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16. Mai 2019

Schulung für die Arbeit mit geflüchteten Frauen: Überforderung etwas entgegensetzen

Frauen, die vor Gewalt und Krieg geflohen sind, sind oft schwer traumatisiert. Statt Schutz zu erfahren, leiden sie unter unsicheren Bleibeperspektiven und erleben nicht selten neue Gewalt. Mit der Förderung von Aktion Mensch hat medica mondiale ein deutschlandweites Projekt ins Leben gerufen, um den besonderen Herausforderungen von geflüchteten Frauen zu begegnen.

Im ständigen Notfallmodus zu sein, so beschreibt die Mitarbeiterin einer Geflüchtetenunterkunft ihre Arbeit. Die Belastung ist hoch, und die besonderen Bedürfnisse von Frauen, die Gewalt erlebt haben, überfordern die Mitarbeitenden häufig. Das Projekt „Empowerment First!“ will dieser Überforderung etwas entgegensetzen. Wie das gelingt, erklärt die Projektleiterin bei medica mondiale, Petra Keller.


Was passiert in diesem Projekt?

Über drei Jahre, von 2018 bis 2021, schulen wir Fachkräfte, die mit geflüchteten Menschen arbeiten. Sie lernen stress- und traumasensible Ansätze kennen, um in den Unterkünften und Beratungseinrichtungen besser auf die Bedürfnisse von Frauen eingehen zu können. Letztendlich geht es dabei natürlich um den Schutz und die Stärkung von geflüchteten Frauen und Mädchen.

Was lernen die Fachkräfte zum Beispiel?

Die Trainings sollen helfen, die Mitarbeitenden zu sensibilisieren: Welche Erfahrungen von Gewalt, gerade von sexualisierter Gewalt, erleben Frauen vor, während und nach der Flucht? Warum ist eine sichere Umgebung so wichtig für Frauen, die Gewalt erlebt haben, und was können wir in unserer Einrichtung dazu beitragen?

medica mondiale arbeitet vor allem in Konflikt- und Krisengebieten. Wieso die Entscheidung, auch in Deutschland ein Projekt anzubieten?

Im Jahr 2015 haben sich die Anfragen an uns gehäuft. In Beratungsstellen und Unterkünften gab es viele QuereinsteigerInnen, die kaum Wissen zur Wirkung von Trauma und Gewalt hatten. Wir waren hier wichtige Ansprechpartnerinnen, weil wir Expertise in der Arbeit mit traumatisierten Frauen und Erfahrung in Kriegs- und Konfliktländern mitbringen.

Gleichzeitig haben wir beobachtet, wie sich die Lage bei uns verschärft. Es gibt immer weniger Geld für die Arbeit mit Geflüchteten. Gute Initiativen, wie der Einsatz von GewaltschutzkoordinatorInnen, wurden nach kurzer Zeit eingestellt. Aber Gewaltschutz und Traumasensibilität sind keine kurzfristigen Unterfangen! Uns war es deswegen wichtig, der derzeitigen Praxis ein nachhaltiges Projekt entgegenzusetzen.

Was sind die besonderen Probleme von geflüchteten Frauen?

Der Mangel an Privatsphäre trifft alle Geflüchteten in Unterkünften, aber stellt für Frauen ein besonderes Problem dar. Zimmertüren lassen sich häufig nicht abschließen, Frauen berichten, dass sie sich nicht trauen, nachts auf Toilette zu gehen. Die meisten Frauen wissen auch gar nicht, welche Rechte sie hier in Deutschland haben. Erlebt eine geflüchtete Frau partnerschaftliche Gewalt, behält sie das möglicherweise für sich, weil sie nicht das Asylverfahren der Familie gefährden will.

Wie begegnet das neue Projekt diesen Problemen?

Die Trainings haben eine starke Praxisorientierung. Es geht darum, die Fachkräfte für die Mehrfachbelastungen von Frauen zu sensibilisieren und nachhaltiges Wissen über Unterstützungsmöglichkeiten aufzuzeigen. An welche Institutionen können sie die Frauen verweisen? Wie können sie ihre Einrichtung sicherer gestalten? Viele TeilnehmerInnen berichten, dass sie nach unseren Trainings mit einem ganz neuen Blick durch die Unterkünfte gehen.

Werden in dem Projekt auch Geflüchtete direkt angesprochen?

Wir haben einen Peer-to-Peer-Ansatz etabliert, das bedeutet „von gleich zu gleich“. Geflüchtete Frauen werden oft nur als schutzbedürftig dargestellt. Aber viele tragen enormes Potential in sich. Wir schulen deswegen gezielt Frauen mit eigener Fluchterfahrung, die bereits etwas länger in Deutschland leben, darin, andere Frauen zu unterstützen. Dieser Ansatz ist für beide Seiten bereichernd.

Ich erinnere mich an eine Frau, die vor einigen Jahren noch als Klientin beim Jugendamt war. In einer Schulung hat sie dann eine Mitarbeiterin vom Jugendamt beraten und konnte dabei sehr praxisnahe Hinweise geben. Diese Rollenverschiebungen legen oft ganz neue Energien frei.

Autorin: Esther Wahlen, Mitarbeiterin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei medica mondiale

Erschienen im memo, 1. Ausgabe 2019, S. 8

Nächste Fortbildung zur Selbstfürsorge: 5.-7.9.2019 (ganztägig), offen für Personen, die mit geflüchteten Frauen arbeiten. Anmeldung über seminare@medicamondiale.org.

Weitere Informationen zu unseren Fortbildungen finden Sie hier.