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10. Oktober 2019

Bosnien: Vorreiterinnen für die Versöhnung

„Nur über meine Leiche“, „die sind doch alle gleich“: Nach wie vor ist es in Bosnien und Herzegowina für viele kaum vorstellbar, an einem Austausch mit Menschen anderer Ethnien teilzunehmen. Umso bemerkenswerter erscheint das Vorhaben von Vive Žene, ausgerechnet von Kriegsgewalt betroffene Frauen zu Vorreiterinnen des Austauschs zu machen. Ihre Idee: Wenn diesen Frauen der Brückenschlag gelingt, dann gelingt er auch der restlichen Gesellschaft.

Zweieinhalb Jahrzehnte liegt der Krieg in Bosnien und Herzegowina zurück. Die ethnischen Spannungen, die dabei ihre zerstörerische Kraft zeigten, ziehen bis heute scharfe Trennlinien durchs Land. Daran hat auch das Friedensabkommen von Dayton seinen Anteil. Ethnische Zugehörigkeit wurde zum Ordnungsprinzip. Der Frieden, der so geschaffen wurde, führt in vielen Lebensbereichen zu künstlichen Trennungen. An einigen Orten werden Kinder bereits in der Schule nach Ethnie getrennt.

Die Mitarbeiterinnen der Frauenrechtsorganisation Vive Žene wissen, wie zerrüttend dieser Zustand ist. Seit 1994 unterstützt die Organisation Betroffene von sexualisierter Kriegsgewalt mit psychosozialen Angeboten. Immer wieder erleben die Beraterinnen, dass Klientinnen, die über einen langen Zeitraum stabilisiert wurden, im Alltag mit Gewalt und Ausgrenzung konfrontiert und damit im Heilungsprozess zurückgeworfen werden. Wenn Misstrauen den Alltag prägt, wie sollen die Frauen Vertrauen in sich selbst entwickeln?

Frauenbegegnungen in Bosnien: Von der Trauma-Aufarbeitung zur Versöhnung

Um diesen Kreis zu durchbrechen, hat Vive Žene das Projekt „Von der Aufarbeitung zur Versöhnung“ ins Leben gerufen. Das Projekt hat das Ziel, Frauen verschiedener Ethnien in den Austausch zu bringen. Dafür brauchte es eine gute Vorbereitung. „Zunächst stand die persönliche Aufarbeitung und psychosoziale Betreuung im Fokus“, erklärt Jasna Zečević, Direktorin von Vive Žene. Die Frauen haben im Krieg Folter und sexualisierte Gewalt erlebt und oftmals nahe Angehörige verloren. Die Aufarbeitung dieser Ereignisse benötigt viel Zeit.

Der nächste Schritt fing vor einem knappen Jahr an. Im ostbosnischen Bratunac und Kravica im Nordosten des Landes wurden jeweils eine bosnische und eine serbische Frauengruppe gegründet. Es war eine große Herausforderung, interessierte Frauen zu finden: „Die Skepsis war bei allen hoch“, berichtet Zečević. „Am Anfang haben sich die Frauen das als unmöglich vorgestellt, oft auch, weil sie den anderen unterstellt haben, das nicht zu wollen.“

Gewaltbetroffene Frauen: Der Austausch über Trauer und Hoffnungen ermöglicht Versöhnung

Wichtig war eine gute Vorbereitung und Moderation der Treffen. So legten die Gruppenleiterinnen Wert darauf, dass neben Trauer und Sorgen auch positive Dinge geteilt werden: Strategien fürs Weitermachen, Kraftquellen und Hoffnungen für die Zukunft. Und so wich die Skepsis langsam der tatsächlichen Erfahrung. „Wie das in Gruppen so ist: Wenn man ein paar Mal zusammentrifft und gemeinsame Themen erarbeitet, dann beginnt man differenzierter zu denken“, fasst Zečević zusammen.

Im nächsten Projektschritt wagen die Mitarbeiterinnen von Vive Žene einen neuen Ausblick. Analog zu den Frauengruppen haben sie begonnen, vier Gruppen von FünftklässlerInnen zu begleiten. In zunächst getrennten Gruppen lernen die Kinder, über ihre Bedürfnisse zu sprechen und mit Konflikten umzugehen. Im Herbst 2019 beginnen dann inter-ethnische Workshops. Im nächsten Jahr soll der Projektabschluss mit allen Gruppen gemeinsam gefeiert werden. Das Vorhaben von Vive Žene wirkt auf den ersten Blick bescheiden. Natürlich können mit einigen wenigen Gruppen nicht alle Kriegstraumata verarbeitet werden, weder getrennt, noch gemeinsam. Und doch liefere das Projekt ein entscheidendes Signal, so Jasna Zečević: „Wenn Gewaltbetroffene ihre Einstellungen und ihr Verhalten gegenüber Menschen anderer Ethnien ändern können, dann können das alle.“

So viel kostet unsere Hilfe, die nur mit Ihrer Spende möglich wird:

  • 30 Euro kostet die Teilnahme einer Frau an einer psychosozialen Fachberatung im Monat. Pro Woche finden ein bis zwei Sitzungen statt.
  • 76 Euro decken die Fahrtkosten, um die Teilnehmerinnen einer psychosozialen Frauengruppe für ein Jahr lang zu ihren Sitzungen zu befördern.

Erschienen im memo, 2. Ausgabe 2019, S. 6

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