Die zentralafrikanische Region der Großen Seen, die mit der DR Kongo, Ruanda, Burundi und Uganda viele ehemalige und aktuelle Bürgerkriegsländer umfasst, ist derzeit regionaler Förderschwerpunkt des Projektefonds. Lokale Frauenrechtsorganisationen leisten mit meist sehr geringen Mitteln unverzichtbare Hilfe für Überlebende und ihre Familien. Um ihre Arbeit zu stärken und lokale Ansätze zu fördern, stellt medica mondiale ausgewählten Partnerinnen vor Ort finanzielle und fachliche Unterstützung bereit. Allein im Jahr 2015 erhielten 13 Frauenrechtsorganisationen Hilfe bei der Versorgung und Beratung von Überlebenden sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt.

  • Laut einer amerikanischen Studie aus dem Jahre 2011 wurden in der Demokratischen Republik Kongo bis zu 1,8 Millionen Frauen und Mädchen zwischen 15 und 49 Jahren (ca. 12%) mindestens einmal in ihrem Leben vergewaltigt. Allein im Zeitraum zwischen 2006 und 2007 waren es demnach rund 400 000 Frauen, zwei Drittel davon Kinder unter 18 Jahren, die vergewaltigt wurden. Sogenannte „häusliche Gewalt“, also sexualisierte Gewalt seitens ihrer Ehemänner oder Partner, erlebten rund 35% aller kongolesischen Frauen.
  • Jede vierte Vergewaltigung in der DR Kongo trifft ein Kind. Eine von hundert Frauen wird durch die Vergewaltigung schwanger. Eine von zehn Frauen wird durch die Vergewaltigung mit dem HI-Virus infiziert.
  • Von 100.000 werdenden Müttern sterben etwa 730 bei der Geburt.
  • In der DR Kongo werden die meisten Frauen auf den Feldern überfallen oder aus ihren Häusern entführt. Die Täter sind in der Regel Mitglieder bewaffneter Gruppen wie der kongolesischen Armee, Milizen oder Rebellen, aber auch immer mehr Zivilisten. Gemeinsam ist ihnen die brutale Vorgehensweise. Viele Opfer werden verschleppt, manchmal wochenlang immer wieder vergewaltigt und oftmals schwer verletzt zurückgelassen.
  • Die Überlebenden der Gewalt finden nur selten medizinisch-psychologische oder materielle Unterstützung. Insbesondere in den Krisenregionen im Osten der DR Kongo ist das Sozial- und Gesundheitswesen unzureichend. Vor allem auf dem Land fehlt es an medizinischem Personal. Viele Frauen und Mädchen werden durch die Vergewaltigung so schwer verletzt, dass sie den Weg in die nächste Klinik nicht mehr bewältigen können. Die meisten sind darüber hinaus zu arm, um die Mittel für Transport, Medikamente oder für eine Behandlung aufzubringen.
  • Sexualisierte Kriegsgewalt wurde in Ruanda gezielt eingesetzt, um Angst zu verbreiten und Macht zu demonstrieren. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerkes UNICEF liegt die Zahl der vergewaltigten Frauen und Mädchen zwischen 250.000 und 500.000 – genaue Angaben sind nicht bekannt. Die meisten wurden nach den Vergewaltigungen getötet. Einige der Überlebenden wurden durch die sexualisierten Gewalttaten ungewollt zu Müttern – offizielle Schätzungen gehen von 2.000 bis 5.000 Kindern aus, die Dunkelziffer liegt mit Sicherheit deutlich höher.
  • In vielen Dörfern in Norduganda verbieten die Traditionen den Frauen, Eigentum zu besitzen.
  • Seit den Anfängen der kriegerischen Auseinandersetzungen in Uganda in den frühen 80er Jahren wurden etliche junge Frauen und Mädchen verschleppt, vergewaltigt und sexuell versklavt. Über Monate, manchmal auch Jahre hindurch wurden sie von den Rebellen festgehalten, mussten ihnen sexuell zu Diensten stehen und wurden gezwungen zu töten.
  • Mädchen und junge Frauen in Uganda, die wiederholt vergewaltigt wurden, gelten in den Augen ihrer Familien als „beschmutzt“ und werden oftmals verstoßen. Außerdem haben viele der jungen Frauen in den Lagern der Rebellen als Folge der wiederholten Vergewaltigungen Kinder zur Welt gebracht. Neben der oftmals schwierigen und traumatischen Beziehung von Mutter und Kind werden die Kinder häufig weder von der eigenen Familie noch von der Gemeinschaft akzeptiert.
Godelieve Mukasarasi (links), Gründerin von SEVOTA in Ruanda, mit einer Klientin. Copyright: Stefanie Keienburg
Godelieve Mukasarasi (links), Gründerin von SEVOTA in Ruanda, mit einer Klientin.

Um die Arbeit lokaler Frauenrechtsorganisationen zu unterstützen, hat medica mondiale 2004 den Projektefonds eingerichtet. Aus ihm fließen Fördergelder an Organisationen, überwiegend in die zentralafrikanische Region der Großen Seen. Ziel ist es, direkte Hilfe für von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen vor Ort zu sichern, den Aufbau fachlicher Kapazitäten zu unterstützen und den Organisationen Zugang zu Wissen und Netzwerken zu erleichtern. Kooperationen, die sich im Laufe der Förderung als erfolgreich erweisen, können zu einer umfangreicheren Zusammenarbeit ausgeweitet werden. So will medica mondiale langfristige Partnerschaften etablieren. 

Uganda

Um sich und ihre Kinder ernähren zu können, werden die Frauen in nachhaltiger Landwirtschaft geschult. Copyright: Stefanie Keienburg
Um sich und ihre Kinder ernähren zu können, werden die Frauen in nachhaltiger Landwirtschaft geschult.
  • FOWAC (Foundation of Women affected by Conflict):
    Seit 2006 stärkt FOWAC, mit der Unterstützung von medica mondiale, die schwierige gesellschaftliche Wiedereingliederung der Menschen, die von sexualisierter Kriegsgewalt, Verschleppung und Versklavung betroffen sind. In Workshops werden die Dorfbewohner und Familien auf die besonderen Probleme und Bedürfnisse der traumatisierten Mädchen und jungen Frauen aufmerksam gemacht. Besonderer Wert wird auch auf die Zusammenarbeit mit traditionellen Autoritätspersonen wie etwa den Clan-Chefs gelegt – ihre Zustimmung ist entscheidend für den nachhaltigen Erfolg einer Rückkehr. Außerdem versucht FOWAC die Lebensperspektiven von betroffenen Frauen zu verbessern. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Programme, die Frauen ökonomische Selbstständigkeit ermöglichen sollen. In Spar- und Kreditgruppen lernen diese, Kapital aufzubauen, oder sie erhalten kleine Darlehen, mit denen sie ein eigenes Geschäft eröffnen und ihren Lebensunterhalt erwirtschaften können.

Ruanda

  • 2005 hat SEVOTA (Solidarité pour l’Epanouissement des Veuves et des Orphelins visant le Travail et l’Auto promotion) das Frauenforum Abiyubaka ins Leben gerufen. Der Name Abiyubaka steht für „Menschen, die sich gegenseitig helfen“.
    Rund 30 Frauen, die während oder nach dem Genozid vergewaltigt und Kinder ihrer Vergewaltiger zur Welt gebracht haben, finden im Forum Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags und der Verarbeitung ihrer traumatischen Erfahrungen. 2007 wurde ein weiteres Forum für Frauen gegründet, das den Beinamen Bizeye trägt: Hoffnung. SEVOTA  ist seit 2008 Projektpartnerin von medica mondiale.

(Stand: 2015)

Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit von PAIF ist die Stabilisierung der häufig schwer traumatisierten Frauen und Mädchen. Copyright:Cornelia Suhan/medica mondiale
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit von PAIF ist die Stabilisierung der häufig schwer traumatisierten Frauen und Mädchen.

PAIF – medizinische Hilfe und psychosoziale Beratung für Überlebende sexualisierter Gewalt:

Seit 2004 arbeitet medica mondiale mit der kongolesischen Frauenrechtsorganisation PAIF (Promotion et Appui aux Initiatives Féminines) zusammen, die in den Kivu-Provinzen gezielte Unterstützung für vergewaltige Frauen und Mädchen leistet. PAIF steht den Betroffenen emotional und beratend zur Seite, unterstützt sie wirtschaftlich und bringt sie in Krankenhäuser, zur Polizei und vor Gericht. Darüber hinaus klärt PAIF Familien, Gemeinden und Institutionen über Gewalt gegen Frauen auf, dokumentiert Fälle sexualisierter Gewalt und setzt sich dafür ein, dass die Täter bestraft werden.

AFPDE – Medizinische Hilfe für vergewaltigte Frauen

Mit Unterstützung von medica mondiale ermöglicht die kongolesische Frauenorganisation AFPDE (Association des Femmes pour la Promotion et le Développement Endogène) die medizinische Versorgung von Frauen in Kaniola, einer Gemeinde in der Provinz Süd-Kivu. AFPDE hilft mit der Bezahlung von Operationen und notwendigen Medikamenten und stellt die psychosoziale Begleitung der Frauen sicher.

EPF – Frauenrechtsarbeit und Friedensförderung

In der Region Fizi in der DR Kongo setzt sich die Organisation Ensemble pour la Promotion de la Femme et de la Famille (EPF) für Frauenrechte ein. Auf lokaler wie auf Provinzebene leistet EPF Netzwerkarbeit zur Unterstützung Überlebender von sexualisierter Gewalt.

La Floraison – Zufluchtsort, Hilfe und Wiedereingliederung

Seit 2012 unterstützt medica mondiale die 2008 gegründete Frauenorganisation „Die Blüte“ (La Floraison) im Osten der Demokratischen Republik Kongo. La Floraison bietet umfassende Hilfe und Beratung, Familienmediation und sozioökonomische Wiedereingliederung. Das Team informiert mit Veranstaltungen über sexualisierte Gewalt und Frauenrechte. Mit dem „Haus des Zuhörens“ („maison d’écoute“) haben sie einen Zufluchtsort für Überlebende sexualisierter Gewalt eingerichtet.

 

(Stand: 2014)

Projektregionen: Ruanda, Uganda, Burundi, DR Kongo

Zielgruppe: Lokale Frauenrechtsorganisationen, die sich für Überlebende sexualisierter Gewalt einsetzen

Projektziele: Aufklärung und Prävention, Direkte Unterstützung, Entwicklung von Kompetenzen (Capacity Development)

Lokale Partner:

  • Burundi: SFBLSP
  • DR Kongo: ADDF, PAIF
  • Süd-Kivu: AFPDE, EPF, La Floraison, HAM, RFPD, RAPI
  • Ruanda: SEVOTA
  • Uganda:  ACFODE, FOWAC, MEMPROW

Finanzierung: Private Spenden, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), medicor Foundation, Foundation Smartpeace

Projektkosten 2015:

  • Burundi: 14.721,91€
  • DR Kongo: 316.624,42
  • Süd-Kivu (Burundi + DR Kongo): 333.908,79€
  • Ruanda: 104.081,25€
  • Uganda: 145.973,02€

Im Süd-Kivu erhielten 200 Frauen dank unserer Partnerinnen medizinische Unterstützung.

350 Frauen und Mädchen nehmen in Uganda regelmäßig an Spar- und Kreditgruppen teil. Sie alle konnten ihre Einkommen steigern.

In Ruanda erhielten 60 Jugendliche, die aus Vergewaltigungen im Kontext des Geneozids geboren wurden, erstmals psychosoziale Unterstützung.

Quelle: Jahresbericht 2015