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25. Juli 2018

25 Jahre medica mondiale: Interview mit Sybille Fezer, Vorstand Programme

Anlässlich des Jubiläums berichtet Sybille Fezer, was medica mondiale in den letzten 25 Jahren erreicht hat und wie Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten auch künftig unterstützt werden können.

Was waren die wichtigsten Erfolge im 25-jährigen Engagement von medica mondiale?

Wir haben in den 25 Jahren ein Netzwerk von rund 30 engagierten Frauenrechtsorganisationen weltweit aufgebaut, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Sie zeigen, was Solidarität bewegen kann. Gemeinsam haben wir Tausende von Frauen erreichen können – zum Teil in Gegenden, in die keine andere Hilfsorganisation je einen Fuß gesetzt hat. Und in unserer Arbeit einen Traumaansatz entwickelt, der Hilfe für traumatisierte Frauen und Mädchen nicht individualisiert, sondern die zerstörerischen Auswirkungen traumatischer Erfahrungen sieht und das gesellschaftliche Umfeld und die Politik in die Pflicht nimmt.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Ich bin stolz darauf, dass wir als eine der größten feministischen Organisationen Europas 25 Jahre lang laut und unbequem waren, mit scharfem Blick auf Ungleichbehandlung und Instrumentalisierung von Frauen und Mädchen – auch in unserer Gesellschaft. Unsere Forderungen finden sich in Aktionsplänen und Gesetzen wieder, in Liberia, Bosnien-Herzegowina oder Deutschland. Um politische Erfolge zu erzielen, braucht es Hartnäckigkeit. Deshalb lassen wir auch jetzt nicht locker.

Was sollten Menschen über medica mondiale wissen?

Wir sind eine Hilfsorganisation, die zusammen mit unseren Partnerorganisationen Frauen und Mädchen direkt hilft. Aber wir sind auch eine feministische Menschenrechtsorganisation. Das eine geht bei uns nicht ohne das andere: Wir können nicht nur politische Forderungen erheben, während Frauen in Konflikten vergewaltigt werden oder sterben. Aber wir wollen auch nicht fortwährend „aufräumen“ hinter Kriegsparteien und patriarchaler Gewalt. Wir wollen, dass sich in unserer Gesellschaft Grundsätzliches hin zu Geschlechtergerechtigkeit ändert. Dass wir beides nicht aus dem Blick verlieren, das macht uns glaubwürdig.

Wofür möchte medica mondiale das Jubiläumsjahr nutzen?

25 Jahre sind eine gute Zeit, um Bilanz zu ziehen. 2018 lassen wir eine Evaluationssynthese machen. Das heißt, wir schauen uns an: was wir wo bewirkt haben, welche unserer Arbeitsansätze am wirkungsvollsten waren, was wir weiter so machen und was wir ändern wollen. Wir veröffentlichen eine Publikation, in der wir darstellen, was sich in 25 Jahren Einsatz gegen sexualisierte Kriegsgewalt getan hat, etwa in punkto Völkerstrafrecht oder auch Veränderung von Geschlechterstereotypen. Und: wir feiern zusammen mit unseren Partnerinnen und Feministinnen aus aller Welt. Denn „was nützt uns die Revolution, wenn wir nicht tanzen können“.

Wie können Menschen selbst aktiv werden, um Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten zu unterstützen?

Nicht die Augen verschließen, Sexismus auch hierzulande aktiv angehen und Geschlechtergerechtigkeit einfordern – überall. Nur wenn sich hier in den Köpfen etwas ändert, wächst auch die Solidarität in Politik und Gesellschaft mit Frauen und Mädchen in Konfliktgebieten. Wachsam und aktiv sein gegen die Zerstörung unserer Welt – durch Waffenproduktion, Agrar-Lobbyisten, Großkonzerne, billige Kleidung: alles hat Auswirkungen auf die Länder des Globalen Südens – und die größte Bürde tragen die Frauen. Und dann natürlich umverteilen – spenden: medica mondiale könnte diese Arbeit nicht tun ohne unzählige kleinere und größere finanziellen Beiträge. Auch das ist gelebte Solidarität.

In gekürzter Fassung erschienen im Jahresbericht 2017.

 

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