Liberia ist eines der Länder in Westafrika, das zwischen 2014 und 2015 von einer schweren Ebola-Epidemie betroffen war. Die Krise machte die Schwächen in der liberianischen Infrastruktur und im Gesundheitssystem sehr deutlich: Schulen waren über Monate geschlossen, das Gesundheitssystem und Teile der Wirtschaft kamen fast vollständig zum Erliegen.

Nun müssen die ohnehin schwachen staatlichen Strukturen stabilisiert und Vertrauen wieder aufgebaut werden. Dies geschieht nach dem Rückzug von internationalen Organisationen unter erschwerten Bedingungen: Es herrscht Ärztemangel, oft sind keine Medikamente oder kein Benzin für die Krankenwagen vorhanden.

Für Frauen ist die Situation besonders verheerend: Sie leiden als Folge von komplizierten (Teenager-) Geburten oder Vergewaltigungen an Scheidenrissen. Viele werden mit Geschlechtskrankheiten angesteckt, die HIV-Dunkelziffer ist hoch. Hinzu kommen psychische oder psychosomatische Probleme, die aufgrund alltäglicher Gewalt oder chronischen Stresses entstehen. Viele Frauen leben in großer Armut, verrichten die gesamte Haus- und Feldarbeit und kümmern sich meist allein um die Kinder und die Kranken.

  • Während des Bürgerkrieges wurden in Liberia von 1989 bis 2003 schätzungsweise zwei von drei Frauen vergewaltigt.
  • Oftmals waren die Frauen Gruppenvergewaltigungen, sexueller Folter und Verstümmelungen ausgesetzt, ausgeübt von Beteiligten aller Kriegsparteien.
  • Bei einer Stichprobenuntersuchung unter 388 weiblichen Flüchtlingen im Jahr 2003 gaben 74 Prozent der Frauen an, dass sie sexualisierte Gewalt erlebt hatten, als Soldaten und Rebellen ihre Häuser überfielen. 55 Prozent gaben an, dass sie sexualisierter Gewalt während Flucht und Vertreibung ausgesetzt waren.
  • Schätzungsweise 40 Prozent der rund 53.000 KämpferInnen waren KindersoldatInnen, ungefähr 2.000 davon Mädchen. KindersoldatInnen sind fast immer von sexueller Ausbeutung betroffen.
  • Auf psychosoziale Betreuung oder medizinische Versorgung können vergewaltigte Frauen höchst selten zurückgreifen. Gerade Teenager-Schwangerschaften sind ein großes Problem. Fast jede fünfte junge Frau in Liberia bekommt ihr erstes Kind im Alter von 15 bis 19 Jahren.
Ein Team von medica mondiale Liberia besucht regelmäßig die umliegenden Dörfer des Projektgebiets abseits von Fish Town. Copyright: Sanne Kaperlat/medica mondiale
Ein Team von medica mondiale Liberia besucht regelmäßig die umliegenden Dörfer des Projektgebiets abseits von Fish Town.

Seit 2006 engagiert sich medica mondiale im strukturschwachen Südosten Liberias – in einem Gemeinschaftsprojekt mit der Deutschen Welthungerhilfe zur medizinischen und psychosozialen Versorgung und Betreuung liberianischer Frauen. Ziel ist es, die Lebenssituation der Frauen zu verbessern und vorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen umzusetzen.

Seit dem 1. Juni 2015 arbeitet die von medica mondiale gegründete Frauenrechtsorganisation eigenständig unter dem Namen Medica Liberia.

Die Mitarbeiterinnen von Medica Liberia arbeiten eng mit dem staatlichen Gesundheitssystem zusammen, trainieren etwa Gesundheitsfachkräfte zu sexualisierter Gewalt, Trauma-Folgen oder Selbstfürsorge und beteiligen sich an Aufklärungskampagnen. In der Ebola-Krise konnten sie entscheidend zur Prävention, Aufklärung und Eindämmung des Virus beitragen.

Finanziert wird das Projekt vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Es ist Teil eines Programms der Kreditanstalt für Wiederaufbau.

(Stand: Juni 2015)

Projektregion: Monrovia und die Provinzen River Gee, Grand Gedeh und Sinoe

Maßnahmen und Ziele: Aufbau von Solidaritäts- und Schutznetzwerken, Reintegrations- und Wiederaufbauprogramm in Südost-Liberia, Basisunterstützung und Ebolabekämpfung, Befähigung lokaler Gemeinschaften zur Bekämpfung von Ebola, Organisationsentwicklung.

Lokale PartnerInnen: Medica Liberia

Finanzierung: Deutsche Welthungerhilfe e.V. (KfW), Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), Fondation Pro Victimis, medicor foundation, private Spenden

Projektkosten 2015: 1.412.113,32 Euro

Mehr als 260 Frauen und Mädchen haben 2015 die Rechtsberatung von Medica Liberia in Anspruch genommen.

In mehr als 2.800 Sitzungenen haben Frauen und Mädchen in unseren Einsatzgebieten psychosoziale, gesundheitliche und rechtliche Beratung erhalten.

Rund 14.000 Frauen, Männer und Jugendliche aus insgesamt 73 Gemeinden wurden durch das Beraterinnen-Netzwerk von Medica Liberia über sexualisierte Gewalt und ihre Folgen aufgeklärt. 

385 Frauen setzen sich in Solidar- und Unterstützungsgruppen in ihren Dörfern und Gemeinden gegen Gewalt ein und bieten Betroffenen damit eine gut erreichbare, schnelle und traumasensible Unterstützung.

80 Dorfälteste, PolizistInnen, AnwältInnen und RichterInnen wurden in 18 Trainingseinheiten im stress- und traumasensiblen Umgang geschult.

 

Quelle: Jahresbericht 2015

Geschulte Beraterinnen helfen den Frauen dabei, neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Copyright: Rendel Freude
Geschulte Beraterinnen helfen den Frauen dabei, neue Lebensperspektiven zu entwickeln.

Solidar-Netzwerk gegen Gewalt

In den abgelegenen Provinzen des liberianischen Südostens wissen Frauen und Mädchen oft nicht, wohin sie sich im Fall von Gewalt wenden können. Medica Liberia hat deswegen ein breites Unterstützungs- und Schutznetz aufgebaut, das Frauen auch in entlegenen Gemeinden zeitnah Hilfe bietet. Es werden auf Dorfebene freiwillige Ansprechpartnerinnen zu Dorfberaterinnen für diese Frauen ausgebildet. Erfährt die Polizei von einem Gewaltfall, überweist sie die Betroffene an Medica Liberia oder bittet eine der Kolleginnen um Unterstützung. Die Dorfberaterinnen vermitteln auch zwischen der betroffenen Frau und ihren Familienmitgliedern und beziehen die Dorfältesten in die Lösung von Konflikten mit ein. Viele Dorfälteste, die für die traditionelle Schlichtung verantwortlich sind, stellen sich inzwischen immer häufiger auf die Seite der Frauen und unterstützen eine Anzeige vor Gericht.

In gravierenden Fällen vermitteln die freiwilligen Helferinnen die Überlebenden von Vergewaltigung an das Team von Medica Liberia in den Provinzhauptstädten. Je nach Bedarf erhalten die betroffenen Frauen dann psychosoziale, rechtliche oder gesundheitliche Beratung; bei schweren medizinischen Problemen werden sie ins Krankenhaus begleitet. Im Frauenzentrum der Organisation in Fish Town können sie in einem Schutzhaus vorübergehend Zuflucht finden.

Aufklärung und Schulung zu Gewalt gegen Frauen

Medica Liberia verfolgt das Ziel, auf die prekäre Lage liberianischer Frauen aufmerksam zu machen.

Damit  Dorfgemeinschaften Verantwortung für den Schutz von Frauen übernehmen, klärt Medica Liberia die Bevölkerung auf Marktplätzen, in Schulen und Krankenstationen über Menschen- und Frauenrechte und sexualisierte Gewalt auf. Im Rahmen ihres gemeindebasierten Programms leistet Medica Liberia in vielen Dörfern Aufklärungsarbeit, etwa mit der Radiosendung "Kenne Deine Rechte". Hier können DorfbewohnerInnen aunrufen oder per SMS Fragen an eine Rechtsberaterin stellen.

Außerdem veranstaltet Medica Liberia Trainings zu Themen wie Gender, Gewalt und Menschenrechte durch und schult Dorfälteste, PolizistInnen, AnwältInnen und RichterInnen im stress- und traumasensiblen Umgang mit Betroffenen sexualisierter Gewalt.

medica mondiale verfolgt das Ziel, auf die prekäre Lage liberianischer Frauen aufmerksam zu machen. Copyright: Sabine Fründt
medica mondiale verfolgt das Ziel, auf die prekäre Lage liberianischer Frauen aufmerksam zu machen.

Politisches Engagement in Monrovia

Um tiefgreifenden Wandel in Liberia anzustoßen, ist Medica Liberia auch auf politischer Ebene aktiv. In der Hauptstadt Monrovia arbeitet Medica Liberia gemeinsam mit weiteren Organisationen, dem Frauen- und dem Justizministerium an Grundsatzthemen zur Situation von Frauen. Medica Liberia ist Mitglied in der Steuerungsgruppe zu geschlechtsspezifischer Gewalt und hat an der Entwicklung des Gewaltschutzgesetzes und eines liberianischen Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Resolution 1325 mitgewirkt, durch den Frauen in den Friedensprozess einbezogen werden sollen.

Im Einsatz gegen Ebola

Am 9. Mai 2015 erklärte die Weltgesundheitsorganisation Liberia für Ebola-frei. Jedoch haben eineinhalb Jahre Ausnahmezustand durch das tödliche Virus in dem kleinen westafrikanischen Land tiefe Spuren hinterlassen. Der Wiederaufbau ist für ein Nachkriegsland wie Liberia, das seit Jahrzehnten unter Armut, Instabilität und Gewalt leidet, eine unvorstellbar schwere Aufgabe.

Medica Liberia leistet dabei wertvolle Arbeit. Denn seit dem Ausbruch der Ebola-Seuche im Sommer 2014 waren die Mitarbeiterinnen von Medica Liberia aktiv in der Ebola-Prävention und der Bekämpfung der tödlichen Krankheit tätig.

Die Strategie von Medica Liberia zur Prävention und Bekämpfung von Ebola umfasste zahlreiche Maßnahmen, zum Beispiel in den Bereichen Aufklärungsarbeit und trauma-sensible psychologische Nothilfe. Unsere Fachberaterinnen leisteten Aufklärungsarbeit, Solidargruppen klärten in den Gemeinden Dorfälteste und religiöse Führer über Möglichkeiten auf, um die Epidemie aufzuhalten.

 (Stand: 2015)