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11. August 2015

Symbolischer Frauengerichtshof in Sarajevo – ein feministischer Zugang zu Gerechtigkeit

Vom 7. bis 10. Mai 2015 trafen sich über 5000 Frauen in Sarajevo, Bosnien und Herzegowina, um das Schweigen über die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien zu brechen. Die Frauenrechtsorganisation „Women in Black“ hatte das Treffen im Hotel Sarajevo ins Leben gerufen und koordiniert. Unter ihrer Leitung wurde der symbolische Gerichtshof fünf Jahre lang von Frauen aus über 500 Frauenorganisationen vorbereitet und durchgeführt. medica mondiale förderte die psychosoziale Begleitung von 38 Überlebenden, da die Zeuginnenaussagen im Rahmen des Frauengerichtshofs für die Überlebenden eine hohe psychische Belastung darstellen.

Der erste Frauen-gerichtshof in Europa

1992 fand erstmalig ein symbolischer Frauengerichtshof in Pakistan statt, nun wird er zum ersten Mal in Europa ausgerichtet. Zwischen den teilnehmenden Frauen, die ursprünglich vor allem aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien stammen, bildete sich schon während der Vorbereitungszeit ein Solidarnetzwerk aus Zeuginnen, Aktivistinnen, Therapeutinnen, Expertinnen und Künstlerinnen. Die Zeuginnen reisten aus Italien, Spanien, Deutschland, England, Skandinavien, Lateinamerika und den USA an, um über die Kriegsverbrechen zu berichten.

Während der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren wurden zehntausende Frauen und Mädchen vergewaltigt, gefoltert und sexuell ausgebeutet. Trotz einer beginnenden, langsamen Aufarbeitung der Ereignisse werden die vielfältigen Formen von Gewalt gegen Frauen weder von nationalen noch von internationalen Gerichtshöfen ausreichend berücksichtigt. Ein Gerichtshof von und für Frauen war darum nötiger denn je.

Zeuginnen schildern Verbrechen der Jugoslawienkriege

38 Frauen aus allen Ländern Ex-Jugoslawiens berichteten als Zeuginnen von der sexualisierten Gewalt, die sie erlebt haben. Sie legten Zeugnis ab von Massakern, Massenvergewaltigungen, dem Verlust von Familie und Freunden, von rassistisch, ethnisch und kulturell bedingter Verfolgung und Diskriminierung. Trotz dieser schrecklichen Erlebnisse sind die Überlebenden hoffnungsvoll. Eine Frau, die ihren Mann und ihre Söhne verloren hat, erklärte: „Ich war allein, aber ich kämpfte. Ich hoffe, die Gerechtigkeit wird sich eines Tages durchsetzen.” Im Gedächtnis bleibt auch die Aussage einer Zeugin aus Srebrenica: „Ich bin am Leben geblieben, um die Geschichte zu erzählen. Wenn wir nicht sprechen, wie werden die Täter zur Rechenschaft gezogen?“

medica mondiale unterstützte die Zeuginnen vor ihrer Aussage

Die geschilderten Verbrechen wurden von zwölf assoziierten Expertinnen in einen politischen, historischen und geographischen Kontext gestellt. Auch die Psychologin Marijana Senjak, ehemalige Leiterin von Medica Zenica, gehörte dem Gremium an. Sie erzählte von ihrer 15–jährigen Erfahrung in der Arbeit mit Frauen, die Vergewaltigungen im Krieg überlebt haben.

Um die Zeuginnen vor Retraumatisierungen zu schützen, förderte medica mondiale ihre psychosoziale Stabilisierung. Ausgebildete Therapeutinnen bereiteten die Frauen auf ihre Aussagen vor dem symbolischen Tribunal vor.

Dem symbolischen, internationalen Justizrat gehörten sieben bekannte Aktivistinnen an, darunter die australische Rechtswissenschaftlerin und international tätige Frauenrechtlerin Dianne Otto und die slowenische Friedensaktivistin Vesna Terselic.

Protestmarsch durch die Straßen Sarajevos

Zum Rahmenprogramm des Frauengerichtshofs gehörte auch eine Kunstausstellung mit dem Titel „Solidarität – Verantwortung – Erinnerung“. Hier trafen sich während des Tribunals die Überlebenden und Aktivistinnen um zu reden, zu lachen und zu weinen. Bei einem Protestmarsch gegen das Vergessen liefen über 600 Frauen mit Textbannern und roten Nelken durch die Straßen Sarajevos und forderten Gerechtigkeit für Überlebende. Viele der Teilnehmerinnen kannten sich durch ihre gemeinsame Zeit bei Medica Zenica. Eine Teilnehmerin fasste das Gemeinschaftsgefühl so zusammen: „Wir sind alle gleich. Der Schmerz ist der gleiche. Es spielt keine Rolle, ob wir Kroatinnen, Serbinnen oder Bosnierinnen sind. Ich kann mich in jede von euch einfühlen.”