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02. April 2010

SEVOTA in Ruanda: Forum der Hoffnung

Schätzungsweise 250.000 Frauen und Mädchen wurden während des Völkermordes 1994 in Ruanda vergewaltigt, verstümmelt, viele von ihnen getötet. Etliche brachten Kinder ihrer Vergewaltiger zur Welt – sie kämpfen daher nicht nur mit den Folgen von Gewalt, Krieg und Zerstörung, sondern auch mit Gefühlen von Schuld und Ablehnung gegenüber ihren ungewollten Töchtern und Söhnen.

Dem Leid dieser Frauen setzen die ruandischen Organisationen Kanyarwanda und SEVOTA (Solidarité pour l’Epanouissement des Veuves et des Orphelins visant le Travail et l’Auto promotion) aktive Hilfe entgegen. Gemeinsam haben sie das Frauenforum Abiyubaka (dt.: Menschen, die sich gegenseitig helfen) ins Leben gerufen. Es bietet rund 30 Frauen und ihren Kindern Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags und der Verarbeitung ihrer traumatischen Erfahrungen. 2007 wurde ein weiteres Forum für Frauen gegründet, das den Beinamen Bizeye trägt: Hoffnung. medica mondiale fördert die Projektpartnerinnen seit 2008.

Folgen des Völkermordes

Während des Völkermordes in Ruanda wurden annähernd eine Million Menschen umgebracht. In nur 100 Tagen töteten Angehörige der Hutu-Mehrheit zwischen April und Juli 1994 etwa 75 Prozent der in Ruanda lebenden Tutsi sowie moderate Hutu. Sexualisierte Kriegsgewalt wurde gezielt eingesetzt, um Angst zu verbreiten und Macht zu demonstrieren. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerkes UNICEF liegt die Zahl der vergewaltigten Frauen und Mädchen zwischen 250.000 und 500.000 – genaue Angaben sind nicht bekannt. Die meisten wurden nach den Vergewaltigungen getötet. Einige der Überlebenden wurden durch die sexualisierten Gewalttaten ungewollt zu Müttern – offizielle Schätzungen gehen von 2.000 bis 5.000 Kindern aus, die Dunkelziffer liegt mit Sicherheit deutlich höher.

Unterstützung von Überlebenden sexualisierter Gewalt

Seit Ende des Völkermordes unterstützen die ruandischen Menschenrechtsorganisationen Kanyarwanda und SEVOTA Witwen und Waisen des Genozids. In einem gemeinsamen Projekt bieten die Organisationen insbesondere Unterstützung und psychosoziale Betreuung für Frauen, die im Krieg oder danach vergewaltigt wurden, sowie deren Kinder, die sie in Folge der Vergewaltigungen zur Welt gebracht haben.

Obwohl Zehntausende diese brutale Gewalt erlitten, werden die Vergewaltigungen in Ruanda bis heute tabuisiert und gelten als Schande. Die Mütter müssen nicht nur mit den traumatischen Folgen von Gewalt, Krieg und Zerstörung leben, sondern auch mit Gefühlen von Schuld und Ablehnung gegenüber ihren ungewollten Kindern. Sie können sie oftmals nicht annehmen wie andere Kinder der Familie; so wachsen viele Kinder aus Vergewaltigungen unter erschwerten Bedingungen auf. Die Mehrzahl der betroffenen Kinder zeigen Anzeichen von psychischer Traumatisierung und Vernachlässigung. Dies ergab eine Studie, die Kanyarwanda und SEVOTA 2005/2006 mit rund 27 Frauen und ihren Kindern durchgeführt haben. Auch in ihrem sozialen Umfeld – den Großfamilien der Müttern und Gemeinschaften – werden sie häufig offen diskriminiert und benachteiligt, wenn es zum Beispiel um Bildung oder Gesundheit geht.

Ein Forum für Frauen „Abiyubaka“ und „Abiyubaka Bizeye“

2005 haben Kanyarwanda und SEVOTA das Frauenforum Abiyubaka ins Leben gerufen. Der Name Abiyubaka steht für „Menschen, die sich gegenseitig helfen“. Einmal in zwei Monaten kommen Frauen aus verschiedenen Regionen Ruandas zu einem Treffen in Ruandas Hauptstadt Kigali zusammen. Sie alle wurden während oder nach dem Genozid vergewaltigt und haben Kinder ihrer Vergewaltiger zur Welt gebracht. 2007 entstand ein zweites Frauenforum – Abiyubaka Bizeye – das weiteren Frauen Unterstützung bietet.

Während der zweitätigen Treffen haben die Frauen die Möglichkeit, sich über Schwierigkeiten mit ihren Kindern, Familien oder in ihrem Umfeld auszutauschen. Die Erfahrung, nicht allein zu sein mit dem Erlebten – insbesondere mit den Schuldgefühlen gegenüber ihren Kindern – gibt ihnen Kraft und neuen Mut, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Neben den offenen Gesprächsgruppen bietet eine Traumaexpertin den Frauen auch therapeutische Beratung an. In Einzel- und Gruppensitzungen können sie ihre eigene Geschichte und ihre Gewalterfahrung aufarbeiten und die häufig belastete Beziehung zu ihren Kindern thematisieren. Der Einsatz von Rollenspielen, in denen die Frauen die Erlebnisse einzelner Teilnehmerinnen szenisch nachstellen, hat sich dabei als besonders heilsam erwiesen. Gemeinsam suchen sie nach Lösungen und lernen zusammen ihre Situation besser zu akzeptieren.

An den insgesamt zwölf Treffen, die medica mondiale 2008 und 2009 finanziert hat, konnten rund 200 Frauen und Kinder regelmäßig teilnehmen. Übernommen wurden die Ausgaben für Transport, Unterkunft und Verpflegung, Saalmiete sowie die Kosten für die Koordinatorinnen und Beraterinnen.

Für die Zukunft planen Kanyarwanda und SEVOTA den Aufbau eines landesweiten Unterstützungsnetzes für vergewaltigte Frauen und deren Kinder, dem verschiedene Anlauf- und Beratungsstellen angehören sollen.