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06. Mai 2021

Bosnien und Herzegowina: Mit Erinnerungsarbeit und Dialog zu Frieden und Versöhnung

Auch während der Corona-Pandemie nutzten nationalistische Gruppierungen jede Gelegenheit, um die Spaltung der bosnischen Gesellschaft voranzutreiben. Die Frauenrechtsorganisation Vive Žene setzt dagegen bewusst auf den interethnischen Dialog. Ihre Arbeit zeigt: Erinnerungsarbeit ist gerade in Krisenzeiten dringend nötig.

„Die Frauen wurden allein gelassen.“ Jasna Zečević von Vive Žene zieht eine nüchterne Bilanz. Dabei hätten Frauenrechtsorganisationen alles vorausgesagt: dass häusliche Gewalt durch den Lockdown zunehme, und dass die existenzielle Unsicherheit für Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt retraumatisierend sein könne. „Wir hatten einige Klientinnen, die ausgeprägte Angstsymptome zeigten.“

Statt die Warnungen ernst zu nehmen, nutzten Politiker:innen die Krise für kurzfristige Machtfragen und nationalistische Rhetorik. Viele Klientinnen von Vive Žene hätten erneut das Vertrauen in den Staat verloren, so Zečević: „Sie haben gemerkt, dass ihre körperlichen und seelischen Belange in einer Krise nicht ernst genommen werden.“

Vive Žene unterstützt Frauen mit Weitsicht – gerade in Krisenzeiten

Die Mitarbeiterinnen von Vive Žene sprangen da ein, wo staatliche Institutionen versagten. Sie verteilten Pakete mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln. Sie boten Beratung am Notfalltelefon an. Und auch das Schutzhaus für gewaltbetroffene Frauen und Mädchen blieb geöffnet und war für viele ein wichtiger Anlaufpunkt.

Neben diesem Notfall-Einsatz zeichnet die Mitarbeiterinnen von Vive Žene ihr Weitblick aus. Sie wissen, dass die Menschen gerade jetzt Versöhnung brauchen – damit alte Wunden nicht wieder aufreißen.

Um hier einen Beitrag zu leisten, haben sie in zwei Gemeinden Klientinnen verschiedener ethnischer Gruppen über drei Jahre in den Austausch gebracht. Dabei wurden die Frauen zunächst persönlich und in ethnisch getrennten Gruppentreffen gestärkt. Anschließend begegneten sich die bosnischen und serbischen Frauen in moderierten Austauschtreffen.

Freundschaftlicher Dialog: “Diesmal kämpfen sie nicht gegeneinander”

Bei dem Projekt war es zentral, dass die Frauen aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen Vertrauen zueinander aufbauen. Auch während des Lockdowns regten die Moderatorinnen die Frauen dazu an, über Chat-Gruppen in Kontakt zu bleiben. Die Pandemie wurde bisweilen sogar zu einem verbindenden Element, meint Augustina Rahmanović, eine der Projektmitarbeiterinnen bei Vive Žene: „Obwohl sich viele durch die Einschränkungen an den Krieg erinnert fühlten, merkten sie, dass sie diesmal nicht gegeneinander kämpfen.“

Die abschließenden Workshops fanden dann, unter Einhaltung der Hygienevorkehrungen, in Präsenz statt. Mehrere Tage lang diskutierten die Gruppenmitglieder über ihre Werte und Wünsche für die Zukunft. Sie tauschten sich aus und lachten miteinander. Das Vertrauen wuchs und Freundschaften entstanden.

Frauenprojekt zeigt: Frieden und Versöhnung sind möglich

Tatsächlich haben viele Frauen ihre Haltung grundlegendend geändert. 70 Prozent der Teilnehmerinnen gaben nach dem letzten Treffen an, grundsätzlich offener für Kontakte zur anderen ethnischen Gruppe zu sein als zu Projektbeginn. Besonders ermutigend: je jünger die Frauen, desto größer die Offenheit.

Das Projekt sei ein deutliches Signal an die bosnische Gesellschaft, so Augustina Rahmanović. Es zeige, warum Erinnerungsarbeit gerade in der Krise wichtig ist: „Wenn alles nur unter dem Aspekt der ethnischen Zugehörigkeit betrachtet wird, werden die Menschen irgendwo auf dem Weg vergessen. Mit dem Projekt ist es uns gelungen, die Menschen dieses Landes wieder real und sichtbar zu machen.“ Denn es gehe eben nicht nur um individuelle Kontakte, sondern auch um die Aussicht, dass Frieden und Versöhnung möglich ist – auch mit den eigenen Erinnerungen und Wunden.

 

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