührt, wie die Mitarbeiter:innen von Medica Afghanistan in dieser schweren Zeit fast schon übermenschliche Kräfte mobilisierten. Sie wollten unter allen Umständen von Gewalt betroffenen Mädchen und Frauen weiterhin zur Seite zu stehen und für Frieden kämpfen. Was für uns alle in dieser Zeit an Bedeutung gewonnen hat: Zuzuhören und gehört zu werden, Mitgefühl auszudrücken und zu erleben. Dafür bedarf es keiner körperlichen Nähe. Im täglichen Miteinander bei der Projektarbeit hat mich die Metapher der Schnecke inspiriert: Ich habe versucht, meine Fühler auszustrecken und wieder zurückzuziehen, zu entschleunigen, loszulassen und Hingabe zuzulassen.”

Inga Weller, Projektreferentin Afghanistan bei medica mondiale

Spender:innen ermöglichen Sicherheit für Überlebende

“Für mich war es beeindruckend zu sehen, wie schnell sich unsere Partnerinnen weltweit auf die neue Situation eingestellt haben: Sie haben Kampagnen zur Aufklärung über Covid-19 in ihren Dorfgemeinschaften und Stadtvierteln durchgeführt, Masken genäht, Hygienematerial und Lebensmittel verteilt. Sie blieben über Telefon-Hotlines, digitale Angebote oder auf Abstand mit ihren Klientinnen in Verbindung. So vermittelten sie Sicherheit, die in solch einer Situation sehr wertvoll ist. Die Solidarität unserer Spender:innen hat enorm viel dazu beigetragen, dass wir unsere Partnerinnen in diesen Aktivitäten schnell und unbürokratisch unterstützen konnten. Unser Corona-Nothilfefonds war für viele unserer Partnerorganisationen eine wichtige Stütze.”

Saskia Hintz, Referentin für Fundraising bei medica mondiale

Liberia: Gestärkt aus der Ebola-Epidemie hervorgegangen

“Für mich als Projektreferentin Westafrika war besonders beeindruckend, mit wie viel Professionalität Medica Liberia auf die Corona-Pandemie reagiert hat. Das Land hat erst 2016 die Ebola-Epidemie überstanden. Die Erinnerungen daran sind bei den Kolleg:innen vor Ort noch frisch. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, sind sie der Herausforderung mit enormem Elan und Sicherheit schaffender Routine begegnet. Feministische Solidarität ist stets ihre Antriebskraft. Sie von Köln aus so tatkräftig wie möglich zu unterstützen, empfinde ich nicht mehr als Arbeit, sondern als Selbstverständlichkeit.”

Lucia Speh, Projektreferentin Westafrika bei medica mondiale

US-Wahlkampf: Aktivist:innen weltweit bangen gemeinsam

„In den vergangenen Jahren haben wir Angriffe auf Frauenrechte weltweit erlebt. Ein Grund hierfür ist, dass sich die Trump-Regierung auf internationaler Ebene dafür eingesetzt hat, insbesondere die (sexuellen) Selbstbestimmungsrechte von Frauen und Mädchen zu beschneiden. Mit Aktivist:innen weltweit haben wir den rechtlichen Rahmen dieser Frauenrechte verteidigt – oftmals erfolgreich. Deshalb war die US-Wahl-Nacht für uns Aktivist:innen eine bedeutsame. Ich habe mich um 3:00 Uhr nachts mit einer Mitstreiterin und Freundin per Zoom zusammengeschlossen und gemeinsam die Wahlberichterstattung verfolgt. Egal wie die Wahl am Ende ausgehen würde, für uns war klar: Wir machen weiter in Solidarität mit Frauen auf der ganzen Welt.“

Jeannette Böhme, Referentin für Politik und Menschenrechte bei medica mondiale

Worte für das Leid finden, Beachtung schenken

“Was mich im tiefsten Inneren beruhigt und gestärkt hat, das waren Menschen, die mir Mitgefühl und Trost gespendet haben. Es ist eine ‘Spende’ besonderer Qualität: Sie bedarf eines Perspektivwechsels und damit emotionaler und kognitiver Energie. Aber was ist das eigentlich – Mitgefühl? Trost? Und was nicht? Wie oft passiert es, dass wir andere trösten wollen, damit es uns selbst besser geht? Indem wir dem Leid aus dem Weg gehen. Wie wäre es stattdessen, dabei zu helfen, Worte für das Leid zu finden, es zu benennen? Es gibt kein größeres Geschenk, nichts ist verbindender, als sich gehört und gesehen zu fühlen." 

Steffi Meyer, Referentin Trauma-Arbeit bei medica mondiale

Feministische Solidarität gegen Hass und Hetze

“Gerade in Krisenzeiten ist für mich interessant zu beobachten, wie Nähe und Solidarität durch Social Media unterstützt wird. Durch digitale Netzwerke, wie Instagram, Facebook & Twitter, können Gespräche geführt werden, Aktivistinnen sich miteinander verbinden und sogar Protestbewegungen entstehen. Es ist schön, dass wir durch diese Plattformen mit den Partnerinnen aus anderen Ländern – auch in Krisenzeiten – in Kontakt bleiben können. So können wir unsere Unterstützer:innen an ihren Aktivitäten vor Ort teilhaben lassen. Besonders beeindruckt hat mich in letzter Zeit die feministische Solidarität und der persönliche Einsatz unserer Online-Community, wenn es um die Abwehr rassistischer und/oder sexistischer Kommentare ging. Gemeinsam haben wir diesem Hass keinen Platz eingeräumt. Was für ein Gefühl des Zusammenhalts!”

Karolina Plewniak, Referentin Social Media bei medica mondiale

Gemeinsam gegen Gewalt während des Lockdowns

“Beeindruckt hat mich die Beharrlichkeit, mit welcher unsere Partnerorganisationen nach Möglichkeiten gesucht haben, während des Lockdowns weiter für die Überlebenden sexualisierter Gewalt da zu sein. Es war ein gutes Gefühl, sie dabei unterstützen zu können. In Uganda hat MEMPROW durch massive Protestaktionen und Lobbyarbeit dazu beigetragen, dass sich der Armeechef öffentlich bei Marktverkäuferinnen für erlittene Militärgewalt während des Lockdowns entschuldigt hat. Er hat angekündigt, die verantwortlichen Soldaten zur Verantwortung zu ziehen. Ein großartiges Beispiel dafür, dass es sich immer und überall lohnt, für Frauenrechte und Menschenwürde einzutreten.”

Anne Hild Rivera, Regionalreferentin Region Große Seen bei medica mondiale

Herzlichkeit und internationale feministische Solidarität

“Als neue Mitarbeiterin hatte ich etwas Sorge, dass ich aufgrund von ‘Corona-Home-Office’ nicht so schnell in meine neue Rolle hineinfinde. Die Sorge verschwand aber ziemlich schnell, da sowohl meine Kolleginnen in Köln als auch in den Partnerorganisationen im Ausland mich herzlich, hilfsbereit und verständnisvoll im Team aufgenommen haben. Beeindruckend, wie schnell wir trotz der Entfernung eine persönliche Beziehung aufbauen konnten. Am meisten in Erinnerung bleiben mir die Online-Meetings, die wir mit den Projektpartnerinnen führen. Sie erzählen von den Herausforderungen vor Ort, die von Überforderung des Gesundheitssystems bis hin zur Bedrohung des eigenen Lebens und der Familie durch Krieg reichen. Trotzdem nehmen die Frauen an den Meetings teil, bringen ihre Ideen ein, planen weiter an den Hilfsprojekten und behalten den Optimismus am Leben, den man zum Überleben braucht. Sie alle sagen, dass sie aus diesen virtuellen Begegnungen Kraft und Motivation schöpfen, um weitermachen zu können. Vor dieser Stärke habe ich unglaublich großen Respekt.”

Carolina Kamratzki, Projektreferentin internationales Gesundheitsfachkräftetraining bei medica mondiale  

 

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