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17. Mai 2016

„Nachhaltiger Frieden beinhaltet Frauenrechte. Das gehört einfach zusammen”, sagt Vida Faizi, Medica Afghanistan.

Im April besuchten vier Mitabeiterinnen von Medica Afghanistan das Büro von medica mondiale in Köln. Sie berichteten den Kolleginnen der Kommunikationsabteilung aus erster Hand von ihrer Arbeit in Afghanistan. Sie zeigten die Chancen und Hürden auf, als eigenständige Organisation zu arbeiten, erklärten, was eine Aktivistin für Frauenrechte auszeichnet und was die Arbeit im traditionsverhafteten Bezirk Mazar-i-Sharif zur Herausforderung macht.

Wir sprachen mit Humaira Rasuli, Direktorin von Medica Afghanistan, der stellvertretenden Direktorin Saifora Ibrahim Paktiss, Helai Sohak, Leiterin des Büros in Mazar-i-Sharif und Vida Faizi, Leiterin der Abteilung Psychosoziale Beratung und Gesundheit.

Seit 2011 arbeitet Medica Afghanistan als eigenständige Organisation. Wie hat dieser Schritt Ihre Arbeit verändert?

Humaira Rasuli: “Insgesamt sind wir sehr stolz darauf, eine unabhängige Organisation zu sein. Wir sind als nationale NGO anerkannt. Das hat eine andere rechtliche Bedeutung für das Land. Gleichzeitig ist es nicht einfach, denn der interdisziplinäre und ganzheitliche Arbeitsansatz von medica mondiale und Medica Afghanistan als auch der traumasensible Ansatz sind dem afghanischen Gesundheitsministerium, dem Justizministerium oder dem Innenministerium nicht sehr geläufig. Das Konzept unserer Arbeit ist wenig bekannt, was eine große Herausforderung ist.

Aber wir sind stolz, medica mondiale im Rücken zu haben. Wir versuchen, das Land in Richtung Professionalität zu entwickeln. Es benötigt eine Menge Geduld, eine Menge Hartnäckigkeit, eine Menge Lernen. Jedoch sehe ich Veränderungen seit wir nationalisiert wurden. Obwohl wir während dieser Übergangsphase immer noch manche Unterstützung auf der Ausführungsebene und in strategischer Planung benötigen, ist das Team kompetent und funktioniert gut, starkes Engagement und Mut sind vorhanden.

Zurzeit haben wir drei Programme: die Rechtshilfe, den psychosozialen Gesundheitsfachbereich und die Lobbyarbeit. Außerdem machen wir eine Menge Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit im Bereich Gesundheit und Recht. Wir praktizieren den interdisziplinären Ansatz durch das Angebot direkter sozialer Beratung und führen gleichzeitig Lobbyarbeit auf politischer wie gemeinschaftlicher Ebene durch. Dies hat eine bedeutsame Auswirkung. Durch diesen Ansatz konnten wir geschlechtsspezifische Gewalt und insbesondere sexualisierte geschlechtsspezifische Gewalt auf sehr effiziente Weise angehen.“

 

Saifora, was ist Ihre Aufgabe bei Medica Afghanistan? Wie wird eine junge Frau stellvertretende Direktorin einer Frauenrechts-Organisation?

Saifora Ibrahim Paktiss: “Ich glaube nicht, dass ich sehr jung bin, wenn man die Lebenserwartung in Afghanistan von ungefähr 50 Jahren betrachtet. Ich bin über 30, also bin ich eine alte Frau.
Ja, ich denke wenn du stellvertretende Direktorin für eine Organisation wie Medica Afghanistan wirst, dann ist das keine einfache Sache.

Das Gute ist, dass ich Erfahrungen in verschiedenen Bereichen mitbringe, zum Beispiel im Bereich von Regierungsinstitutionen, lokalen Nichtregierungsorganisationen, in der Spendengewinnung, in Förderorganisationen oder Botschaften. Das alles kam zusammen mit meinem Bildungshintergrund. Doch bedeutet das nicht, dass man als stellvertretende Direktorin ausgelernt hat. Es gibt immer Raum für Verbesserung. Meine Aufgabe ist es, den Programmbereich zu überblicken im Hinblick auf die Gewinnung von SpenderInnen, die Konzeptentwicklung oder das Monitoring und die Supervision der Arbeit an allen Standorten von Medica Afghanistan.“

Vida, Sie und Ihr Team hören als Beraterinnen viel über Gewalt, Diskriminierung und Angst. Würden Sie sagen, dass afghanische Frauen noch Hoffnung haben, um für ihre Rechte zu kämpfen?

Vida Faizi: “Aufgrund meiner Erfahrung, der Arbeit mit Frauen seit sehr langer Zeit, dem engen Zusammensein mit Frauen und das Lernen von ihnen kann ich sagen, dass sie sich an erster Stelle nach Frieden sehnen. Nachhaltiger Frieden beinhaltet Frauenrechte. Das gehört einfach zusammen. Es gibt keinen nachhaltigen Frieden mit geschlechtsspezifischer Gewalt oder Diskriminierung.

Manche Frauen hoffen, dass das Leiden mit dem Ende der kriegerischen Handlungen einfach aufhört. Sie sagen, ‚Wenn es in unserem Land Frieden gäbe, dann hätten wir eine sehr gute wirtschaftliche Situation, unseren Männern würde es sehr gut gehen und sie würden uns sehr gut behandeln, weil sie Geld für die Familie verdienen können und so weiter’. Aber wenn sie tief in ihre Herzen schauen, wissen sie, dass dies nicht wahr ist. Nur wenn jeder Mensch respektiert wird, Männer als auch Frauen, wenn Gesetze gegen Gewalt beachtet werden, dann hat nachhaltiger Frieden eine Chance.“

Helai, Sie sind Leiterin des Büros in Mazar-i- Sharif. Wie sind dort die gesellschaftlichen Bedingungen im Vergleich zu Kabul oder Herat?

Helai Sohak: Die Situation von Frauen im Bezirk Mazar-i-Sharif ist anders als in Kabul. Die meisten Menschen in entlegenen Regionen und Dörfern folgen der alten Kultur und Bräuchen. Meistens bevorzugen Sie es, ihre Familienangelegenheiten durch traditionelle Mediationen (Jirga) zu klären, denn sie glauben nicht an das Staatssystem. Diese Mediationen sind meist in den Händen von Männern, so dass Männer bevorzugen, ihre Angelegenheiten auf diesem Weg zu klären.

Überdies erlauben die Männer den Frauen und Mädchen nicht, ihre Probleme über die Staatsanwaltschaft oder Justizangestellte zu lösen. Doch meistens sind Frauen und Mädchen Opfer oder Überlebende von Gewalt. Auf der anderen Seite haben Frauen auch kein Vertrauen in das juristische System. Sie erleben dort einen Mangel an Bewusstsein für Diskriminierung und sexualisierte Gewalt, Korruption und patriarchale Strukturen. Frauen denken also oft, dass jegliche Entscheidung, ob über die traditionelle Mediation oder das Gericht, zu Gunsten der gegnerischen Seite ausfallen wird.

Aktivistinnen versuchen, positive Veränderungen bezüglich der Stellung von Frauen in der Gesellschaft zu bewirken. Sie arbeiten zusammen und sie haben einige Anlaufstellen für Frauen, wo sie Aufklärungsarbeit leisten können. Medica Afghanistan informiert auch über Frauenrechte, insbesondere bezüglich der Implementierung des EVAW Law, Geschlechtergleichstellung und Familienrecht. Wir konnten erfolgreich Vertrauen aufbauen zwischen gerichtlichen Institutionen, den BürgerInnen und den nicht-staatlichen Aktivistinnen. Überdies haben wir Live-Programme über die Medien, zum Beispiel Radio-Talkrunden, Gesprächsrunden im Fernsehen an besonderen Tagen wie dem internationalen Frauentag, Weltjugendtag und so weiter. Zum Glück brachten diese Bemühungen sehr positive Veränderungen für die Stellung von Frauen. Mit jedem Tag, der vergeht, werden Frauen besser über ihre Rechte informiert. Vielen von ihnen war es möglich, ihre Rechte zu verteidigen und sich an nicht-staatliche Frauenrechtsorganisationen oder rechtliche Organisationen zu wenden.

Außerdem haben wir eine Menge Beratungs- und Rechtshilfefälle aus ländlichen Gegenden und anderen Provinzen. Als Frauenorganisation versuchen wir, allen Frauen einen umfassenden Dienst zu erweisen. Unsere Vision ist, dass zukünftig kein Mädchen und keine Frau mehr unter familiärer beziehungsweise sexualisierter Gewalt, alten Bräuchen und patriarchalen Strukturen leiden muss.