Die Region Syrien/Irak ist seit Herbst 2014 regionaler Schwerpunkt unseres Förderprogramms für Partnerorganisationen. Frauen und Mädchen aus Syrien und dem Irak sind sowohl in ihren Heimatländern als auch auf der Flucht von sexualisierter Gewalt betroffen und bedroht. Gründe hierfür sind unter anderem der Krieg in Syrien, die instabile politische Situation im Irak und Angriffe der Terrormiliz "Islamischer Staat". Durch die Kooperation mit regionalen Frauenorganisationen und mit der Regionalregierung der Autonomen Region Kurdistan in Dohuk/Irak wollen wir die Unterstützungsangebote für Frauen und Mädchen in der Region langfristig und nachhaltig stärken und verbessern.

Syrien

  • Nach Informationen der Vereinten Nationen (UN) wurden seit März 2011 durch den Krieg in Syrien mehr als 250.000 Syrerinnen und Syrer getötet und mehr als eine Million verletzt. 4,9 Millionen Menschen flüchteten aus Syrien, 6,5 Millionen Binnenvertriebene sind innerhalb Syriens auf der Flucht.
  • Sexualisierte Gewalt wird im Syrien-Konflikt systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. Vergewaltigungen, sexuelle Versklavung, Zwangsverheiratungen oder andere Formen sexualisierter Gewalt sind neben den militärischen Angriffen und der Zerstörung notwendiger Infrastruktur eine der wichtigsten frauenspezifischen Fluchtursachen.
  • Besonders bedroht sind Frauen und Mädchen in Gebieten, die von IS-Milizen kontrollierten werden, in Gefängnissen, in Polizeistationen und an Checkpoints. Außerhalb Syriens ist die Bedrohung durch sexualisierte Gewalt sehr hoch in Flüchtlingslagern, in privaten Wohnungen durch Nachbarn und Vermieter und durch Mitarbeiter von Hilfsorganisationen.
Straßenszene mit drei jungen Frauen in der Nähe von Palmyra, Syrien, 2008. Copyright: Cristian Stefanescu/flickr creative common license
  • Die syrische Gesellschaft sieht Frauen und Mädchen, die vergewaltigt worden sind, nicht als Opfer oder Überlebende von Gewalt. Sie gelten als Symbol einer „Schande“, von der die Großfamilie reingewaschen werden muss. Viele Frauen und Mädchen sprechen deshalb nicht über ihre Erfahrungen, weil sie teilweise zu Recht befürchten, dass sie getötet werden.
  • Auf die Frage des Internationalen Flüchtlingskomitees nach den größten Schwierigkeiten nannten syrische Frauen und Mädchen, die in Nachbarländer Syriens geflohen sind: die alltägliche Furcht vor sexueller Ausbeutung und Belästigung, die Angst vor Gewalt durch Familienangehörige und die Angst vor Zwangsverheiratung.
  • Die UN berichtet, dass viele Frauen mit ihren Kindern in Nachbarländer flüchten. Demnach waren 2013 rund 80 Prozent der nach Jordanien geflüchteten Menschen Frauen und Kinder. Sie leben dort oft mittellos in unzureichenden Unterkünften, können medizinische Hilfe schwer erreichen und sind von Ausbeutung, Überlebensprostitution und anderen Formen sexualisierter Gewalt bedroht.
Die Frauenhilfsorganisation The Association of Legal Aid Against Sexual Violence unterstützt Frauen & Mädchen in Flüchtlingslagern an der türkisch-syrischen Grenze, gefördert von medica mondiale seit 2014. © Associaton of Legal Aid Against Sexual Violence
  • In türkischen Flüchtlingslagern nahe der syrischen Grenze fürchten viele Frauen Übergriffe von IS-Terrormilizen, die in der Türkei agieren. Viele Syrerinnen hoffen deshalb verzweifelt, aus der Türkei weiter nach Europa fliehen zu können. Eine große Fluchtbewegung wurde im Juli 2015 durch den Anschlag auf ein Kulturzentrum in Suruc ausgelöst.
  • In der Hoffnung auf eine Fluchtmöglichkeit in ein europäisches Land, lebten 2015 viele SyrerInnen beispielsweise in Istanbul, Izmir oder Edirne auf der Straße. Nach Berichten einer Partnerorganisation geht die Polizei repressiv gegen Geflüchtete vor, die in Richtung Europa reisen wollen.
  • Die Not der Zufluchtsuchenden wird auch in der Türkei auf vielfältige Weise ausgebeutet. Familienangehörigen von Kindern wird dringend benötigte Nahrung oder Geld gegen die Vergewaltigung ihrer Kinder angeboten, Frauen werden zu sogenannter Überlebensprostitution gezwungen.

Irak

  • Seit Januar 2014 sind laut einem Bericht der EU-Kommission 3,2 Millionen Binnenvertriebene im Irak auf der Flucht vor der Gewalt der IS-Milizen. Rund eine Million Binnenvertriebene haben Schutz in der Autonomen Region Kurdistan gesucht, die von einer Regionalregierung geleitet wird. 
  • In einer vom Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) und der irakischen Regierung 2009 veröffentlichten Umfrage erklärten 68 Prozent der jungen irakischen Männer, es sei akzeptabel ein Mädchen für die Verletzung der Familienehre zu töten.
  • 2013 wurden laut dem gerichtsmedizinischen Institut der Autonomen Region Kurdistan 1.748 Frauen verbrannt, erschossen oder erstickt. Weitere 236 Frauen wurden durch Verbrennungen verletzt. 
Irakisches Mädchen blickt durch vergittertes Fenster.
  • Seit der ökonomischen und politischen Krise hat innerfamiliäre Gewalt in der Autonomen Region Kurdistan deutlich zugenommen. Frauen, die vor dieser Gewalt geflohen sind, werden in einem Zufluchtshaus oft über Jahre vor der Ermordung durch ihre Familien geschützt. Für die Frauen bedeutet das quasi ein Leben in Gefangenschaft.
  • Einer Studie des irakischen Gesundheitsministeriums aus den Jahren 2006-2007 zufolge, hat mehr als jede fünfte irakische Frau (21 Prozent) zwischen 15 und 49 Jahren bereits physische Gewalt durch ihren Ehemann erlitten. Die Mehrheit (83 Prozent) aller verheirateten Frauen im Irak werden laut einem von Human Rights Watch 2011 veröffentlichten Bericht von ihren Männern massiv kontrolliert.
  • Im Irak wurde 1959 wurde ein fortschrittliches Familiengesetz verabschiedet. Durch die Sanktionen der Vereinten Nationen nach dem Golfkrieg (1990-1991) litt die irakische Wirtschaft. Frauen wurden vom Arbeitsmarkt verdrängt und traditionellen Rollenvorschriften und Kleidungsvorschriften unterworfen. Zahlreiche Gewalttaten gegen Frauen durch irakische Sicherheitskräfte, US-Soldaten und vor allem auch jihadistische Kämpfer sind dokumentiert. Existierende Gesetze, die die Rechte von Frauen schützen, werden nicht angewandt.
  • Die Regionalregierung der Autonomen Region Kurdistan hat seit 2009 weitreichende Rechtsreformen zum Schutz von Frauen vor Gewalt verabschiedet. So auch das Gesetz gegen häusliche Gewalt von 2011 welches u.a. häusliche Gewalt, Zwangsverheiratung, und weibliche Genitalverstümmelung unter Strafe stellt. Darüber hinaus wurden in Kurdistan zahlreiche Anlaufstellen für Frauen eingerichtet.
  • Homosexuelle Menschen, Bisexuelle und Transgender werden nach Information von IGLHRC (International gay and lesbian human rights commission) sowohl durch IS-Milizen als auch durch irakische Milizen mit dem Tode bedroht. Menschenrechtsverletzungen gegen diese Menschengruppe – zum Beispiel Ermordung oder Zwangsverheiratung durch ihre Familien und gewalttätige Übergriffe von Sicherheitskräften – nehmen im Irak seit Jahren zu.
  • UNICEF berichtete im Oktober 2015, dass rund zwei Millionen Kinder im Irak aufgrund des Krieges keine Schule besuchen können.

(Stand: Mai 2016)

 

 

Autonome Region Kurdistan, Irak

Halabja, Irak: Bildungsangebote wie Nähkurse, Englischunterricht und Computer-Training schenken den Frauen Selbstvertrauen und unterstützen sie darin, selbständig zu leben. © NWE
  • NWE (Organization for Environmental Protection and Defense of Women's Rights)
    Die kurdische Organisation NWE, die seit Dezember 2015 von medica mondiale gefördert wird, betreibt in Halabja seit Anfang der 90er Jahre ein großes Frauenzentrum. Durch unterschiedliche Bildungs- und Beratungsangebote werden Frauen dort unterstützt und gestärkt. Durch die Förderung von medica mondiale kann NWE diese Angebote ausweiten und zusätzlich viele nach Halabja geflüchtete Frauen und Mädchen unterstützen. Traumatherapie, gynäkologische Beratung, die Sensibilisierung für Frauenrechte, Nähkurse und Selbsthilfegruppen werden ermöglicht. In geschützten Gruppen, die von einer Psychologin geleitet werden, haben alle Frauen die Möglichkeit, über erfahrene Gewalt zu sprechen. Da sexualisierte Gewalt tabuisiert ist, können die Frauen sich sonst kaum jemandem anvertrauen.
Einsatzgebiet Nordirak: medica mondiale möchte durch die Förderung von Frauenorganisationen sowie die Schulung von Gesundheitspersonal das Unterstützungsangebot für Frauen und Mädchen in der Region Syrien/Irak nachhaltig verbessern. © medica mondiale
  • Zusammenarbeit von medica mondiale mit der Gesundheitsbehörde in der Provinz Dohuk
    In der kurdischen Region Dohuk schult medica mondiale Gesundheitspersonal zu sexualisierter Gewalt und traumasensibler psychosozialer Beratung. Die ÄrztInnen, und PsychologInnen, Hebammen und ErsthelferInnen arbeiten in Krankenhäusern und Gesundheitsstationen oft mit überlebenden Frauen und Mädchen, die der Gewalt und Folter von IS-Milizen entkommen sind. Bisher gab es keine speziellen oder systematischen Ausbildungseinheiten zum Umgang mit Überlebenden von sexualisierter Gewalt im Curriculum von medizinischen Fachkräften. Um das Wissen weiterzugeben und zu verbreiten, werden TrainerInnen ausgebildet und Trainingsmaterialien in verschiedenen Sprachen erstellt. Zudem unterstützt medica mondiale die Gesundheitsbehörde der Region Dohuk darin, Standards für die psychosoziale Beratung zu entwickeln. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Beratung von Überlebenden sexualisierter Gewalt. medica mondiale hat durch diese Kooperation in der Provinz Dohuk die Möglichkeit, die Standards für medizinische und psychologische Unterstützung von Frauen und Mädchen, die Gewalt erfahren haben, grundsätzlich zu verbessern und gleichzeitig in nachhaltigen Strukturen zu verankern.
v.l.n.r. Dr. Maiss Sadeq (Vorstand Women for a Better Healthy Life), Dr. Luma Haszim (Vorstand), Architektin GIZ, medica mondiale Psychologin Dr. Sybille Manneschmidt, Teilnehmerin medica mondiale Schulung, Fotografin Renas Merkhan. © medica mondiale
  • Lokale Frauenrechtsorganisation WFBHL (Women for Better Healthy Life)
    Aktivistinnen verschiedenster Ethnien und Religionszugehörigkeit haben sich in Dohuk zusammengefunden, um die Nichtregierungsorganisation „Women for Better Healthy Life“ registrieren zu lassen.

Türkei

Edirne, Türkei: Die Kolleginnen der von uns geförderten Frauenhilfsorganisation unterstützen die Frauen und Mädchen, unter anderem indem sie medizinische und psychosoziale Hilfe vermitteln. Copyright: Association of Legal Aid Against Sexual Violence
  • The Association of Legal Aid Against Sexual Violence
    Seit Dezember 2014 unterstützt medica mondiale die Frauenhilfsorganisation The Association of Legal Aid Against Sexual Violence. Die Organisation bietet syrischen Frauen in der Türkei Rechtsberatung und die Vermittlung juristischer, medizinischer und psychosozialer Hilfe an. Zudem werden Fälle sexualisierter Gewalt dokumentiert, um eine spätere strafrechtliche Verfolgung zu ermöglichen und die Öffentlichkeit über die Gewalt gegen Frauen zu informieren. Syrische Geflüchtete haben in der Türkei keinen rechtlichen Anspruch auf Unterkunft, Nahrung, medizinische Versorgung oder psychosoziale Beratung. Viele syrische Frauen und Mädchen leben deshalb obdach- und mittellos auf der Straße. The Association of Legal Aid Against Sexual Violence ist schwerpunktmäßig in grenznahen Flüchtlingslagern und in Istanbul, Izmir und Edirne aktiv, um möglichst viele geflüchtete Frauen und Mädchen zu erreichen.

(Stand: 05/2016)

Um die Arbeit lokaler Frauenrechtsorganisationen zu unterstützen, hat medica mondiale 2004 den Projektefonds eingerichtet. Aus ihm fließen Fördergelder an ausgewählte Organisationen und Projekte. Die Region Syrien/Irak ist seit Herbst 2014 regionaler Schwerpunkt des Projektefonds. Ziel ist es, direkte Hilfe für von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen und Mädchen vor Ort zu sichern, den Aufbau fachlicher Kapazitäten zu unterstützen und den Organisationen Zugang zu Wissen und Netzwerken zu erleichtern. Kooperationen, die sich im Laufe der Förderung als erfolgreich erweisen, können zu einer umfangreicheren Zusammenarbeit ausgeweitet werden. So will medica mondiale langfristige Partnerschaften etablieren. 

In der kurdischen Region Dohuk schult medica mondiale Gesundheitspersonal zu sexualisierter Gewalt und traumasensibler psychosozialer Beratung. Zudem unterstützt medica mondiale die Gesundheitsbehörde der Region Dohuk darin, Standards für die psychosoziale Beratung zu entwickeln. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Beratung von Überlebenden sexualisierter Gewalt.