14 Jahre Bürgerkrieg um Macht und Rohstoffe haben bis heute ihre Spuren in Liberia hinterlassen. In vielen Regionen herrscht erdrückende Armut, die sehr oft zu Diskriminierung und Gewalt führt. Darunter leiden insbesondere Frauen und Mädchen: Häusliche Gewalt, sexuelle Ausbeutung und Vergewaltigung geschehen jeden Tag. Unterstützungsangebote fehlen ebenso wie das allgemeine Bewusstsein für Frauenrechte und Präventionsmöglichkeiten. Zwar arbeitete die liberianische Regierung auch 2012 an Maßnahmen zur Verbesserung der Frauenrechtslage, bislang greifen diese jedoch nur langsam. Vor allem im Südosten, weit entfernt von der belebten Westküste, ist die allgemeine Infrastruktur schlecht, Hilfsorganisationen gibt es nur wenige. Seit 2011 halten sich zudem Zehntausende Flüchtlinge aus der Elfenbeinküste in der Grenzregion auf, die mitversorgt werden müssen.

  • In Liberia wurden während des Bürgerkrieges von 1989 bis 2003 schätzungsweise zwei von drei Frauen vergewaltigt.
  • Etliche Frauen haben während des Bürgerkrieges Vergewaltigungen erlebt – oftmals Gruppenvergewaltigungen, sexuelle Folter und Verstümmelung, ausgeübt von Beteiligten aller Kriegsparteien.
  • Bei einer Stichprobenuntersuchung unter 388 weiblichen Flüchtlingen im Jahr 2003 gaben 74 Prozent der Frauen an, dass sie sexualisierte Gewalt erlebt hatten, als Soldaten und Rebellen ihre Häuser überfielen. 55 Prozent gaben an, dass sie sexualisierter Gewalt während Flucht und Vertreibung ausgesetzt waren.
  • Schäzungsweise 40 Prozent der rund 53.000 KämpferInnen waren KindersoldatInnen, ungefähr 2.000 davon Mädchen. KindersoldatInnen sind fast immer auch von sexueller Ausbeutung betroffen.
  • Auf psychosoziale Betreuung oder medizinische Versorgung können vergewaltigte Frauen höchst selten zurückgreifen.
  • Gerade Teenager-Schwangerschaften sind ein großes Problem. Fast jede fünfte junge Frau in Liberia bekommt ihr erstes Kind im Alter von 15 bis 19 Jahren.
Ein Team von medica mondiale Liberia besucht regelmäßig die umliegenden Dörfer des Projektgebiets abseits von Fish Town. Copyright: Sanne Kaperlat/medica mondiale
Ein Team von medica mondiale Liberia besucht regelmäßig die umliegenden Dörfer des Projektgebiets abseits von Fish Town.

Seit 2006 engagiert sich medica mondiale im strukturschwachen Südosten Liberias – in einem Gemeinschaftsprojekt mit der Deutschen Welthungerhilfe zur medizinischen und psychosozialen Versorgung und Betreuung liberianischer Frauen. Ziel ist es, die Lebenssituation der Frauen zu verbessern und vorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen umzusetzen. Finanziert wird das Projekt vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Es ist Teil eines Programms der Kreditanstalt für Wiederaufbau.

Projektregion: Monrovia und die Provinzen River Gee, Grand Gedeh und Sinoe (Liberia)

Zielgruppe: Frauen und Mädchen im Südosten Liberias, die von geschlechtsspezifischer, insbesondere sexualisierter Gewalt betroffen sind; Autoritäten in Gemeinden und Bezirksregierungen sowie Sicherheits-, Justiz- und Gesundheitspersonal; Dorfgemeinschaften

Projektaktivitäten: Trauma-sensible Rechts-, Gesundheits- u. psychosoziale Beratung u. Weiterbildung, Mediation, Friedensarbeit, Sensibilisierung u. Aufklärung von EntscheidungsträgerInnen auf lokaler, regionaler u. nationaler Ebene, Betrieb eines Frauenschutzhauses, Entwicklung nachhaltiger Organisationsstrukturen, Netzwerkarbeit

Partner: Deutsche Welthungerhilfe

Finanzierung: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), private Spenden

Projektkosten 2012: 1.544.534 Euro

322 Frauen setzen sich im Südosten Liberias regelmäßig in Dörfern und Gemeinden für Gewaltprävention ein und vermitteln betroffene Frauen und Mädchen an medica mondiale Liberia, Polizei oder Gesundheitszentren.

843 neue Klientinnen erhielten psychosoziale, gesundheitliche oder rechtliche Beratung und wurden durch Schutznetzwerke unterstützt.

1.593 Gemeindemitglieder und Dorfälteste nahmen an Aufklärungsveranstaltungen über sexualisierte Gewalt, Gesundheit oder Frauenrechte teil.

Quelle: Jahresbericht 2012

Geschulte Beraterinnen helfen den Frauen dabei, neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Copyright: Rendel Freude
Geschulte Beraterinnen helfen den Frauen dabei, neue Lebensperspektiven zu entwickeln.

Solidar-Netzwerk gegen Gewalt

In den abgelegenen Provinzen des liberianischen Südostens wissen Frauen und Mädchen oft nicht, wohin sie sich im Fall von Gewalt wenden können. medica mondiale Liberia hat deswegen ein breites Unterstützungs- und Schutznetz aufgebaut, das Frauen auch in entlegenen Gemeinden zeitnah Hilfe bietet. Es werden auf Dorfebene freiwillige Ansprechpartnerinnen zu Dorfberaterinnen für diese Frauen ausgebildet. Sie überlegen gemeinsam mit den Hilfe suchenden Frauen, was sie bei einer Vergewaltigung oder bei Gewalt in der Familie tun können und sind im Krankenhaus, bei der Polizei oder vor Gericht an ihrer Seite. Die Dorfberaterinnen vermitteln auch zwischen der betroffenen Frau und ihren Familienmitgliedern und beziehen die Dorfältesten in die Lösung von Konflikten mit ein. In gravierenden Fällen vermitteln die freiwilligen Helferinnen die Überlebenden von Vergewaltigung an das Team von medica mondiale Liberia in den Provinzhauptstädten. Je nach Bedarf erhalten die betroffenen Frauen dann psychosoziale, rechtliche oder gesundheitliche Beratung; bei schweren medizinischen Problemen werden sie ins Krankenhaus begleitet. Im Frauenzentrum der Organisation in Fish Town können sie in einem Schutzhaus vorübergehend Zuflucht finden.

Aufklärung und Schulung zu Gewalt gegen Frauen

Damit auch Dorfgemeinschaften Verantwortung für den Schutz von Frauen übernehmen, klärt medica mondiale Liberia die Bevölkerung auf Marktplätzen, in Schulen und Krankenstationen über Menschen- und Frauenrechte und sexualisierte Gewalt auf. Auch Kampagnen, Theateraufführungen und Radiosendungen tragen diese Informationen zu Frauen und Männern in die Dörfer. Außerdem richtet sich medica mondiale mit Schulungen an die Polizei, an Gerichte, Gefängnisse sowie an Schulen und Krankenhäuser. Ziel ist es, das Personal für das Thema Gewalt gegen Frauen zu sensibilisieren, ihnen traumasensible Arbeitsmethoden an die Hand zu geben und zu verdeutlichen, dass Vergewaltigung ein schweres Menschenrechtsverbrechen ist.

medica mondiale verfolgt das Ziel, auf die prekäre Lage liberianischer Frauen aufmerksam zu machen. Copyright: Sabine Fründt
medica mondiale verfolgt das Ziel, auf die prekäre Lage liberianischer Frauen aufmerksam zu machen.

Politisches Engagement in Monrovia

Um tiefgreifenden Wandel in Liberia anzustoßen, ist medica mondiale auch auf politischer Ebene aktiv. In der Hauptstadt Monrovia arbeitet medica mondiale gemeinsam mit weiteren Organisationen, dem Frauen- und dem Justizministerium an Grundsatzthemen zur Situation von Frauen. medica mondiale Liberia ist Mitglied in der Steuerungsgruppe zu geschlechtsspezifischer Gewalt und hat an der Entwicklung des Gewaltschutzgesetzes und eines liberianischen Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Resolution 1325 mitgewirkt, durch den Frauen in den Friedensprozess einbezogen werden sollen.

Wege aus der Armut

Ihren Lebensunterhalt eigenständig sichern zu können, hilft den von Gewalt betroffenen Frauen zu überleben und ihre belastenden Erfahrungen zu bewältigen. Der Südosten Liberias ist eine Region, in der große Armut und oft auch Hunger herrschen. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Welthungerhilfe unterstützt medica mondiale den Zusammenschluss von Frauen zu kleinen landwirtschaftlichen Produktionsgruppen.

Im Einsatz gegen Ebola

Seit dem Ausbruch der Ebola-Seuche im Sommer 2014 sind die Mitarbeiterinnen von medica mondiale Liberia aktiv tätig in der Ebola-Prävention und der Bekämpfung der tödlichen Krankheit. Die Strategie von medica mondiale Liberia zur Prävention und Bekämpfung von Ebola umfasst zahlreiche Maßnahmen, zum Beispiel in den Bereichen Aufklärungsarbeit und trauma-sensible psychologische Nothilfe. Unsere Fachberaterinnen leisten Aufklärungsarbeit, informieren Frauen der medica mondiale-Solidargruppen über Ebola und geben Tipps zur Prävention. Die Solidargruppen klären in den Gemeinden Dorfälteste und religiöse Führer auf, wie die weitere Ausbreitung der Epidemie verhindert werden kann.