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27. März 2015

„Sexuelle Gewalt in Liberia ist allgegenwärtig. Sie hat nicht wegen der Ebola-Krise aufgehört.“ – Sybille Fezer im Interview

Die Ebola-Epidemie in Liberia ist noch nicht gestoppt. Durch die kriegsähnlichen Zustände während der Krise hat die sexualisierte Gewalt an Frauen und Mädchen als auch die Müttersterblichkeit erneut zugenommen. Sybille Fezer, die Programm-Managerin für Liberia bei medica mondiale, berichtet im Interview über ihre Arbeit und die Probleme, die vor Ort herrschen. Das Interview entstand im Rahmen eines Beitrags für „Sichtweisen“, Ausgabe 1/2015, der Zeitschrift der Gleichstellungsbeauftragten des Kreises Rendsburg-Eckernförde.

Wie sind Sie persönlich zu Ihrer Arbeit für medica mondiale gekommen?

Als am 24. März 1999 abends die Nato-Bombardierung des Kosovo begann, war ich – nach sieben Jahren in Brasilien – gerade in Süddeutschland bei meinen Eltern und hörte die Flugzeuge, die von einer Basis in der Nähe starteten. Im Fernsehen waren die Flüchtlingsströme zu sehen und die Nachrichten berichteten von Kriegsverbrechen und Vergewaltigungen. Damals habe ich das schlecht ausgehalten, ich dachte: Was kann ich tun, wo kann ich mich engagieren? Ich habe erst mein Studium abgeschlossen und 2001 als Kosovo-Referentin bei medica mondiale angefangen. Die Entstehungsgeschichte – sich aus einem wütenden aber auch solidarischen Engagement heraus für vergewaltigte Frauen zu engagieren – das hat mich sehr angesprochen. Ich war im Laufe der Jahre in vielen Einsatzgebieten der Organisation: vom Kosovo über Afghanistan, kurz in die DR Kongo und dann nach Liberia, für das ich heute zuständig bin.

 

Welche Eindrücke haben Sie aktuell aus Liberia mitgebracht?

Seit dem Ausbruch der Ebola-Epidemie bin ich täglich mit den Kolleginnen vor Ort in Kontakt. Zeitweise war die Situation sehr belastend für alle, dort und hier: Der totale Verlust an Sicherheit, die eingeschränkte Mobilität, auseinandergerissene Familien, Verluste von FreundInnen und Familienangehörigen, die Sorge darüber, wie die Seuche sich weiter entwickeln wird, die Toten auf der Straße, für die es keinen Platz in einem Behandlungszentrum gab – all das weckte viele Kriegserinnerungen und löste Retraumatisierungen aus. Zudem ist die Lage gerade für Frauen katastrophal: Die Müttersterblichkeit ist in Liberia ohnehin schon eine der höchsten der Welt, sie liegt bei 770 von 100.000 Frauen – bei uns liegt sie bei 7! Mit dem Ausbruch der Epidemie waren Krankenhäuser kaum mehr zugänglich für Frauen, mit dem Ergebnis, dass viele zuhause oder gar auf der Straße gebären mussten.

 

Wodurch zeichnet sich die aktuelle Situation dort aus?

Natürlich hat sexuelle Gewalt in Liberia nicht wegen der Ebola-Krise aufgehört. Erst letzte Woche ist ein zwölfjähriges Mädchen, das vergewaltigt worden war, von zwei Krankenhäusern abgelehnt worden – sie hatten Angst, dass das Mädchen Ebola haben könnte. Es ist verblutet. Hier lässt sich der Bogen zu unserer sonstigen Arbeit schlagen: Generell ist Gewalt gegen Frauen und vor allem auch sexualisierte Gewalt in Liberia jetzt im Nachkrieg endemisch. Wir sehen ganz deutlich ein Kontinuum: von frauenfeindlichen Gesellschaften, die schon vor dem Krieg existierten über unsägliche Gewaltakte während des Krieges hin zu häuslicher Gewalt und Vergewaltigung – von kleinen Kindern bis zu alten Frauen – im Nachkrieg.

 

Welche Handlungsbedarfe entstehen daraus?

Frauen brauchen ganzheitliche Unterstützung. Sie müssen vor Gewalt geschützt werden – das ist in erster Linie Aufgabe des Staates. Da dies nur unzureichend passiert und manchmal Polizisten selbst zu den Tätern gehören, bilden wir Polizei und auch Gerichte darin aus, Gewalt gegen Frauen ernst zu nehmen und ihre Schutzfunktion entsprechend auszuüben. Gesundheitssysteme müssen trauma-sensibel mit betroffenen Frauen umgehen. Deshalb stellen wir psychosoziale Beratung zur Verfügung. Viele Frauen leben in Dorfgemeinschaften, die eine wichtige unterstützende Funktion haben können. Also setzen wir dort an: Wir bauen Frauen-Solidargruppen auf, die Ansprechpartnerinnen sind bei Gewalt, und wir sensibilisieren Dorfälteste zum Thema Gewalt gegen Frauen.

 

Wie sieht es in den anderen Projekten von medica mondiale aus?

In all unseren Projekten müssen wir uns zwangsläufig mit der aktuellen Gewalt im Nachkrieg oder im fortlaufenden Konflikt auseinandersetzen. Dabei behalten wir aber immer auch die Vergewaltigungen im Blick, die direkt während der kriegerischen Auseinandersetzungen stattgefunden haben. Langzeitfolgen treten oft erst nach Jahrzehnten zu Tage. Unser wichtigstes Ziel ist es, Frauen langfristig als verlässliche Partnerinnen bei der Verarbeitung ihrer erlebten Kriegsverbrechen zur Seite zu stehen.

 

Gibt es ausreichend internationale Konventionen, die Frauen in kriegerischen Auseinandersetzungen schützen oder gibt es Handlungsbedarf?

Es gibt bereits genügend internationale Vereinbarungen und Konventionen. Die wichtigsten sind die UN-Resolution 1325 zu Frauen, Frieden, Sicherheit sowie UN-Resolution 1820. Beide nehmen Staaten in die Verpflichtung, Kriegsvergewaltigungen zu verhindern. Außerdem haben die G8 Staaten im letzten Jahr eine bahnbrechende Erklärung zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt im Krieg abgegeben. Papier ist jedoch geduldig und es hapert an der Umsetzung der Konventionen und politischen Absichtserklärungen.

 

Wie kann Ihre Arbeit unterstützt werden?

Zum einen ideologisch: Indem auch hier Frauen ihre Stimme erheben gegen jede Form von Gewalt, sei es physische, emotionale oder strukturelle, zum Beispiel in frauenfeindlichen Werbespots. Gewalt gegen Frauen gibt es nicht nur im Krieg, sie ist leider noch immer Bestandteil jeder Gesellschaft. Wir müssen auch hier gegen Tabuisierungen angehen. Zum anderen natürlich durch eine Spende: um unsere Kolleginnen in den verschiedenen Ländern unterstützen zu können, sind wir auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

 

Ausführliches Interview: “sichtweisen, ansichten – einsichten – aussichten, für frauen im kreis rendsburg-eckernförde“, Ausgabe 1/2015.