Geschäftsführung und Vorstand v.l.n.r.: Dr. Monika Hauser, Christiane Overkamp (ehemalige Geschäftsführerin), Diana Krüger (nicht mehr im Vorstand) Dr. Claudia Czerwinski, Heidi Baumann, Heidi Thiemann und Karin Schüler.

Ein Jahr der Entwicklung - Bericht des Vorstandes 2016

Die anhaltenden Konflikte in Syrien, Afghanistan und im Irak und die damit einhergehende sexualisierte Gewalt haben 2016 erneut unser volles Engagement gefordert. Mit den vielen in Deutschland Schutzsuchenden sind Krieg und Gewalt zudem auch hier Thema geworden. Die hohe Nachfrage an unseren Fortbildungen zum stress- und traumasensiblen Umgang mit Geflüchteten zeigt, dass Wissen dazu auch hierzulande noch fehlt. Zugleich machen die weltweiten Konflikte und Fluchtbewegungen deutlich, dass wir uns noch stärker einsetzen müssen, die Unterstützung und den Schutz für Frauen in und aus Kriegs- und Krisengebieten zu verbessern – ob beim Gewaltschutz in Flüchtlingsunterkünften oder in der Außen- und Entwicklungspolitik. Um diese Herausforderungen anzugehen, haben wir 2016 unsere Gesamtstrategie weiterentwickelt und die Geschäftsführung neu geordnet.

Einsatz im Nordirak ausgeweitet

Engagement für geflüchtete Frauen und Mädchen

Mehr als sechs Jahre schon tobt der Bürgerkrieg in Syrien, mit verheerenden Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung. Millionen Menschen sind auf der Flucht, die Zahl der Opfer steigt täglich. Auch der Irak, wo viele von ihnen Schutz suchen, wird von inneren Konflikten und Terror erschüttert. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen wird dabei von allen Konfliktparteien ausgeübt. Seit 2014 engagiert sich medica mondiale für die Betroffenen - vorwiegend in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak, die neben den Geflüchteten aus Syrien sehr viele intern Vertriebene aufgenommen hat. 2016 hat medica mondiale ein Büro in Dohuk eröffnet, das die Arbeit vor Ort koordiniert.

Verbreitung unseres stress- und traumasensiblen Ansatzes

Im vergangenen Jahr haben wir mit finanzieller Förderung des Bundesentwicklungsministeriums ein breit angelegtes Qualifizierungsprogramm gestartet, das Fachkräften in Gesundheitseinrichtungen, Beratungsstellen und Flüchtlingslagern Kenntnisse zum stress- und traumasensiblem Umgang mit Überlebenden sexualisierter Gewalt, psychosozialer Beratung und psychischer Gesundheit vermittelt. Die Unterstützung kommt nicht nur Geflüchteten zugute, sondern auch der lokalen Bevölkerung. Denn gerade in Krisen steigt mit den Belastungen für die Menschen erfahrungsgemäß auch die innerfamiliäre Gewalt.

Lokale Organisationen unterstützen

Deshalb werden MitarbeiterInnen lokaler Strukturen wie der Polizei, der Büros gegen Gewalt an Frauen und des Frauenschutzhauses in Dohuk einbezogen, die Betroffenen Schutz und Beratung bieten. Um Menschen in weiteren Gebieten im Nordirak zu erreichen, führt medica mondiale das Programm zusammen mit der Berliner Organisation Haukari und dem Frauenzentrum Khanzad durch, die schon jahrzehntelang in der Region Sulaymaniyah tätig sind. Zudem unterstützen wir durch finanzielle Förderung die Arbeit mehrerer kleiner Frauenorganisationen.

Unterstützung für Geflüchtete in Deutschland

Fortbildungsprogramm für ehrenamtliche HelferInnen

Unter den Menschen, die besonders seit letztem Jahr in Deutschland Zuflucht suchen, sind viele Frauen und Mädchen, die vielfältige Formen von Gewalt erlebt haben und nun in fremder Umgebung zurechtkommen müssen. medica mondiale hat 2016 ein Fortbildungsprogramm initiiert, das in der Flüchtlingshilfe Tätigen Grundkenntnisse im sensiblen Umgang mit traumatisierten Menschen vermittelt. Ziel des vom Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen geförderten Projekts ist es, vor allem geflüchteten Frauen und Mädchen Zugang zu empathischer und kompetenter Unterstützung zu eröffnen. 2016 hat medica mondiale dazu mehr als 200 haupt- und ehrenamtliche Kräfte geschult.

Strategische Weiterentwicklung

Notwendigkeit einer strategischen Neuausrichtung

Trotz zahlreicher internationaler Abkommen zu einem besseren Schutz von Frauen und Mädchen und ihrer aktiven Teilhabe ist sexualisierte Gewalt in Kriegs- und Krisengebieten in allen Konfliktphasen noch immer weit verbreitet. Dieser politische Stillstand sowie aktuelle Konflikte, die weltweit Millionen Menschen zur Flucht zwingen, machen eine strategische Neuausrichtung unseres Engagements notwendig. Gemeinsam haben Management, Verein und Mitarbeiterinnen von medica mondiale eine Strategie für die Jahre 2016 bis 2020 erarbeitet und vier Schwerpunkte definiert.

Entwicklungspolitische Ziele

So soll unser stress- und traumasensibler Ansatz zum Umgang mit sexualisierter Kriegsgewalt weiterentwickelt und in der entwicklungspolitischen Arbeit verankert werden. Damit etabliert sich medica mondiale immer mehr auch als Trauma- Fachorganisation. Außerdem wollen wir auf politische SchlüsselakteurInnen wie die Bundesregierung einwirken, das Thema sexualisierte Kriegsgewalt in der Krisenprävention, Stabilisierung und Konfliktnachsorge mehr als bisher zu berücksichtigen. Ein nach wie vor wichtiges Anliegen ist, Strukturen zur Bekämpfung und Bewältigung von sexualisierter Kriegsgewalt in Kriegs- und Nachkriegsgebieten aufzubauen und zu stärken. Überdies wollen wir die Öffentlichkeit durch gezielte Kommunikationsmaßnahmen verstärkt zu sexualisierter Kriegsgewalt und deren Ursachen und Folgen sensibilisieren.

Zur Organisation

Mit neuer Führungsstruktur für Herausforderungen gewappnet

Seit November wird medica mondiale von drei Frauen geleitet. Neben Gründerin Monika Hauser ist Elke Ebert als Geschäftsführerin für Finanzen, Personal und Verwaltung zuständig. Die bisherige Regionalreferentin Sybille Fezer leitet die Programmarbeit im In- und Ausland und widmet sich gemeinsam mit Monika Hauser, die sich verstärkt auf die politische Arbeit und Außenvertretung konzentriert, der inhaltlichen Entwicklung der Organisation. Seit der Verleihung des Alternativen Nobelpreises 2008 sind medica mondiale und die mit dem Einsatz für vergewaltigte Frauen in Kriegs- und Krisengebieten verbundenen Aufgaben stetig gewachsen. Diesen Herausforderungen wollen wir mit der neuen Führungsstruktur begegnen. Die Neubesetzung war notwendig geworden, weil die bisherige Geschäftsführerin Christiane Overkamp nach sieben Jahren bei medica mondiale zur Stiftung Umwelt und Entwicklung in Bonn wechselte.

Rückblick und Ausblick

Hohes Spendenaufkommen und große Unterstützung

Dass viele Menschen solidarisch unseren Einsatz für Überlebende sexualisierter Gewalt in Kriegs- und Krisengebieten unterstützen, spiegelte sich 2016 erneut in einem hohen Spendenaufkommen. Erfreulich ist auch die Unterstützung zahlreicher institutioneller Geber, die das langfristige Engagement und die fachliche Arbeit von medica mondiale 2016 gefördert haben.

Unsere Pläne für 2017

Für 2017 stehen weitere wichtige strategische Weichenstellungen an. So wollen wir eine Strategie für die politische Arbeit entwickeln und neue Instrumente des politischen Engagements erproben, um dieses noch zielgerichteter und wirksamer zu gestalten. Ein weiteres wichtiges Thema 2017 ist die Überarbeitung des Sicherheitskonzeptes für Auslandsreisen. Damit reagieren wir darauf, dass die Kontexte, in denen wir uns bewegen, immer gefährlicher und die Abstände zwischen Konfliktphasen kürzer werden. Zugleich soll 2017 der Auftakt für die Entwicklung eines mehrjährigen Finanzierungskonzeptes erfolgen. Dabei geht es vor allem darum, die Finanzierung unserer Arbeit auf möglichst breite und verlässliche Basis zu stellen.