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02. Januar 2018

Yoga und Frauenrechte

Mit Yoga können Frauen, die Gewalt überlebt haben Selbstfürsorge und Achtsamkeit praktizieren. Deswegen setzt medica mondiale Yoga-Übungen bei ihren Schulungen ein. Im Interview beantwortet Alena Mehlau, Diplom-Psychologin und Fachreferentin für Trauma-Arbeit bei medica mondiale, wie Yoga wirkt.

Sie schulen Fachkräfte aus dem Nordirak und bieten dabei Yoga an. Wie sind Sie dazu gekommen?

Seit vielen Jahren qualifizieren wir weltweit Fachkräfte im traumasensiblen Umgang mit Frauen, die Gewalt erlebt haben. Dazu gehört auch das Wissen, wie Menschen auf ihre Gefühle und ihr Erleben achten können – das gilt für die psychosoziale Beraterin oder den Projektmanager wie für ganze Teams. Aus unserer 25-jährigen Erfahrung mit vergewaltigten Frauen in Kriegsgebieten wissen wir: Ein guter Kontakt zu sich selbst ist die Voraussetzung dafür, eine respektvolle Beziehung aufzubauen. Dabei nutzen wir Yoga. Es hilft dabei, gut mit sich im Kontakt zu sein und bei der Selbstfürsorge. Beides ist wichtig für Menschen, die in Krisenregionen arbeiten.

Mit welchen Frauen arbeiten Sie zusammen?

Wir nutzen Yoga in Trainings für Mitarbeiterinnen und Klientinnen eines Frauenzufluchtshauses in Dohuk im Nordirak, für Führungskräften aus Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und für Fachkräfte des Gesundheitsministeriums. Im Frauenhaus in Dohuk beispielsweise gibt es einen Sportraum mit Yoga-Matten. Dort leiten wir leichte Atem- und Meditationsübungen an sowie Bewegungsfolgen aus dem Vinyasa-Yoga. Wir gestalten die Übungen „empowerment-orientiert“, das heißt, wir ermuntern Mitarbeiterinnen wie Klientinnen, selbst Übungen anzuleiten und die Abläufe mitzugestalten. Es ist schön zu sehen, wie eine Frau aus sich herausgeht, wenn sie eine Übung vormacht, trotz aller Belastungen. In der Arbeit mit Führungskräften setzten wir ebenfalls Yoga ein. Hier geht es darum, die Fähigkeit zur Selbstreflexion zu stärken. Nur so können Vorgesetzte ihre Teams stützen und stabilisieren. In der Arbeit mit Überlebenden sexualisierter Gewalt ist die eigene Haltung gegenüber Stress- und Trauma-Dynamiken bei Mitarbeitenden und im gesamten Projekt von zentraler Bedeutung. Yoga hilft dabei, weil es Menschen in Bezug zu sich selbst bringt. Es löst Verhärtungen und macht weicher. Raus aus der Erstarrung, rein in den Flow, in die Beweglichkeit, ins Mitschwingen – darum geht es uns.

Wie alt sind die Frauen, mit denen Sie arbeiten?

Im Frauenzufluchtshaus reicht die Altersspanne von 15 bis ungefähr 40 Jahre. An unseren Trainings nehmen aber auch Männer teil. Bei der Arbeit mit Führungskräften ist der Älteste ungefähr 50.

Was sind besonders schöne Erfahrungen, die Sie mit Yoga machen?

Ich freue mich, wenn ich beim Anleiten der Übungen sehen kann, wie sich die Gesichtszüge der Menschen entspannen, wie sich etwas löst. Manche lächeln, andere haben eine rosige Gesichtshaut. Oft gehen die Menschen nach dem Yoga achtsamer miteinander um.

Sind die Frauen auch in der Lage, alleine Yoga zu machen?

Unsere Übungen lassen sich alleine wiederholen. Wir überlegen vorher, welche Yoga-Übungen sich gut in einen Bürotag einbauen lassen. Zum Beispiel leiten wir besonders häufig Yoga auf dem Stuhl an. Die Übungen sind sehr effektiv. Gerade bei belasteten Menschen sind Übungen im Sitzen niedrigschwelliger als im Liegen und sie können ohne großen Aufwand am Schreibtisch wiederholt werden.