Zurück zur Übersicht
18. Januar 2017

Serie "Frauenrechts-HeldInnen im Fokus": Elisabeth Selbert (1896 bis 1986)

In Deutschland ist der Gleichheitsgrundsatz seit 1948 gesetzlich festgeschrieben. Ursprünglich sollte er nicht im Grundgesetz stehen, doch eine Frau blieb unbequem und kämpfte: die Kasseler Juristin Elisabeth Selbert, eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“. Nachdem der Parlamentarische Rat ihren Antrag zweimal zurückgewiesen hatte, wandte sie sich an die Öffentlichkeit, erntete Solidarität und fand MitstreiterInnen.

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ – Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes – gilt als größter frauenrechtlicher Meilenstein der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die engagierte SPD-Politikerin Elisabeth Selbert war schon damals überzeugt, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter zu den grundlegenden Menschenrechten gehört. Deshalb entschied sie sich nach der zweiten Ablehnung dafür, diese öffentlich zu machen und um Unterstützung für ihr Anliegen zu werben. Das Ergebnis: massive Beschwerden von Frauenverbänden und körbeweise Protestbriefe von Einzelpersonen an den Parlamentarischen Rat.

„Ich hatte nicht geglaubt, daß 1948/1949 noch über die Gleichberechtigung überhaupt diskutiert werden müßte und ganz erheblicher Widerstand zu überwinden war!“

(Elisabeth Selbert)

So nahmen die 65 „Mütter und Väter des Grundgesetzes“ schließlich in der Sitzung vom 18. Januar 1949 den Gleichheitsgrundsatz als unveräußerliches Grundrecht ins Gesetz auf. Damit verpflichtete sich der Gesetzgeber, alle dem Prinzip der Gleichberechtigung entgegenstehenden Gesetze anzupassen – ein entscheidender Fortschritt für die Frauenrechte in Deutschland.

Von der Theorie in die Praxis: Gleichberechtigung im echten Leben bleibt ein langer Weg

In Deutschland wird Gleichberechtigung heute meist als selbstverständlich angesehen. Doch erinnern Sie sich, dass erst 1993 mit Heide Simonis die erste weibliche Ministerpräsidentin ins Amt kam? Weitere Zahlen und Fakten illustrieren den langen Weg von der Theorie in die Praxis:

  • Im Nachkriegsdeutschland bis 1958 hatte der Mann noch das gesetzlich verbriefte Recht, über Ehefrau und Kinder zu bestimmen.
  • Erst zwölf Jahre später durften verheiratete Frauen ein eigenes Bankkonto eröffnen.
  • 1977 – also vor gerade einmal 40 Jahren – trat das Gesetz in Kraft, welches es beiden Ehegatten zustand, erwerbstätig zu sein. Davor war es Frauen nur erlaubt arbeiten zu gehen, „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“.
  • Und was die wenigsten wissen: Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 20 Jahren eine Straftat.

Der wichtige Zusatz im Grundgesetz „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin“ wurde übrigens erst nach der Wiedervereinigung aufgenommen. Was dieser Zusatz für die berufstätige Frau von heute bedeutet? Unlängst, am 11. Januar 2017, wurde das Gesetz zur „Förderung der Transparenz von Entgeltstrukturen“ im Bundeskabinett beschlossen. Nicht ohne Widerstände, denn damit soll der seit über 50 Jahren geltende Anspruch von Frauen auf gleiches Entgelt bei gleicher Arbeit endlich (!) durchgesetzt werden.

„Wir müssen nun dahin wirken, dass die Gleichberechtigung in der Praxis bis zur letzten Konsequenz durchgeführt wird“

(Elisabeth Selbert)

Frauenrechte und aktive Mitwirkung aller Frauen in unseren Projektländern

medica mondiale setzt sich dafür ein, dass Frauen aktiv an Konfliktlösungsstrategien und Friedensprozessen sowie an der Gesetzgebung mitwirken können. Das geschieht, indem wir frauenpolitische Aktivistinnen aufbauen und übergreifende Netzwerken unterstützen. Auch auf Projektebene fördert medica mondiale eine aktive Mitwirkung aller Frauen. Das Schlagwort dafür ist „Empowerment“ und bedeutet jemanden dazu befähigen, etwas zu tun oder zu erreichen. Unsere Partnerinnen in Kriegs- und Krisengebieten bestärken Frauen und Mädchen, eigene Handlungsspielräume wahrzunehmen und zu erweitern, Machtverhältnisse zu verändern und so ihre Lebenssituation zu verbessern.

In Afghanistan zum Beispiel hat sich für Frauen und Mädchen seit dem Sturz der Taliban 2001 durchaus einiges bewegt. Die Regierung hat sich in ihrer Verfassung dazu verpflichtet, Frauenrechte umzusetzen. Die Müttersterblichkeit ist fast um die Hälfte gesunken und die Zahl der Mädchenschulen auf etwa 10.000 gestiegen. Knapp ein Drittel der Abgeordneten im Parlament sind weiblich. Doch ihr Einfluss ist nach wie vor gering, denn nur wenige von ihnen haben Positionen inne, in denen sie auch wichtige Entscheidungen treffen können.

„Frauenrechte werden als Aushängeschild während der Friedensgespräche benutzt. Sie werden dort nicht erwähnt, keine Frau nimmt teil, es gibt keinen bedeutenden Beitrag von Frauen zu diesem Prozess. Frauenrechte sind nur ein Etikett, weil die internationale Politik sie etablieren möchte. Sie sind nur ein Symbol. Nichts desto trotz gibt es inzwischen Frauen in afghanischen Institutionen, zum Beispiel im Innen-, Verteidigungs- oder Bildungsministerium."

(Saifora Paktiss, stellvertretende Direktorin Medica Afghanistan)

Umso wichtiger, dass sich Frauenrechtsorganisationen wie Medica Afghanistan mutig und beharrlich für die Rechte der Frauen einsetzen. Bestehende Gesetze zum Schutz von Frauen und Mädchen vor Gewalt müssen tatsächlich angewendet und die Täter bestraft werden. Weitere Reformen dürfen nicht auf der Strecke bleiben. Wir bleiben – in der Tradition Elisabeth Selberts – beharrlich.

 

Hintergrund der medica mondiale Serie "Frauenrechts-HeldInnen im Fokus"

Echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern steht bis heute aus – überall auf der Welt. Ohne sie kann es kein Ende sexualisierter Kriegsgewalt und keinen Frieden geben – nirgends auf der Welt.
Im Laufe des Jahres stellen wir bemerkenswerte Frauen und Männer aus aller Welt vor, die sich für die Rechte von Frauen eingesetzt haben oder es noch tun. Damit würdigen wir deren persönlichen Einsatz und erinnern zugleich daran, dass es weiterhin viel Engagement braucht, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen und sexualisierte Gewalt zu beenden.

Weitere Frauenrechts-Heldinnen

Helene Batemona-Abeke empowert geflüchtete Frauen in Köln-Ehrenfeld

Die afghanische Rechtsanwältin Shakiba Amiri vertritt Frauen, die Gewalt überlebt haben, vor Gericht

Verwandte Themen

 Dossier der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung

 Mütter des Grundgesetzes, Broschüre zur Ausstellung des BMFSFJ (PDF)