Umfassende Hilfe für Überlebende von Gewalt

Mit der neuen Strategie haben wir unsere Beratungs- und Unterstützungsangebote für Frauen und Mädchen in insgesamt sechs Arbeitsfeldern gebündelt. Dabei ist ein trauma-sensibler Ansatz in allen Arbeitsfeldern für uns handlungsleitend und maßgebend. Damit gemeint sind Grundprinzipien im Umgang mit Überlebenden von Gewalt, die darauf abzielen, Betroffene optimal zu stärken und beispielsweise eine Reaktivierung von Trauma-Symptomen zu vermeiden.

1. Trauma-sensible psychosoziale Arbeit

Die trauma-sensible psychosoziale Arbeit bleibt ein wichtiger Schwerpunkt unserer Arbeit. Psychosoziale Beraterinnen in den Projekten unterstützen Frauen und Mädchen in Einzel- und Gruppengesprächen bei der Bewältigung von Gewalterfahrungen und sensibilisieren das gesellschaftliche Umfeld für die Situation der Frauen. Zudem nehmen wir in der psychosozialen Beratung künftig stärker das familiäre Umfeld der Frauen, wie Ehemänner, Schwiegereltern und Kinder, mit in den Blick. Durch den Aufbau von Solidar- und Schutznetzwerken sowie präventive Maßnahmen zur Verhinderung von Gewalt auf lokaler und regionaler Ebene binden wir auch Gemeinden und Gemeinschaften in die Unterstützung sowie den Schutz von Frauen und Mädchen ein. Auch wollen wir künftig zunehmend Männer und lokale Autoritäten dafür gewinnen, sich aktiv gegen Gewalt an Frauen zu engagieren.

Beispiel für trauma-sensible psychosoziale Arbeit in Liberia
Um die Unterstützung für Frauen fest in den Gemeinden zu verankern, hat medica mondiale im Südosten Liberias ehrenamtliche Aktivistinnen, zu ersten Ansprechpartnerinnen für in Not geratene Frauen ausgebildet. Sie sind in den Dörfern vor Ort im Einsatz.

2. Trauma-sensible Gesundheitsarbeit

Wir beraten von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen in Gesundheitsfragen und sorgen dafür, dass sie adäquate medizinische Versorgung erhalten. Darüber hinaus qualifizieren wir medizinische Fachkräfte vor Ort im trauma-sensiblen und stärkendem Umgang mit Frauen, die Gewalt erlebt haben. Dazu zählen neben den Mitarbeiterinnen in unseren eigenen Projekten die Gesundheitsteams unserer Partnerorganisationen sowie ÄrztInnen, Pflegekräfte und Hebammen aus dem staatlichen und nicht-staatlichen Gesundheitsbereich. Als Grundlage der Trainings erstellen wir Handbücher für die Gesundheitsfachkräfte, die an den jeweiligen Länderkontext angepasst sind. Darüber hinaus engagieren wir uns politisch für eine bessere gesundheitliche Unterstützung und Versorgung von Frauen mit Gewalterfahrungen und arbeiten dafür vor Ort gezielt mit staatlichen und nicht-staatlichen Gesundheitsdiensten zusammen.

Beispiel für trauma-sensible Gesundheitsarbeit in der DR Kongo
In der Demokratischen Republik Kongo begleitet unsere Partnerorganisation PAIF vergewaltigte Frauen in Gesundheitszentren und Krankenhäuser, um eine rasche und gute medizinische Versorgung sicherzustellen.

3. Trauma-sensible Rechtshilfe

Ziel der Rechtshilfe ist es, dass Frauen und Mädchen ihre Rechte kennen und diese verwirklichen können – auf nationaler wie auf internationaler Ebene. Anwältinnen in unseren eigenen oder in den Partnerprojekten beraten Frauen in Rechtsfragen und vertreten ihre Anliegen vor Gericht. Außerdem schulen sie Angestellte von Polizei und Justiz zum Thema sexualisierte Gewalt und Gewalt in den Familien, damit diese den betroffenen Frauen angemessen begegnen können. Zudem unterstützen wir die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen an Frauen – um durch Information und Aufklärung der Öffentlichkeit sowohl der gesellschaftlichen Tabuisierung, als auch der Straflosigkeit entgegenzuwirken. Jenseits von offizieller Gerichtsbarkeit fördern wir darüber hinaus alternative Gerechtigkeitsmechanismen, wie zum Beispiel symbolische Tribunale, Entschädigungsfonds oder Frauengerichte.

Beispiel für trauma-sensible Rechtshilfe in Afghanistan
In Afghanistan setzen sich Anwältinnen dafür ein, dass inhaftierte Frauen ein gerechtes Verfahren erhalten. Darüber hinaus beraten sie Frauen auch in Zivilrechtsfällen, beispielsweise bei Scheidungs- und Sorgerechtsfragen.

4. Ökonomische Unterstützung

Wir bieten und vermitteln Betroffenen von Gewalt einfache berufliche Aus- und Fortbildungen, wie Kurse im Backen und Nähen, oder auch im Lesen und Schreiben. Dazu kooperieren wir mit anderen Organisationen, die auf Erwerbsförderung spezialisiert sind. Häufig werden Frauen, die beispielsweise vergewaltigt wurden, von ihren Familien und Gemeinschaften verstoßen und sind auf sich allein gestellt. Ziel ist es, ihnen eine ökonomische Perspektive zu eröffnen, damit sie selbstbestimmt ihre Zukunft gestalten können. So gewinnen die Frauen an Selbstbewusstsein und oftmals auch Achtung und Respekt in Familie und Gemeinde zurück, was zu ihrer weiteren Stabilisierung beiträgt. Die Einbindung von Frauen in wirtschaftliche Aktivitäten ist auch als präventive Maßnahme wichtig: Es bietet Schutz vor Abhängigkeiten, sexueller Ausbeutung und Überlebensprostitution.

Beispiel für ökonomische Unterstützung in Liberia
In Liberia kooperieren wir mit der Welthungerhilfe: Unsere Klientinnen nehmen an Fortbildungen im landwirtschaftlichen Anbau teil und erhalten Saatgut sowie Geräte für die landwirtschaftliche Produktion.

5. Politischer Einsatz für Frauenrechte

medica mondiale stärkt und qualifiziert Frauenaktivistinnen in Kriegs- und Konfliktgebieten in ihrem politischen Einsatz für Frauenrechte, beispielsweise in ihrem Kampf gegen die weit verbreitete Straflosigkeit für Täter sexualisierter Kriegsgewalt oder in ihrer Forderung nach stärkerer Beteiligung von Frauen an politischen Entscheidungen, wie Friedensverhandlungen oder Vereinbarungen zum Wiederaufbau. Wir beraten und unterstützen sie darin, erfolgversprechende politische Strategien zu entwickeln, um nachhaltig gesellschaftliche Veränderungen für Frauen zu erreichen, und vermitteln ihnen Kenntnisse und Fähigkeiten, diese umzusetzen.

Beispiel für politischen Einsatz für Frauenrechte in Bosnien und Herzegowina
In Bosnien und Herzegowina unterstützen wir unsere Partnerorganisation Medica Zenica beim Aufbau eines Netzwerkes gegen sexualisierte Kriegsgewalt: Staatliche und zivilgesellschaftliche Organisationen sollen darin zusammenarbeiten, um die Hilfe für Überlebende besser aufeinander abzustimmen.

6. Lokale Kompetenzen stärken

Die Qualifizierung der vor Ort tätigen Fachkräfte ist eine der Kernaufgaben von medica mondiale. Wir stellen Fachfrauen unserer eigenen Teams sowie unserer Partnerorganisationen Fachwissen und Erfahrung zur Verfügung, beispielsweise in den Bereichen Management, Finanzen, Organisationsentwicklung, psycho-soziale Beratungsarbeit, damit sie die Arbeit eigenständig und aus eigener Kraft organisieren können. Nur so kann die Unterstützung für von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen langfristig gesichert und in der Gesellschaft verankert werden. Darüber hinaus unterstützen wir Partnerorganisationen und eigene Programme dabei, sich auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene zu vernetzen.

Beispiel für die Stärkung lokaler Kompetenzen in Liberia
Derzeit unterstützen wir unsere Kolleginnen in Liberia darin, die Arbeit in Zukunft in eigener Verantwortung fortzusetzen. Eigenständige Frauenorganisation haben wir bereits in Bosnien- Herzegowina, im Kosovo und zuletzt in Afghanistan aufgebaut.