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04. September 2020

„Nicht nur Symptome bekämpfen“ – 5 Fragen an Ara Stielau, Leiterin der Internationalen Programmarbeit

Als Ara Stielau vor zehn Jahren zu medica mondiale kam, unterstützte die Organisation Projekte in vier Ländern. Heute werden über 30 Partnerorganisationen in 13 Ländern gefördert. Welche Werte bei der Auslandsarbeit handlungsleitend sind und wie sich die Programmarbeit in den nächsten zehn Jahren entwickeln soll, erklärt uns Ara Stielau im Gespräch.

Mit welchen Schlagworten lässt sich die Auslandsarbeit von medica mondiale charakterisieren?

Erstens: Wir sind feministisch, also parteilich für Frauen. Zweitens: Unsere Ansätze sind stress- und traumasensibel. Und drittens: Wir arbeiten partnerinnenzentriert. Das heißt, dass wir uns nicht in Deutschland Projekte ausdenken und sie unseren Partnerorganisationen „überstülpen“. Gesellschaftliche Veränderung kann nur durch soziale Bewegungen im Land erreicht werden.

Warum ist medica mondiale immer noch in Bosnien oder dem Kosovo aktiv?

Unser Ziel ist nicht, möglichst schnell die Symptome einer Überlebenden zu bekämpfen und dann das Land wieder zu verlassen. Sondern: Wir bieten die Unterstützung, die Frauen benötigen. 2013 haben wir eine Langzeitstudie in Bosnien durchgeführt. Sie zeigt, dass betroffene Frauen auch 20 Jahre nach den Kriegsvergewaltigungen Pharmazeutika nehmen, Angstzustände haben, von Armut betroffen sind und gesellschaftliche Ausgrenzung erleben. Langfristige und verbindliche Unterstützung ist deswegen sehr wichtig – und zeichnet uns als Partnerin aus.

Warum arbeiten wir auch mit staatlichen Stellen zusammen?

Wir setzen einen immer größeren Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit von Partnerorganisationen und das Zusammenspiel von Projekten. Dabei binden wir auch staatliche Stellen mit ein. Denn die Partnerorganisationen bieten die Dienste für Frauen an, weil der Staat dazu nicht in der Lage oder nicht bereit ist. Kleine Organisationen können aber nicht alle Frauen eines Landes erreichen.

Langfristig sollen die Staaten Verantwortung übernehmen, sollten staatliche Institutionen auf die Bedürfnisse von Frauen ausgerichtet sein. Es sollte ganz selbstverständlich sein, dass eine Frau mit Respekt und Sensibilität behandelt wird, wenn sie zum Arzt, zur Polizei oder zum Gericht geht. Deswegen stärken wir auch die Kapazitäten von staatlichen Stellen in Bezug auf Stress- und Traumasensibilität.

Wie wählen wir Partnerorganisationen aus?

Es gibt einige klare Kriterien: wir fördern frauengeführte Organisationen, die sich für Frauenrechte einsetzen, die Frauen ungeachtet von Herkunft, Alter, sexueller Orientierung, religiöser oder politischer Überzeugung unterstützen, die in Kriegs- und Krisenregionen aktiv sind. Es geht aber auch um die Haltung: Wirken die Organisationen wie angenehme Anlaufstellen für Frauen? Wie wertschätzend gehen sie mit ihren Klientinnen um? Teilen sie feministische Werte? Das spürt man meistens schnell.

Potentielle neue Partnerinnen können sich jedes Jahr über unseren Projektefonds bewerben – hier führen wir dann Projekte mit begrenzten Laufzeiten und Summen durch. Wenn sich die Zusammenarbeit bewährt, können daraus längerfristige Kooperationen entstehen.

Werden wir in 10 Jahren in mehr Ländern aktiv sein?

Wir planen vorerst nicht, in weiteren Ländern aktiv zu werden, und wenn, dann nur durch die Einbindung von Nachbarländern in größere Programme. Diese regionalen Schwerpunkte sind ein wichtiger Aspekt. Denn um nachhaltige Veränderungen zu bewirken, ist es notwendig, jeweils einen Konfliktraum in seinem Kontext zu erfassen und alle lokalen SchlüsselakteurInnen zu kennen. Durch die Zusammenarbeit von mehreren Organisationen kann die Frauenrechtsarbeit in einer Region insgesamt gestärkt werden. Die einzelnen Organisationen gewinnen als Teil eines Netzwerks mehr Einfluss, als sie allein jemals bekommen könnten.

Quelle des Textes: Jahresbericht 2019, S.8-9

 

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