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13. Oktober 2016

Vergewaltigungsmythen: „Der Mann konnte nicht anders, die Frau wollte es so“

„Es hat ihr Spaß gemacht.“ „Vergewaltigung ist nur ein Problem in Entwicklungsländern.“ „Sie muss provoziert haben.“ „Deutsche Männer tun so etwas nicht.“ „Es gab doch einen Grund, warum sie nachts dort unterwegs war." „Ich bin kein Täter.“ All das sind Vergewaltigungsmythen. Sie verharmlosen sexualisierte Gewalt und reden uns ein, das Opfer wolle von Natur aus vom Täter überwältigt werden. Häufig entschuldigen diese Mythen den Täter und geben dem Opfer die Schuld. Sie stärken bestehende Geschlechterrollen und wirken so auf gesellschaftlicher und politischer Ebene auf uns alle.

Mythos: „Das kann mir nicht passieren, ich bin kein Opfer“

„Vergewaltigungsmythen liegt der Schutz des Selbstwerts und des Weltbildes zugrunde“, erklärt Alena Mehlau, Diplom-Psychologin und Referentin Trauma-Arbeit bei medica mondiale. „Kein Mensch will böse sein, kein Mann will potenzieller Täter sein. Und nichts trifft uns so stark wie sexualisierte Gewalt. Wenn Frauen sagen oder denken ‚Das kann mir nicht passieren, ich bin kein Opfer‘, dann geschieht das aus ganz persönlichen Motiven: Wir wehren damit die Angst vor dieser realen körperlichen Bedrohung ab.“

Mythos: „Täter, das sind die anderen“

Rassistische Vergewaltigungsmythen handeln beispielsweise davon, dass afrikanische Männer häufiger vergewaltigen oder muslimische Männer es tun, weil sie Frauen verachten. Begegnet sind uns diese rassistischen Mythen in der politischen und medialen Diskussion nach den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht. Wenn wir behaupten, es sind die anderen (Männer), die Gewalt ausüben, sind täterbezogene Mythen im Spiel. Wie auch in Köln, da hieß es: „Nicht ich, die anderen, in diesem Fall Ausländer, sind die Täter.“

Funktion: sexualisierte Gewalt bagatellisieren

„Mythen sind Diskurse, sie sind Abbild gesellschaftlicher Strukturen und Verhältnisse“, stellt Alena Mehlau fest. Vergewaltigungsmythen zu erfinden und immer wieder aufzugreifen sei eine Schutzreaktion auf das Wissen, dass jede Frau vergewaltigt werden kann. Gleichzeitig müssten wir uns diese Mechanismen bewusstmachen und ihre Funktion kennen. „Sätze wie ‚Er konnte nicht anders‘ schützen das patriarchale System und bagatellisieren sexualisierte Gewalt. Vergewaltigungsmythen manifestieren außerdem die Stigmatisierung der Überlebenden, die Straflosigkeit und die Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern.“

Bedrohung ausblenden: Ist die fünfte Vergewaltigung weniger schlimm?

Auch in der Arbeit von medica mondiale in Kriegs- und Krisengebieten begegnen uns diese kollektiven, irrationalen Vorstellungen und Bilder. Zum Beispiel, wenn TeilnehmerInnen unserer Fortbildungen in der Demokratischen Republik Kongo fragen, ob Frauen sich daran gewöhnen, vergewaltigt zu werden oder ob es beim fünften Mal weniger schlimm ist. Solche Fragen begegnen uns nicht nur in Trainings, sondern auch in Gesprächen mit PolitikerInnen – im Ausland wie in Deutschland. Hinter solchen Fragen steht der Wunsch, die Bedrohung auszublenden. Vergewaltigungsmythen helfen dabei, das Geschehen einzuordnen. „Wir denken: Was unterscheidet diese Frau von mir?“, erläutert Alena Mehlau. „Wenn sie in einem anderen Kontext lebt, zum Beispiel in Liberia, kann ich mich noch besser distanzieren.“

Selbstreflektion: Es betrifft uns alle, jederzeit und überall

Selbstreflektion und Sensibilität sind wichtige Voraussetzungen, um sich dieser Reaktionen bewusst zu werden. Das gilt für die Mitarbeiterinnen von medica mondiale im In- und Ausland wie für uns alle. Es beginnt mit der Erkenntnis: Das geht auch mich etwas an, das betrifft auch mich. In den Trainings vor Ort lesen Trainerinnen zum Beispiel Vergewaltigungsmythen vor und fragen: Ist das richtig oder falsch? Was denkt ihr, was eure Familien oder die Nachbarn? Anschließend diskutieren die Teilnehmenden darüber, warum es diese Bilder gibt und wie sie verändert werden können.

Umdenken: Die Frau ist nicht schuld an ihrer Vergewaltigung!

Können wir Vergewaltigungsmythen überschreiben? Dazu Alena Mehlau: „Ja, indem wir Geschlechtergerechtigkeit herstellen und die Straflosigkeit beenden, durch Aufklärungs- und Lobbyarbeit.“ Ebenso wichtig sei ein gesellschaftliches Umdenken und das Bewusstsein für unsere eigenen Schutzmechanismen. Dazu gehört auch der Satz: Die Frau ist nicht schuld an ihrer Vergewaltigung. Niemals.

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