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29. Juli 2016

Ruanda: Ein neuer Lebensweg

Ein einfaches Häuschen in der Nähe der Stadt Kigali in Ruanda. Im Garten grasen zwei Kühe und ein paar Ziegen. Hier lebt Olivia mit ihrer Mutter. Olivia ist 21 Jahre alt. Genauso alt ist auch der Genozid in Ruanda. Und der Völkermord wird immer ein Teil ihres Lebens sein, denn ihre Mutter wurde während des Genozids vergewaltigt und mit ihr schwanger. Olivia kam zur Welt, hineingeboren in eine schwer belastete Beziehung zu ihrer traumatisierten Mutter. Doch beide, Mutter und Tochter, haben es geschafft zueinander zu finden. Unsere ruandische Partnerorganisation SEVOTA half beiden, den tiefgreifenden Konflikt zu überwinden und eine gelöste Mutter-Kind-Beziehung aufzubauen.

In Ruanda lebt eine ganze Generation junger Erwachsener mit solchen schwer belasteten Beziehungen zu ihren Müttern. Als Kinder schwer traumatisierter Mütter, die durch die Vergewaltigungen an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, sind sie in einer Atmosphäre des Verdrängens aufgewachsen. Denn oft verschwiegen die Mütter den Kindern ihre Geschichte. So erinnerten die Kleinen, ohne es zu wissen, ihre Mütter immer an den Genozid und an die damit oft verbundenen Morde ihrer Familien.

Jugendforum für die Kinder vergewaltigter Frauen

Unsere Partnerorganisation SEVOTA, die mit Überlebenden des Völkermords arbeitet, hat dieses Beziehungsproblem zwischen Müttern und Kindern erkannt und das Jugendforum initiiert, an dem auch Olivia teilnahm. Die medica mondiale Trauma-Referentin Inga Neu sprach ein halbes Jahr nach dem Camp mit der jungen Frau über ihre Fortschritte und den neu gewonnenen Lebensmut:

"Es war eine unglaubliche Erleichterung, das erste Mal darüber sprechen zu können" erzählt Olivia. Eine Woche lang arbeitete sie intensiv in Gruppensitzungen und Workshops mit anderen jungen RuanderInnen. Alle teilen die gleiche Geschichte und ähnliche Erfahrungen. "Auf Leute zu treffen, die das Gleiche durchgemacht haben, hat mir enorm geholfen. Niemand von uns hatte zuvor über die Situation gesprochen - auch wir Betroffenen untereinander nicht. Im Jugendforum konnten wir zum ersten Mal frei und ohne Scham sprechen."

Zeitzeugin berichtete vom Völkermord in Ruanda

Das Jugendforum fördert aber nicht nur den Austausch zwischen den Kindern des Genozids, sondern brachte ihnen auch die Perspektive der Mütter nahe. Besonders bewegte Olivia die Geschichte einer Zeitzeugin, die über ihre Vergewaltigung im Genozid sprach und wie sie trotz allem danach neue Kraft für ihr Leben schöpfte. "Ich verstehe meine Mutter jetzt endlich besser, weil ich weiß was sie durchgemacht hat," erzählt Olivia in gelöster Stimmung. Das Jugendforum hat etwas bewirkt in der jungen Frau. Sie blickt mit anderen Augen auf ihr Leben und konzentriert sich jetzt mit ganzer Kraft auf ihre Zukunft. "Es war ein Wendepunkt für mich. Ich möchte jetzt einen neuen Weg im Leben einschlagen." Gleich nach dem Jugendforum bewarb sie sich um einen Studienplatz im Fach Informatik und erhielt kürzlich die Zusage der Universität. Als sie die Nachricht bekam, hat sie getanzt und gesungen. Erst im zweiten Moment kamen gemischte Gefühle - die Angst vor dem Abschied von ihrer Mutter, die ihr so nahe geworden ist.

medica mondiale und SEVOTA

In dieser Woche läuft das zweite Jugendforum von SEVOTA. Im ersten Teil, vor einem halben Jahr, stand die Bewältigung der Vergangenheit im Mittelpunkt. Im zweiten Teil geht es vor allem um die Zukunft der jungen Erwachsenen. In der Zwischenzeit wurden die TeilnehmerInnen betreut, Leiterinnen des Forums sprachen mit Angehörigen, LehrerInnen und SchuldirektorInnen. Und auch nach dem Camp können die Jugendlichen sich in Clubs und Foren weiter treffen und Erfahrungen austauschen.

Seit 2005 engagiert sich die ruandische Organisation SEVOTA für Witwen und Waisen des Genozids und bietet überlebenden Frauen traumasensible Unterstützung an. Mit den Jugendforen richtet sich SEVOTA nun erstmals an ihre Kinder, die aus Vergewaltigungen entstanden sind. Ihnen will sie Orientierung und Halt geben, damit sie zu einer gesunden Generation heranwachsen, ihr Leben selbstbestimmt leben und ihre Heimat friedlich mitgestalten können. medica mondiale unterstützt SEVOTA seit 2008.

Lesen Sie hier den Erfahrungsbericht einer Teilnehmerin des ersten Jugendforums "Wir Jugendlichen, wir haben die Kraft"

Außerdem erfahren Sie hier mehr über medica mondiales und SEVOTAS Engagement