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06. Mai 2015

Syrien: Stabilität herstellen, syrische Aktivistinnen schulen und Unterstützung ermöglichen

Seit 2011 herrscht Bürgerkrieg in Syrien. Die Regierungstruppen von Präsident Baschar al-Assad liefern sich seitdem schwere Kämpfe mit verschiedenen syrischen Oppositionsgruppen. Was als Demokratisierungsversuch im Rahmen des „Arabischen Frühlings“ begann, scheint nun mehr ein Kampf um Religionen und Ethnien geworden zu sein. Rund 12,2 Millionen Menschen befinden sich nach UN-Angaben derzeit in und um Syrien auf der Flucht, unter ihnen Hunderttausende Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben oder davon bedroht sind. Auch in Flüchtlingslagern sind Frauen und Mädchen dieser Gewalt ausgeliefert. Monika Hauser berichtet im Interview über die Unterstützungsmöglichkeiten für Flüchtlingsfrauen, aber auch für die vielen AktivistInnen.

Wie kann medica mondiale den Frauen vor Ort helfen?

Hauser: Zunächst einmal gilt es festzustellen, dass wir eine sinnvolle Hilfe in erster Linie darin sehen, die Frauen direkt vor Ort zu unterstützen. Und sie nicht, wie von deutschen Politikern vorgeschlagen, für eine zwei- bis dreimonatige Therapie nach Deutschland zu holen. Zumal nicht einmal klar ist, ob es hier überhaupt genügend Unterkünfte, Therapieplätze oder geschweige denn, kontextorientierte TherapeutInnen in Deutschland gibt. Sinnvoller ist es da tatsächlich, Geld vor Ort einzusetzen. Die kurdische Regierung Nordiraks beispielsweise, wohin viele Menschen geflohen sind, scheint für das Thema geschlechtsspezifische Gewalt sensibilisiert zu sein und dem unterstützend gegenüber zu stehen. Dort gibt es viele gut ausgebildete Fachkräfte, die zudem auch den kulturellen Kontext kennen. Hier können wir mit unserem Wissen und unserer langjährigen Expertise anknüpfen.

Was heißt das konkret?

Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen planen wir Trainings für ÄrztInnen, Pflegepersonal und PsychologInnen anzubieten. Sie sollen im von medica mondiale entwickelten trauma-sensiblen Umgang mit Überlebenden, psychosozialer Ersthilfe und Beratung geschult werden. Bei einer Konferenz in Istanbul, an der auch unsere Trauma-Fachfrau Karin Griese im Januar teilgenommen hat, hat sie bereits mögliche Partnerinnen kennen gelernt. Außerdem ist gerade eine internationale Fachfrau für uns im Nordirak. Sie nutzt ihre Kontakte zum staatlichen Gesundheitswesen und zu Nichtregierungsorganisationen, um weitere mögliche Partner zu identifizieren. Hier liegt uns auch schon ein sehr konkreter Projektvorschlag vor, den wir derzeit noch prüfen.

Aber auch bei den Aktivistinnen und Helferinnen gibt es einen sehr hohen Bedarf an Schulungen, vor allem auch zur Selbstfürsorge. Sie sind diejenigen, die – oft unter Lebensgefahr – tagtäglich in den Krisengebieten arbeiten. Viele von ihnen sind selber geflohen und haben sexualisierter Gewalt erlebt. Sie müssen ein Repertoire von „Werkzeugen“ an die Hand bekommen, lernen sich selber zu schützen und sich zu stärken, um diese wichtige Arbeit mit den oft mehrfach traumatisierten Flüchtlingsfrauen weiterhin leisten zu können.

Welche Hilfe ist für die Flüchtlingsfrauen in der anhaltenden Krise überhaupt möglich?

Erst mal ist es wichtig zu wissen, dass in einer akuten Situation bestimmte Elemente der psychosozialen Arbeit nicht durchführbar sind. Primär geht es darum Stabilität herzustellen und den Frauen eine Möglichkeit des Sprechens zu geben. Sie brauchen einen geschützten Raum, um über ihre schmerzvollen Erlebnisse reden zu können. Das gilt für die Flüchtlingsfrauen, aber auch für die Aktivistinnen selbst.

Ein gutes Beispiel gibt hier unsere türkische Partnerorganisation „The Association of Legal Aid Against Sexual Violence“, die wir seit Ende letzten Jahres fördern. Die Beraterinnen vermitteln den syrischen Flüchtlingsfrauen auch, dass jede Frau selbst entscheiden kann, welche Hilfe sie annehmen möchte. Die Frauen müssen das Gefühl haben, darüber selbst entscheiden zu können. Sie gewinnen damit ein Stück Kontrolle über ihr Leben zurück und wirken dem mit einem Trauma oft einhergehenden Gefühl der Hilflosigkeit entgegen.

Wichtig für die Betroffenen ist auch, dass wir solidarisch an ihrer Seite stehen und sie im Rahmen des uns möglichen unterstützen. Sie sollen wissen, dass wir sie nicht vergessen und, dass es auch in Deutschland Menschen gibt, die sich für ihr Schicksal interessieren und uns die Möglichkeit geben sie zu unterstützen.

 

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Fallgeschichte: „Es ist unsere Pflicht, euch zu köpfen“

Samira* ist 13 Jahre alt, als IS-Milizen ihr Dorf im Nordirak, in dem sie mit ihrer Familie lebt, angreifen. Sie zerstören Häuser und bedrohen die Bewohner mit den Worten „Ihr seid Ungläubige, es ist unsere Pflicht, euch zu köpfen.“ Samiras Vater, Mutter, ein Bruder und eine Schwester werden gefangen genommen. Ihre taubstumme Großmutter und einige der Nachbarn, darunter auch Kinder, werden getötet. Samira, die alles mit ansehen muss, flieht mit den übrigen Geschwistern und anderen Dorfbewohnern in die umliegenden Berge. Nach 12 Tagen erreichen sie die syrische Grenze. Hier stoßen sie auf PKK-Kämpfer, die sie in das türkische Flüchtlingslager nach Şengal bringen.

Die Mitarbeiterinnen unserer türkischen Partnerorganisation beobachten an Samira typische Trauma-Symptome. Sie hat Weinkrämpfe, Schüttelfrost, Schwächeanfälle, sie zittert und hat große Angst. Die Betreuerinnen besuchen sie regelmäßig und bleiben in engem Kontakt mit ihr. Samira fasst vertrauen, öffnet sich langsam und beginnt von ihren schrecklichen Erlebnissen zu erzählen. Von Mal zu Mal scheint sie weniger ängstlich und gewinnt an Sicherheit.

*Name zum Schutz geändert