Zurück zur Übersicht
24. Oktober 2014

Ruanda, eine Überlebende berichtet: „Meine Geschichte ist kein Hindernis für mein Leben“

Auch 20 Jahre nach dem Genozid in Ruanda unterstützt unsere Parnterorganisation SEVOTA Frauen und ihre Kinder. Eine der Überlebenden ist Riziki N. Sie bekam ein Mädchen und nannte sie Salama. Mutter und Tochter mussten einen langen Weg zurücklegen, bevor sie zueinander finden konnten.

Riziki N. ist mittelgroß, sie trägt ein langes Kleid und dazu ein gelbes Kopftuch. Mit ihrer Tochter Salama lebt sie in einem Ort im Süden von Ruanda. An der Feuerstelle vor dem Haus backt die 57-Jährige mit ihrer Tochter Sambusas, gefüllte Teigtaschen. Dazu geben sie Teig in eine flache Pfanne, ähnlich einer Crêpespfanne, und schwenken sie über dem Feuer. Nach kurzer Zeit nimmt Salima den Teig heraus, füllt ihn mit Kartoffeln und faltet ihn zu einer Tasche. Täglich verkaufen die beiden über 300 Sambusas und verdienen damit ungefähr 200 Dollar im Monat. "Es ist besser an die Zukunft zu denken, als an das Leid in der Vergangenheit", erklärt die Mutter.

Weil ihr dreijähriges Kind stark hustet, geht sie damals, 1994, in den Wald, um Heilpflanzen zu suchen. Dort trifft sie auf einen Nachbarn. "Du bist immer noch hier?", ruft er. Dann wirft er Riziki N. zu Boden und vergewaltigt sie. Während dieser Schilderung erhebt sie sich aus dem Schneidersitz und streckt ihre Beine. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Zwei Monate später, der Krieg geht zu Ende, spürt sie Veränderungen in ihrem Körper. Zu dieser Zeit hält sie sich mit einem ihrer Söhne im Flüchtlingscamp auf. Sie weiß nicht, wo sich die anderen vier Kinder befinden. Ihr Ehemann war bereits zu Beginn der Massaker getötet worden. "Das Erste, was mir in den Sinn kam, war, einen Abbruch zu machen." Aber sie entscheidet sich dagegen und das Baby kommt zur Welt. Sie gibt ihr Kind nach der Geburt an ihre jüngere Schwester, die in einem Nachbarort lebt und besucht sie nur selten. "Mein Verhältnis zu ihr war sehr schwierig. Wenn sie einen Fehler machte, schlug ich sie sehr fest", erzählt Riziki N. mit traurigem Blick.

Mut zur Wahrheit

Heute ist ihre Tochter 19 Jahre alt. Salama ist eine glückliche junge Frau, die Musik mag und gerne tanzt. Während ihrer Kindheit hat sie nie verstanden, weshalb sie bei ihrer Tante wohnt statt bei ihrer Mutter und den Geschwistern. Zwölf Jahre lang weiß Salama nichts vom Geheimnis ihrer Geburt. Aber eines Tages fasst sich Riziki N. ein Herz und spricht mit ihr. "Ich habe mit ihr in allen Einzelheiten darüber geredet. Als ich sagte, dass ihr Vater wegen des Genozides im Gefängnis saß und dort gerade gestorben war, hat sie die Augen niedergeschlagen", erzählt sie. Salima erinnert sich noch sehr gut: "Ich habe mich gefragt, ob ich das gerade träume. Ich glaubte ja immer, dass mein Vater derselbe sei wie der meiner Geschwister."

Unterstützung im Alltag

Der Genozid in Ruanda hat viele Waisen hinterlassen. Für junge Menschen zwischen 19 und 20 ist es normal, von nur einem Elternteil groß gezogen zu werden. Aber zu erfahren, dass ihr Vater am Genozid beteiligt war, war ein großer Schock für Salama. Eine ganze Woche lang ist sie still und spricht nicht mehr mit ihrer Mutter. Viele Ruander behalten Persönliches für sich. Riziki N. jedoch, eine Bäuerin, die nie die Schule besuchen konnte, fand den Mut, ihrer Tochter die Vergewaltigung zu offenbaren, die Teil ihres Lebens ist. Dazu fähig war sie dank SEVOTA, einer Organisation, die Frauen unterstützt, die während des Genozides vergewaltigt wurden.

Die Mitarbeiterinnen der Frauenrechtsorganisation begleiten die Frauen psychologisch und helfen ihnen im Alltag. medica mondiale fördert diese ruandische Initiative seit 2008. Zwei Mal im Monat besucht Riziki N. Gruppensitzungen für Überlebende des Genozids. "SEVOTA hat uns beigebracht, wie wir mit unserer Erfahrung leben und unsere Kinder annehmen können", berichtet sie. "Nach und nach habe ich meine Geschichte verstanden und das war der Weg zur Heilung." SEVOTA stellte ihr außerdem einen kleinen Geldbetrag zur Verfügung. Mit diesem Startkapital gründete Riziki N. den Sambusa-Verkauf. Die Frauenrechtsorganisation kümmert sich jedoch nicht nur um Mütter, sondern arbeitet auch mit den Kindern. "Für mich war es sehr erleichternd. Ich habe andere Jugendliche getroffen und gemerkt, dass ich mit diesem Problem nicht alleine bin." Salima erklärt, sie habe so gelernt, ihre Geschichte zu akzeptieren.

Neue Wege gehen

Die junge Frau träumt davon, ein eigenes Hotel zu eröffnen, und ist - im vierten Lehrjahr an der Hotelfachschule - auf dem besten Weg, ihren Traum zu verwirklichen. In Ruanda wächst die Tourismusindustrie und das motiviert vor allem junge Leute. "Ich will es schaffen", sagt Salama. Ist sie der Ansicht, dass ihre Geschichte ein Hindernis für ihre Zukunft darstellt? Lächelnd hebt sie ihre linke Hand. "Niemals. Es stimmt, meine Geschichte ist kompliziert und schmerzhaft, trotzdem ist sie kein Hindernis für mein Leben."

Hintergrundinformationen zum Genozid in Ruanda

Zwischen 250.000 und 500.000 Frauen und Mädchen wurden nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks UNICEF in Ruanda während des Völkermordes gegen die Tutsi 1994 vergewaltigt. Etliche der Überlebenden wurden schwanger und brachten Kinder ihrer Vergewaltiger zur Welt. Offizielle Schätzungen gehen von 2.000 bis 5.000 Kindern aus, die Dunkelziffer liegt höher.

Über die Autorin

Die Reportage schrieb die ruandische Nachwuchsjournalistin Nadine Uwamahoro. Die 27-Jährige hat schon zahlreiche Texte für verschiedene Nichtregierungsorganisationen verfasst. Sie lebt und arbeitet in Kigali, der Hauptstadt Ruandas. Die Fotos stammen von Betty Ndayisaba.