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01. Dezember 2015

„Wir wurden verletzt, doch wir sind mutig und stark“

Psychosoziale Begleitung von Überlebenden mit qualifiziertem Personal, ihre gesellschaftliche Anerkennung, Gerechtigkeit durch Bestrafung der Täter und eine ausreichende Finanzierung von Projekten gegen sexualisierte Gewalt – so lauteten die Forderungen eines Fachtages von medica mondiale am 30. November 2015. Knapp 100 Frauen und wenige Männer waren im GLS Campus in Berlin zusammengekommen, um über die Langzeitfolgen von Kriegsvergewaltigungen und die daraus resultierenden Herausforderungen für Gesellschaft, Politik und Fachwelt zu diskutieren.

Im Mittelpunkt des Fachtages stand die Studie „We are still alive. Wir wurden verletzt, doch wir sind mutig und stark.“ Die von medica mondiale und ihrer bosnischen Partnerorganisation Medica Zenica durchgeführte Untersuchung mit Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt in Bosnien und Herzegowina zeigt: Die während des Krieges erlebte Gewalt wirkt auch nach 20 Jahren fort.

Weitere Themen des Tages: Die Hälfte der heute alten Frauen leidet noch immer unter den Folgen der Vergewaltigungen des Zweiten Weltkriegs. Das belegen die Ergebnisse einer Studie der Universität Greifswald. Am Nachmittag stellten verschiedene Referentinnen in Workshops theoretische Hintergründe sowie Unterstützungsansätze für Überlebende von Kriegsvergewaltigungen vor.

Der Ausgrenzung und Stigmatisierung Überlebender sexualisierter Gewalt muss entgegengewirkt werden

Monika Hauser, Gründerin der Frauenrechtsorganisation medica mondiale, bezeichnete es in der Abschlussdiskussion des Fachtages als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der oft über Jahre anhaltenden Ausgrenzung und Stigmatisierung  von Frauen und Mädchen entgegenzuwirken. Hierbei spiele Aufklärung  und Prävention zum Thema sexualisierte Gewalt eine ebenso wichtige Rolle wie geschützte Räume, um über das Erlebte zu sprechen. Mit Blick auf die aktuelle Situation geflüchteter Frauen in Deutschland kritisierte Hauser, dass frauenspezifische Fluchtursachen sowie die vor und auf der Flucht erlebte Gewalt im Aufnahmeverfahren nicht berücksichtigt würden.

„Nach teils jahrelanger Flucht brauchen die Frauen vor allen Dingen Sicherheit“, erklärte Esther Mujawajo, ruandische Traumatherapeutin am Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge und Folteropfer Düsseldorf. „Dazu gehört auch eine abschließbare Dusche in der Unterkunft.“ Luise Reddemann, Professorin für Psychotraumatologie an der Universität Klagenfurt, betonte, dass Überlebende sexualisierter Gewalt weit mehr bräuchten als Psychotherapie: eine respektvolle, mitmenschliche Begleitung und die Anerkennung ihres Leids. Außerdem gelte es, ihnen Mut zu machen, sich selbst zu ermächtigen – jetzt und in Zukunft.

Trauma- und Stressbewältigung sollen in der Flüchtlingsarbeit eingebracht werden

Mit dem Satz „Politik beginnt damit, auszusprechen was ist.“ leitete Birgit Schweikert, Abteilung Gleichstellung und Leiterin der Unterabteilung 40 im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), ihren Beitrag ein. Schweikert kündigte an, die Themen Trauma- und Stressbewältigung  in die Fach- und Vernetzungsstellen der Flüchtlingsarbeit einzubringen. Gleiches gelte für die Umsetzung der EU-Aufnahmeregelung in deutsches Recht.

Alle Beteiligten der Abschlussdiskussion, engagiert moderiert von Helga Kirchner, WDR-Chefredakteurin i.R., waren sich einig: Nicht nur ehrenamtlich Engagierte benötigten ein Minimum an Trauma-Wissen im Umgang mit Geflüchteten. Auch ÄrztInnen, Therapeutinnen, MitarbeiterInnen in Behörden oder in der Altenpflege müsse dringend Basiswissen über traumatische Erlebnisse und ihre Folgen vermittelt werden. Aktuell plant medica mondiale ein Pilotprojekt in Nordrhein-Westfalen mit dem Ziel, den in der Arbeit mit geflüchteten Frauen tätigen Haupt- und Ehrenamtlichen wesentliche Kompetenzen zum Thema Trauma zu vermitteln.

medica mondiale dankt dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend für die Förderung der Veranstaltung.

 

Videoeindrücke des Fachtags

Eröffnungsrede von Monika Hauser zum Fachtag „Langzeitfolgen von Kriegsvergewaltigungen: Herausforderungen für Gesellschaft, Politik und Fachwelt“ am 30. November 2015 in Berlin.

Zusammenfassung der Studie "We are still alive. Wir wurden verletzt, doch wir sind mutig und stark." zu Langzeitfolgen von Kriegsvergewaltigungen und zu Bewältigungsstrategien von Überlebenden in Bosnien und Herzegowina

 Video über die Ergebnisse der Studie "We are still alive. Wir wurden verletzt, doch wir sind mutig und stark."