Es ist Zeit zu sprechen. Über die Vergewaltigungen damals – und heute.

Mit der Kampagne „Zeit zu sprechen“ begann medica mondiale 2005, offensiv an die Verbrechen gegen Frauen im Zweiten Weltkrieg zu erinnern. Im Mittelpunkt der Kampagne standen vergewaltigte Frauen des Zweiten Weltkrieges. 60 Jahre nach Kriegsende griff medica mondiale das Thema auf, um einen Bogen zu schlagen von den Frauenschicksalen im Zweiten Weltkrieg zur Situation von Frauen und Mädchen in heutigen Kriegen. Denn heute wie damals werden Frauen und Mädchen im Krieg vergewaltigt. Und heute wie damals werden die Opfer von Vergewaltigung stigmatisiert und ausgegrenzt.

Sexualisierte Kriegsgewalt – ein Trauma auch in Deutschland

Hunderttausende Frauen wurden im Zweiten Weltkrieg in Deutschland vergewaltigt. Die Liste der Opfer ist lang: Jüdische und Roma-Frauen während ihrer Verfolgung und in den Konzentrationslagern, Frauen, die Widerstand gegen das NS-Regime leisteten, Frauen in den von Deutschen besetzten Gebieten, die weibliche Bevölkerung, die im Zuge der Befreiung von alliierten Soldaten vergewaltigt wurden.

Trotz umfangreicher Berichterstattung über alle Facetten des Krieges herrscht auch Jahrzehnte nach Kriegsende in Deutschland weitgehend Schweigen über die Vergewaltigungen während des Zweiten Weltkrieges. Bis heute wird das Schicksal dieser Frauen öffentlich ignoriert, haben die betroffenen Frauen weder Anerkennung noch Entschädigung für die ihnen widerfahrene Gewalt erfahren.

Das Gefühl der Schande hat Millionen Frauen in Deutschland zum großen Teil bis heute schweigen lassen über das, was ihnen alliierte Soldaten angetan haben. Die soziale Ächtung wog schwer: So manche Frau wurde von dem heimkehrenden Ehemann verlassen, als dieser von der Vergewaltigung durch Alliierte im Zweiten Weltkrieg erfuhr. Viele leiden bis heute unter chronischen Krankheiten und Depressionen, haben versucht, sich das Leben zu nehmen. Bei einigen Frauen brechen die Erinnerungen erst im hohen Alter erneut auf, viele Jahrzehnte nach den Ereignissen, so wie das häufig bei traumatisierten Menschen geschieht. Dies belegen die vielen Briefe, die medica mondiale in den letzten Jahren von Frauen erhalten hat.

Aktion „Kriegsbeute“ (2006)

Im Rahmen der Kampagne wurden Menschen in ganz Deutschland mit verschiedenen Aktionen auf das Problem „Vergewaltigung als Kriegsmittel“ aufmerksam gemacht und zur Unterstützung von Frauen und Mädchen im Krieg aufgefordert. Dazu gehörte die Aktion „Kriegsbeute“. Sie startete am 1. September 2006, dem weltweiten Antikriegstag, in Marburg. Sie war bewusst provokant gestaltet und zeigte Frauen so, wie viele Männer und Soldaten sie bis heute sehen: als Kriegsbeute. Bei Aktionen in Fußgängerzonen trugen ehrenamtlich Aktive und Mitarbeiterinnen von medica mondiale T-Shirts mit der Aufschrift „Kriegsbeute“. In ganz Deutschland waren Mädchen und Frauen unterschiedlichen Alters, Herkunft und Nationalität mit den „Kriegsbeute“-T-Shirts auf Plakaten und Großflächen, als Standfiguren und auf Postkarten zu sehen. Zusätzlich fanden in verschiedenen deutschen Städten Lesungen und Informationsveranstaltungen mit Unterstützung der Journalistin Bettina Böttinger und den Schauspielerinnen Nina Hoger und Mariele Millowitsch statt.