Trauma-Verständnis & STA – stress- und traumasensibler Ansatz®

Hier finden Sie grundlegende Informationen zu unserem Trauma-Verständnis sowie häufig gestellte Fragen zu unserem STA – stress- und traumasensibler Ansatz®.

Was ist der STA – stress- und traumasensibler Ansatz® von medica mondiale?

  • Der STA – stress- und traumasensibler Ansatz® ist das Ergebnis von Erfahrungen aus der Arbeit von medica mondiale im Empowerment von Frauen in Krisen- und Postkonfliktgebieten.
  • Unser Ansatz soll eine traumasensible Haltung im Umgang mit traumatisierten Menschen fördern. Dabei richten wir uns besonders an Berufsgruppen wie Fachkräfte aus Entwicklungszusammenarbeit und Humanitärer Hilfe, Gesundheitsfachkräfte, SozialarbeiterInnen, AnwältInnen und RichterInnen.

Trauma-Verständnis von medica mondiale

Welches Trauma-Verständnis hat medica mondiale?

medica mondiale hat ein sozialpolitisches (und weniger klinisches) und prozedurales Verständnis von Trauma. Wir sehen eine Vergewaltigung als schwere Menschenrechtsverletzung und ziehen deswegen alle politisch zur Verantwortung, die auf den Prozess der Traumatisierung Einfluss nehmen können. Das sind z.B. die Familien der Gewaltbetroffenen aber auch ganze Gesellschaften, z.B. für Zufluchtsuchende. Vor allem sehen wir die Politik in der Verantwortung Wege und Unterstützung zu schaffen, um Gewaltbetroffenen das Leben nach einem traumatisierenden Erlebnis zu erleichtern. Wir benennen systemische Auswirkungen von Trauma:

  • Trauma als Angriff auf das (Über-)leben, Zerstörung von sozialen Beziehungen
  • Trauma als Prozess mit generationenübergreifenden Folgen denn als singuläres Ereignis
  • Ursachen und Folgen von Gewalt dürfen nicht individualisiert, sondern müssen kontextualisiert werden

Was ist der Unterschied zwischen sequentiellen und kumulativen Traumatisierungen?

Im Unterschied zu anderen subsumiert der STA – stress- und traumasensibler Ansatz® unter den Prozesscharakter von Trauma jedoch nicht nur sequentielle, sondern auch kumulative Traumatisierungen. Sequentielle Traumatisierung nach Hans Keilson bezeichnet eine zeitlich verteilte Polytraumatisierung mit kohärent erlebter Verlaufsgestalt der traumatischen Erfahrung, d.h. die Betroffenen erleben vielfache traumatische Erfahrungen, die sie einem Sinnzusammenhang zuordnen, z.B. dem Zusammenhang Vertreibung, Flucht und Status als Geflüchteter. Für die Arbeit zu geschlechtsspezifischer Gewalt ist das Konzept der sequentiellen Traumatisierung nicht ausreichend. Nicht jede der strukturellen Gewalterfahrungen (Diskriminierung), die Frauen in patriarchalen Gesellschaften machen, wäre für sich traumatisch, in ihrer zeitlichen Abfolge und Häufung sowie ggf. Kombination mit direkter Gewalt aber kann eine Traumatisierung mit sehr komplexen Folgen entstehen. Die betroffenen Frauen ordnen diese Erfahrungen jedoch nicht notwendiger Weise einem Sinnzusammenhang zu (der wäre: geschlechtsspezifische Gewalt), so dass per definitionem keine sequentielle, sondern eine kumulative Traumatisierung gegeben ist. medica mondiale versteht daher Trauma als kumulativen oder sequentiellen Prozess.

 

 

STA – stress- und traumasensibler Ansatz® Grundlagen

Was sind die Grundprinzipien des STA?

  • Sicherheit: Stress und Angst reduzieren; z.B. durch materiell, physisch und psychisch sichere Räume; Transparenz und Verlässlichkeit
  • Stärkung: Selbstwirksamkeit und Selbstwert fördern; z.B. durch Schaffung von Gestaltungs- und Handlungsmöglichkeiten; Politische Partizipation; Gender und Machtsensibilität
  • Verbindung: Ein stärkendes Miteinander gestalten; z.B. durch bewussten Umgang mit Gruppendynamiken; Vernetzung; Wahrnehmung aller Beteiligten in ihrer Vielfältigkeit
  • Achtsame Organisationskultur© und Selbstfürsorge: Anwendung der STA-Prinzipien individuell und auf Organisationsebene; z.B. durch Selbstreflektion, Supervision, Weiterbildungsmöglichkeiten; strukturelle Berücksichtigung von Stress- und Traumadynamiken

 

 

Was sind die Ziele des STA?

  • zusätzlicher Stress für die Betroffenen im Alltag soll vermieden werden
  • einer Reaktivierung von Trauma-Symptomen wird vorgebeugt
  • Betroffene von Gewalterfahrungen werden stabilisiert und in ihrer inneren Widerstandskraft gestärkt
  • im Umgang mit Menschen, die Gewalt überlebt haben werden die Wirkungen von chronischem Stress und Trauma berücksichtigt und vorgebeugt.
  • Maßnahmen und Projekte besser auf Betroffene von Gewalt abzustimmen und einen Beitrag zu Empowerment und Teilhabe zu leisten
  • MitarbeiterInnen z.B. in Einrichtungen entwickeln eine Haltung, die langfristig getragen ist von wertschätzendem Respekt und Selbstfürsorge.

 

 

Mit welchen Instrumenten arbeitet der STA – stress- und traumasensibler Ansatz®?

1. Mit Manualen und Materialien zum Capacity Development qualifizieren wir verschiedene Zielgruppen, beispielsweise Führungs- und Fachkräfte in der Entwicklungszusammenarbeit, Humanitären Hilfe oder Friedensarbeit, Polizist*innen, Gesundheitskräfte, psychosoziale Berater*innen. Inhalte der Qualifizierungen sind unter anderem: Prävention, Erkennen und Stoppen von Stress- und Traumadynamiken, Übungen zur Selbstfürsorge und zum Selbstschutz, stress- und traumasensible Kommunikation, Umsetzung der Grundprinzipien einer stress- und traumasensiblen Haltung im Projektkontext.

2. Checklisten und Tools für die Analyse, Konzeption, Implementierung, Monitoring und Evaluierung im Rahmen von Projekten der Entwicklungszusammenarbeit, unter anderem ein Leitfaden zur Bestandsaufnahme bestehender Organisationsstrukturen der Mitarbeiter*innen-Fürsorge, eine Checkliste zum Monitoring einer stress- und traumasensiblen Haltung von Trainer*innen, Fragelisten zur Selbstreflexion der eigenen Haltung und Selbstfürsorgepraxis, Kriterien zur Beurteilung der Stress- und Traumasensibilität eines Projektkonzepts.

3. Konzept der Achtsamen Organisationskultur©: Das Konzept beschreibt verschiedene Schlüsselkomponenten im Aufbau von Prozessen der Mitarbeiter*innen-Fürsorge und von stärkenden Organisationsstrukturen. Es wird seit 2014 in der Geschäftsstelle von medica mondiale pilotiert und weiterentwickelt.

Weiter gehende Informationen zum STA

Auf welchen Interventionsebenen setzt der STA – stress- und traumasensibler Ansatz® an?

  • medica mondiale will mit Fortbildungen zu Sensibilisierung von Unterstützer*innen zu Trauma und Gewalt, um Stress- und Traumasensibilität in den Unterstützungsstrukturen verankern und damit Gewaltbetroffene langfristig stärken
  • Außerdem arbeiten wir an verschiedenen Interventionsebenen: Die individuelle Handlungsfähigkeit auf der Mikroebene wird nur dann langfristig erweitert, wenn politische und strukturelle Veränderungen hin zu einer Verankerung des STA auf der Meso- und Makroebene angestoßen werden.

Welches Gender- und Gewaltverständnis liegt dem STA – stress- und traumasensibler Ansatz® zugrunde?

  • Aufgrund patriarchaler Machtstrukturen erleben Frauen weltweit - auch im Krisen- und Konfliktkontext - wesentlich häufiger geschlechtsspezifische Gewalt als Männer und sind konfrontiert mit stärkeren negativen psychosozialen Folgen der Normverletzung. Sexualisierte Gewalt gegen Männer und Jungen wird tabuisiert und wirkt traumatisierend, weil sie stereotyp männliche Handlungsfähigkeit und Maskulinität untergräbt.
  • Unter den verschiedenen Gewaltformen (direkt, indirekt und strukturell) führt sexualisierte Gewalt besonders häufig zu Traumafolgereaktionen.
  • Sexualisierte und geschlechtsbasierte Gewalt spielt als Fluchtgrund, aber auch als Erfahrung systematischer Gewalt und Ohnmacht auf der Flucht eine besondere Rolle (zum Beispiel, wenn Schlepper oder lokale Beamte Frauen zu sexuellen Handlungen als Gegenleistung für Überfahrten ins nächste Transitland oder in die Zwangsprostitution zwingen). Frauen fliehen aufgrund der spezifischen Gefahrensituation, (erneuter) sexualisierter Gewalt und Ausbeutung, sehr viel seltener allein. Somit erleben Frauen und Männer unterschiedliche Belastungen vor, während und nach der Flucht aufgrund ihres Geschlechts und damit verbundenen unterschiedlichen Rollenerwartungen. Die Gewalt gegen Frauen geht häufig in den Unterkünften im Zufluchtsland weiter.

Wie wird Do-No-Harm im STA sichergestellt und inwieweit ist der STA auch konflikt-transformativ?

Es ist notwendig, Traumafolgereaktionen innerhalb der Zielgruppe wahrzunehmen und das Wissen um diese in den gesamten Projektzyklus einfließen zu lassen. So können die Maßnahmen optimal auf die Bedürfnisse der Zielgruppe ausgerichtet und präventiv „gut-gemeinte-Aktivitäten“, die aufgrund der besonderen psychosozialen Bedingungen in Krisen- oder Post-Konflikt-Gesellschaften potentiell negative Auswirkungen haben, vermieden werden.

In den Trainings werden Teilnehmende konkret darin unterstützt und befähigt, einen konstruktiven Umgang mit ihrer Vergangenheit zu finden (u.a. durch die Wahrnehmung und Würdigung des Leides, die Anerkennung der Menschenrechtsverletzungen). Dies schafft die Basis, ihre Erfahrungen verarbeiten zu können und befähigt sie neue qualitative Beziehungen aufzubauen (Kontakt), nach vorne zu schauen und zu planen (Koordination) und die andere (Konflikt-) Seite betrachten können. Das Erlernen einer stress- und traumasensiblen Haltung sensibilisiert außerdem für die Wahrnehmung von Konfliktdynamiken und spielt damit als ressourcenfördernde Maßnahme eine wichtige Rolle.

Innerhalb der Do-No-Harm-Prinzipien könnte der STA – stress- und traumasensibler Ansatz® damit einen verbindenden Faktor darstellen, der zur Stärkung lokaler Friedenskapazitäten beiträgt. Auch trennende Faktoren sollten durch den Abbau von Spannungen positiv verändert werden können. Unserer Einschätzung nach könnte der STA u.a. in den Bereichen Friedenskräfte stärken, Gewaltpotentiale schwächen, Empowerment und Kohärenz positiv konflikttransformativ wirken. Der STA als eine grundlegende Haltung im Projektzyklus trägt somit dazu bei, die MTD-Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Konfliktbearbeitung zu gewährleisten.

Was unterscheidet den STA – stress- und traumasensibler Ansatz® von MHPSS?

MHPSS (Mental Health und Psychosocial Support) zielt auf eine Verbesserung der psychischen Gesundheit und des psychosozialen Wohlbefindens belasteter Zielgruppen ab. Dagegen hat medica mondiale den stress- und traumasensiblen Ansatz entwickelt, um sektorübergreifend eine Empowerment-orientierte Haltung von Fachkräften zu erhalten, Geschlechtergerechtigkeit zu fördern und Gewaltspiralen, die von Traumadynamiken begünstigt werden, zu durchbrechen. Da eine geschlechtergerechte Gesellschaft für Männer wie für Frauen mit größerem psychosozialen Wohlbefinden einhergeht17 und auch MHPSS-Fachkräfte nicht per se über die oben beschriebene Haltung verfügen, ist der STA auch für MHPSS-Projekte relevant.