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05. Oktober 2021

Afghanistan: 20 Jahre nach Kriegsbeginn - Taliban bedrohen erneut Frauen

Pressestatement, Köln, 07.10.2021. Gewalt, Angst und Ausgrenzung – gehören (wieder) zum Alltag von Frauen und Mädchen in Afghanistan. Zwei Monate nach Abzug der internationalen Truppen fordert medica mondiale: Die Bundesregierung muss endlich ihrer politischen Verantwortung gerecht werden und besonders gefährdete Frauenrechtsaktivist:innen nach Deutschland in Sicherheit bringen.

Am 7. Oktober 2001 begann als Reaktion auf die Terroranschläge des 11. September der Afghanistan-Krieg. Heute, 20 Jahre später und knapp zwei Monate nach dem Abzug der internationalen Truppen, haben die Taliban Frauen und Mädchen fast komplett aus dem öffentlichen Leben gedrängt. Proteste werden niedergeschlagen, Frauenrechtsaktivist:innen berichten von Drohanrufen.

Internationale Gemeinschaft setzte auf militärische Sicherheit statt auf Frieden

„Der 20 Jahre lange Militäreinsatz wurde auch mit dem Schutz der Menschen- und insbesondere Frauenrechte in Afghanistan legitimiert und instrumentalisiert. Doch von Anfang an lag der Fokus der internationalen Gemeinschaft auf militärischer Sicherheit, anstatt den gesellschaftlichen Friedensprozess in den Blick zu nehmen“, bilanziert Monika Hauser, Gründerin und Vorstandsvorsitzende von medica mondiale. Auch deswegen hätten sich in Regierung und Gesellschaft Widerstände gegen den wichtigen Einsatz von Frauenrechtsaktivist:innen gehalten.

Errungenschaften der Frauenrechtsaktivist:innen in Gefahr

Trotz der schwierigen Bedingungen haben Frauenrechtsaktivist:innen in Afghanistan viel erreicht. So haben die Mitarbeiter:innen der afghanischen Partnerorganisation von medica mondiale Beratungsstellen für gewaltbetroffene Frauen aufgebaut, Gerichtsverfahren gegen die Täter erwirkt und auf politischer Ebene erreicht, dass Gesetze geschaffen wurden, die Gewalt gegen Frauen unter Strafe stellen. „Unsere afghanischen Kolleg:innen haben andere Frauen dabei unterstützt, ihren Weg zu gehen und sie ermutigt, ihre Rechte wahrzunehmen – auch mit Förderung der Bundesregierung. Für ihre mutige Arbeit sind sie nun in ihrem Leben bedroht“, sagt Hauser.

Frauen und Mädchen werden systematisch diskriminiert und aus dem öffentlichen Leben gedrängt

Nicht einmal zwei Monate, nachdem die letzten internationalen Truppen Afghanistan verlassen haben, sind Frauen und Mädchen bereits stark von den Taliban aus dem öffentlichen Leben gedrängt worden. Entgegen ihren Zusicherungen, die Rechte von Frauen zu wahren, zeigt sich, dass sich an der frauenverachtenden Haltung der Taliban nichts geändert hat. In der neuen afghanischen Regierung gibt es keine einzige Frau. Das Frauenministerium wurde de facto abgeschafft. Außerdem stellen die Taliban das Recht auf Bildung für Frauen und Mädchen infrage: Mädchen dürfen nicht mehr auf weiterführende Schulen gehen, und Frauen können faktisch Universitäten nicht mehr besuchen, weil sie nicht gemeinsam mit Männern unterrichtet werden sollen.

Klima der Angst: Frauenrechtler:innen brauchen Schutz

Proteste von Frauen und Frauenrechtsaktivist:innen gegen die Einschränkung ihrer Rechte schlagen die Taliban mit Gewalt nieder. So schüren sie ein Klima der Angst, das Frauen und Mädchen, vor allem aber Frauenrechtsaktivist:innen systematisch einschüchtern und davon abhalten soll, ihre Stimme zu erheben und ihre Rechte wahrzunehmen.

medica mondiale kritisiert den bedingungslosen Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan. „Die Bundesregierung hat auf den Vormarsch der Taliban viel zu spät und viel zu schleppend reagiert. Das muss politisch aufgearbeitet werden“, fordert Hauser. „Doch jetzt müssen der Fokus und alle Anstrengungen der deutschen Behörden darauf liegen, Frauenrechtsaktivist:innen und andere gefährdete Menschen unbürokratisch und schnell aus dem Land zu holen und nach Deutschland zu bringen.“ Bei den Verhandlungen mit den Taliban müsse die Bundesregierung jede politische oder wirtschaftliche Vereinbarung daran koppeln, dass Menschen- und Frauenrechte eingehalten werden. Dazu zählt auch der Schutz von Menschenrechtsaktivist:innen und insbesondere Frauenrechtler:innen.

 

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