Erst 14 Jahre Bürgerkrieg, 2014 dann die Ebola-Epidemie – nur mühsam findet Liberia zur Normalität zurück. Ein Erbe des Krieges und gesamtgesellschaftliches Problem ist die hohe sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Aus Scham und Angst vor Ausgrenzung zeigen Frauen eine Vergewaltigung nur selten an. Wenn doch, gehen die Täter meist straffrei aus. Das Justizwesen ist ineffizient, die Korruption groß. Hinzu kommen frauenfeindliche Traditionen. Es fehlt an Wissen zu den bestehenden Gesetzen ebenso wie an Verständnis dafür, dass es sich bei den Übergriffen um gravierende Menschenrechtsverletzungen handelt.

Für Frauen ist die Situation besonders verheerend: Sie leiden als Folge von komplizierten (Teenager-) Geburten oder Vergewaltigungen an Scheidenrissen. Viele werden mit Geschlechtskrankheiten angesteckt, die HIV-Dunkelziffer ist hoch. Hinzu kommen psychische oder psychosomatische Probleme, die aufgrund alltäglicher Gewalt oder chronischen Stresses entstehen. Viele Frauen leben in großer Armut, verrichten die gesamte Haus- und Feldarbeit und kümmern sich meist allein um die Kinder und die Kranken.

  • Während des Bürgerkrieges wurden in Liberia von 1989 bis 2003 nach UN-Schätzungen mindestens 40.000 Frauen vergewaltigt.
  • Oftmals waren die Frauen Gruppenvergewaltigungen, sexueller Folter und Verstümmelungen ausgesetzt, ausgeübt von Beteiligten aller Kriegsparteien.
  • Bei einer Stichprobenuntersuchung unter 388 weiblichen Flüchtlingen im Jahr 2003 gaben 74 Prozent der Frauen an, dass sie sexualisierte Gewalt erlebt hatten, als Soldaten und Rebellen ihre Häuser überfielen. 55 Prozent gaben an, dass sie sexualisierter Gewalt während Flucht und Vertreibung ausgesetzt waren.
  • Schätzungsweise 40 Prozent der rund 53.000 KämpferInnen waren KindersoldatInnen, ungefähr 2.000 davon Mädchen. KindersoldatInnen sind fast immer von sexueller Ausbeutung betroffen.
  • Auf psychosoziale Betreuung oder medizinische Versorgung können vergewaltigte Frauen höchst selten zurückgreifen. Gerade Teenager-Schwangerschaften sind ein großes Problem. Fast jede fünfte junge Frau in Liberia bekommt ihr erstes Kind im Alter von 15 bis 19 Jahren.
Ein Team von medica mondiale Liberia besucht regelmäßig die umliegenden Dörfer des Projektgebiets abseits von Fish Town. Copyright: Sanne Kaperlat/medica mondiale
Ein Team von medica mondiale Liberia besucht regelmäßig die umliegenden Dörfer des Projektgebiets abseits von Fish Town.

Seit 2006 engagiert sich medica mondiale im strukturschwachen Südosten Liberias – in einem Gemeinschaftsprojekt mit der Deutschen Welthungerhilfe zur medizinischen und psychosozialen Versorgung und Betreuung liberianischer Frauen. Ziel ist es, die Lebenssituation der Frauen zu verbessern und vorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen umzusetzen.

Seit dem 1. Juni 2015 arbeitet die von medica mondiale gegründete Frauenrechtsorganisation eigenständig unter dem Namen Medica Liberia.

 

 

Übersicht über alle Partnerorganisationen von medica mondiale

(Stand: 2016)

Projektregion: Montserrado & Marghibi Counties (Monrovia) und die Provinzen River Gee, Grand Gedeh und Sinoe

Maßnahmen und Ziele: traumasensible und geschlechtsspezifische Ansätze in der psychosozialen Arbeit, Gesundheitsarbeit und Rechtsberatung für Überlebende von sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt, Aus- und Weiterbildung staatlicher Dienstleister, Lobby-/Aufklärungsarbeit

Lokale PartnerInnen: Medica Liberia

Finanzierung: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)/ Welthungerhilfe, Fondation Pro Victimis, Medicor Foundation, Swiss Agency for Development and Cooperation (SDC), Stiftung Anne-Marie Schindler, Spenden/Eigenmittel

Projektkosten 2016: 1.292.265,50 Euro

Medica Liberia hat 2016 über 460 Fälle von Gewalt gegen Frauen und Mädchen in den Projektgebieten dokumentiert.

In 142 juristischen, psychosozialen und medizinischen Beratungen wurden Frauen und Mädchen von August bis Dezember 2016 im neuen Projektgebiet bei Monrovia unterstützt.

278 Mitarbeitende von Polizei, Gerichten, Krankenhäusern und Kliniken sowie Gemeindemitglieder erhielten mehrtägige Schulungen zu sexualisierter Gewalt gegen Frauen, zur liberianischen Gesetzgebung und zum traumasensiblen Umgang mit Betroffenen.

Quelle: Jahresbericht 2016

Geschulte Beraterinnen helfen den Frauen dabei, neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Copyright: Rendel Freude
Geschulte Beraterinnen helfen den Frauen dabei, neue Lebensperspektiven zu entwickeln.

Solidar-Netzwerk gegen Gewalt

In den abgelegenen Provinzen des liberianischen Südostens wissen Frauen und Mädchen oft nicht, wohin sie sich im Fall von Gewalt wenden können. Medica Liberia hat deswegen ein breites Unterstützungs- und Schutznetz aufgebaut, das Frauen auch in entlegenen Gemeinden zeitnah Hilfe bietet. Es werden auf Dorfebene freiwillige Ansprechpartnerinnen zu Dorfberaterinnen für diese Frauen ausgebildet. Erfährt die Polizei von einem Gewaltfall, überweist sie die Betroffene an Medica Liberia oder bittet eine der Kolleginnen um Unterstützung. Die Dorfberaterinnen vermitteln auch zwischen der betroffenen Frau und ihren Familienmitgliedern und beziehen die Dorfältesten in die Lösung von Konflikten mit ein. Viele Dorfälteste, die für die traditionelle Schlichtung verantwortlich sind, stellen sich inzwischen immer häufiger auf die Seite der Frauen und unterstützen eine Anzeige vor Gericht.

In gravierenden Fällen vermitteln die freiwilligen Helferinnen die Überlebenden von Vergewaltigung an das Team von Medica Liberia in den Provinzhauptstädten. Je nach Bedarf erhalten die betroffenen Frauen dann psychosoziale, rechtliche oder gesundheitliche Beratung; bei schweren medizinischen Problemen werden sie ins Krankenhaus begleitet. Im Frauenzentrum der Organisation in Fish Town können sie in einem Schutzhaus vorübergehend Zuflucht finden.

Aufklärung und Schulung zu Gewalt gegen Frauen

Medica Liberia verfolgt das Ziel, auf die prekäre Lage liberianischer Frauen aufmerksam zu machen.

Damit  Dorfgemeinschaften Verantwortung für den Schutz von Frauen übernehmen, klärt Medica Liberia die Bevölkerung auf Marktplätzen, in Schulen und Krankenstationen über Menschen- und Frauenrechte und sexualisierte Gewalt auf. Im Rahmen ihres gemeindebasierten Programms leistet Medica Liberia in vielen Dörfern Aufklärungsarbeit, etwa mit der Radiosendung "Kenne Deine Rechte". Hier können DorfbewohnerInnen aunrufen oder per SMS Fragen an eine Rechtsberaterin stellen.

Außerdem veranstaltet Medica Liberia Trainings zu Themen wie Gender, Gewalt und Menschenrechte durch und schult Dorfälteste, PolizistInnen, AnwältInnen und RichterInnen im stress- und traumasensiblen Umgang mit Betroffenen sexualisierter Gewalt.

Im August 2016 startete Medica Liberia ein neues Projekt, das vorsieht, in den nächs- ten drei Jahren rund um die Hauptstadt Monrovia ein Schutznetzwerk aufzubauen, um die Bevölkerung für das Thema sexualisierte Gewalt zu sensibilisieren und Frauen und Mädchen besser zu schützen. Gezielt wer- den dabei auch Männer einbezogen, die sich in soge- nannten Watch Groups zusammengeschlossen haben, um wegen der oft mangelnden Polizeipräsenz in ihren Vierteln für Sicherheit zu sorgen.

medica mondiale verfolgt das Ziel, auf die prekäre Lage liberianischer Frauen aufmerksam zu machen. Copyright: Sabine Fründt
medica mondiale verfolgt das Ziel, auf die prekäre Lage liberianischer Frauen aufmerksam zu machen.

Politisches Engagement in Monrovia

Um tiefgreifenden Wandel in Liberia anzustoßen, ist Medica Liberia auch auf politischer Ebene aktiv. In der Hauptstadt Monrovia arbeitet Medica Liberia gemeinsam mit weiteren Organisationen, dem Frauen- und dem Justizministerium an Grundsatzthemen zur Situation von Frauen. Medica Liberia ist Mitglied in der Steuerungsgruppe zu geschlechtsspezifischer Gewalt und hat an der Entwicklung des Gewaltschutzgesetzes und eines liberianischen Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Resolution 1325 mitgewirkt, durch den Frauen in den Friedensprozess einbezogen werden sollen.

(Stand: 2016)