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13. Oktober 2016

Nordirak: „Ich möchte lernen, wie wir unsere Haltung gegenüber Frauen verändern können.“

Die bisherigen Erfahrungen in der Arbeit von medica mondiale in Nordirak-Kurdistan hat gezeigt: Neben Grundversorgung, Integrationsangeboten und einer Rückkehrperspektive benötigen (Binnen-) Geflüchtete dringend psychologischen und teilweise psychotherapeutischen Beistand. medica mondiale hat im Juli deshalb ein weiteres Projekt gestartet, in dem es vor allem um die Verbesserung der psychosozialen Beratung von Frauen und Mädchen geht. Dazu gehört auch, AnwältInnen und PolizistInnen zu traumasensiblen AnsprechpartnerInnen zu machen. Zusammen mit der Frauenrechtsorganisation HAUKARI und dem Frauenzentrum KHANZAD stärkt medica mondiale Schutznetzwerke für Frauen und Mädchen.

Gefördert wird das zweijährige Projekt vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Die beabsichtigte Verbesserung lokaler Beratungsangebote richtet sich an Frauen und Mädchen, die sexualisierte Kriegsgewalt erlebt haben. Diese Gewalt geht insbesondere von der Terrormiliz IS und schiitischen Milizen aus. Aufgrund der streng patriarchalen Gesellschaftsstrukturen ist familiäre Gewalt jedoch ebenfalls weit verbreitet. An die 1.000 jesidische Frauen in Dohuk sind aus monatelanger Gefangenschaft durch ISIS inzwischen zurückgekehrt; die Rückkehr von bis zu 2.000 weiteren Frauen nach der Rückeroberung von Mosul wird erwartet. Ein Teil der Geflüchteten lebt in Flüchtlingslagern; die Mehrzahl lebt verstreut in behelfsmäßigen Unterkünften.

„Was nun ansteht ist, über Gewalt gegen Frauen überhaupt erst zu sprechen“

medica mondiale konzentriert sich in ihrer Arbeit auf die Provinz Dohuk, HAUKARI und das Frauenzentrum KHANZAD arbeiten in Sulaymaniyah und in Geflüchteten-Camps der Region Alwand, nahe der iranischen Grenze. Im September waren die Regionalreferentin für Irak und Syrien, Sybille Fezer, und Kathrin Mengel, die für medica mondiale die Finanzen des Vorhabens abwickelt, vor Ort. Auf dem Reiseplan stand, die Mitarbeiterinnen im medica mondiale Büro in Dohuk für das weitere Vorankommen im Projekt anzuleiten und mit den staatlichen Kooperationspartnern die Zusammenarbeit zu besprechen. Regionalreferentin Sybille Fezer: „Es ist spannend für uns, dort staatliche Strukturen vorzufinden, die tatsächlich darauf abzielen, Gewalt gegen Frauen einzudämmen. Das ist natürlich Ergebnis eines jahrelangen Kampfes der kurdischen Frauenbewegung. Was nun ansteht ist, über Gewalt gegen Frauen überhaupt erst zu sprechen – nicht nur über physische, auch über psychische und strukturelle Gewalt. Zum Beispiel die, dass Frauen kaum Räume haben, in denen sie sich außerhalb der Arbeit treffen können, dass ihr Verhalten von allen beobachtet und beurteilt wird, bis hin zu Ehrenmorden, die immer noch vorkommen.“

Angestellte von staatlichen Anlaufstellen für Frauen und Mädchen in traumasensibler Beratung fortbilden

medica mondiale bildet auf Anfrage des Gesundheitsministeriums seit 2015 staatliches Gesundheitspersonal zu psychosozialen und psychotherapeutischen BeraterInnen aus. Das wird im Rahmen des neuen Projekts fortgeführt und ausgeweitet. Außerdem kommt medica mondiale dem Wunsch des Direktorates gegen Gewalt gegen Frauen nach, auch ihr Personal auszubilden. 24 PolizistInnen und AnwältInnen aus zehn staatlichen Gewaltschutzbüros werden im stress- und traumasensiblen Ansatz fortgebildet, damit sie, wie ein Büroleiter es ausdrückte, „lernen, wie wir richtig mit Frauen und Mädchen, die Gewalt erlebt haben, sprechen können und unsere Haltung ihnen gegenüber verändern. Das ist alles neu für uns“.
Dritter staatlicher Kooperationspartner ist das Generaldirektorat für Fürsorge und soziale Entwicklung, das die sogenannte “Abteilung für die Stärkung von Frauen” und ein Frauen-schutzhaus betreibt. Auch hier ist der Weiterbildungsbedarf hoch, denn frauenzentrierte und traumasensible Beratungsansätze sind bislang nicht bekannt. Das Team freut sich sehr auf die Zusammenarbeit. „Wir haben so viel Trainingsbedarf für unser Personal. Wir wissen einfach noch nicht so genau, wie wir uns koordinieren sollen und welche Aufgaben wer genau übernehmen soll“, so Delkhaz Rasheed Ali, Projektverantwortlicher von Seiten des Direktorats.

Hürden beseitigen, Zugang für die Frauen erleichtern, das Schutznetzwerk verbessern

Zur nachhaltigen Unterstützung der Systeme vor Ort werden auch lokale Trainerinnen ausge-bildet und die staatlichen Stellen beraten, wie sie möglichst niedrigschwellige Angebote für Frauen zur Verfügung stellen können. medica mondiale berät sie darin, wie sie mit anderen AkteurInnen besser kooperieren können, damit Frauen nicht zwischen den Institutionen zerrieben werden. Sybille Fezer: “Es gilt, den Verantwortlichen ein Gefühl dafür zu vermitteln, welche Auswirkungen Gewalt hat, wie sie mit Überlebenden sexualisierter Gewalt umgehen sollen, wie sich Geschlechterstereotype und -rollen in ihren Gesellschaften herausbilden und zementieren. Wir arbeiten gerne daran mit, die Strukturen zugänglicher für Frauen zu machen.”

Mit Aktivistinnen verbinden für mehr Schutz, Beratung und die Umsetzung von Frauenrechten

Ein großer Mehrwert des Projekts besteht in der Zusammenarbeit und dem engen Austausch mit HAUKARI und KHANZAD, die schon jahrzehntelang in der Region aktiv sind und über sehr viel Erfahrungen in der Arbeit mit Frauen in Gewaltsituationen verfügen. Sie haben zusammen mit anderen Frauenorganisationen und staatlichen Stellen in Sulaymaniyah ein breites Gewaltschutznetz aufgebaut und bereits viele Frauen unterstützt oder vor Ehrenmorden geschützt. “Unser Ziel ist es, verstärkt auch in Dohuk zivilgesellschaftliche Organisationen zu finden, mit denen wir kooperieren können. Ohne Aktivistinnen, die immer wieder den Finger in die Wunde legen, die Forderungen stellen und die Implementierung entsprechender Gesetze nachhalten, wird sich auf Dauer nur wenig bewegen”, erläutert die medica mondiale Regional-referentin Fezer das weitere Vorgehen in der Region.

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Meldung von HAUKARI "Zusammenarbeit HAUKARI e. V. und medica mondiale" (PDF)