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14. September 2015

Monika Hauser zu Vergewaltigungen im Nachkriegs-Deutschland: „Oft verhindert transgenerationales Trauma, dass man sich pro-aktiv damit auseinandersetzt.“

Mehr als zwei Millionen Frauen wurden Schätzungen zufolge in Deutschland am Ende des zweiten Weltkriegs vergewaltigt. (K)ein Thema beim 70. Jubiläum des Kriegsendes? Wie kann eine solche Gewalterfahrung überhaupt verarbeitet werden, wenn die soziale Anerkennung ausbleibt? Wir sprachen mit Monika Hauser über den Umgang mit sexualisierter Kriegsgewalt damals wie heute.

Laut der Historikerin Barbara Johr wurden über zwei Millionen deutsche Frauen zum Kriegsende 1945 von alliierten Soldaten vergewaltigt. Wie haben die Frauen ihre Gewalterfahrungen verarbeitet?

Monika Hauser: „Das konnten sie kaum. Nach dem Krieg wurden die Frauen nicht nach ihren Erlebnissen gefragt. Sie sollten schweigen, sexualisierte Gewalt war kein Thema. Die beeindruckende Geschichte von Dr. Ruth Christiansen-Frettlöh kennen wir nur, weil sie sie aufgeschrieben hat. Sie ist eine überlebende Frau, die mittlerweile in einem Altenheim lebt.

Als 12-Jährige ist sie von russischen Soldaten vergewaltigt worden.

Mit 15 Jahren hat sie in der Schule an einem Aufsatzwettbewerb teilgenommen: ‚Mein schrecklichstes Kriegserlebnis‘. Sie hat von ihrer erlebten Vergewaltigung berichtet. Ein Versuch, ihren Schmerz mit anderen zu teilen. Ruth bekam den ersten Preis: einen Füller. Ihre Lehrerin forderte daraufhin von ihr: ‚Und ab jetzt schweigst du für immer über dieses Thema!‘.

Ruth war ein sehr kluges Mädchen, hat später Theologie studiert und ist evangelische Pfarrerin geworden. In den 90er hatte sie ihre Erlebnisse aufgeschrieben und schickte das Manuskript an Verlage. Sie bekam als Antworten zu hören: ‚Das ist ja Pornografie, das können wir nicht veröffentlichen.‘ und: ‚Deutschland ist noch nicht so weit!‘.

Anfang der 90er Jahre erkrankte sie an Krebs, den sie Gott sein Dank gut überstanden hat. Die physische Verstümmelung war wieder ein schlimmes Erlebnis für sie. In einer Maltherapie zeichnete sie ein Einhorn, das sie in ihren Gedanken stets begleitet und gestärkt hat. Dieses wunderbare Bild des Einhorns hat sie uns dann geschenkt, es steht jetzt bei Medica Kosova im Therapiezentrum.

Es gelang Dr. Christiansen-Frettlöh, ihre Krankheit als Chance zu sehen, noch mehr von ihren Erfahrungen aufzuschreiben und die Öffentlichkeit damit zu konfrontieren. Später, 2008, im Zuge des Films ‚Anonyma‘, hat die Zeitschrift ‚Hörzu‘ ein Interview mit ihr geführt. Es sollten einige ihrer Gedichte abgedruckt werden, die sie ausgewählt hatte. Eines davon ist von Hörzu abgelehnt worden. Denn darin ging es um Sexualität und eine alte deutsche Frau hat keine Sexualität zu haben. Für sie war das sehr schrecklich, weil es die Kontinuität der Erfahrungen bedeutete.“

Sie erwähnten „Anonyma“, den ersten großen Kinofilm über die Vergewaltigungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit „Das Geheimnis unserer Großmütter“ erschien 2011 die erste deutsche Studie zum Thema. Kommt es endlich zur Aufarbeitung des Unrechts?

Monika Hauser: „‘Anonyma‘ ist das Buch einer deutschen Journalistin, die in Berlin im Mai 1945 vergewaltigt wurde und dann in die USA ausgewandert ist. Leider führte der Film nicht zu der Welle von Aufklärung und dem Interesse in der deutschen Bevölkerung, wie wir uns das erhofft haben. Unter anderem, weil ‚Anonyma‘ als Liebesfilm angelegt wurde, was ich damals kritisiert habe.

In diese Reihe gehört auch unsere Kampagne ‚Zeit zu sprechen‘, die im sechzigsten Jahr nach Kriegsende von medica mondiale initiiert wurde. In Deutschland wollte diesen Aufruf zur Aufarbeitung kaum jemand unterstützen. Es gab Kräfte, die dagegen gearbeitet haben. Vielleicht ist es heute etwas einfacher. Die heutigen EntscheidungsträgerInnen, die jetzt zwischen fünfzig und siebzig sind, haben immer noch genügend Interesse, sie sind ja die Kinder der Kriegsgeneration. Es ist anscheinend erst so viele Jahrzehnte später möglich, sich diesem schmerzhaften deutschen Thema überhaupt zu nähern. Oft verhindert transgenerationales Trauma, dass man sich pro-aktiv damit auseinandersetzt.“

70 Jahre sind seit dem Kriegsende vergangen, viele der Überlebenden sind längst tot, die noch Lebenden oft auf Pflege angewiesen. Sind Alten- und Pflegeheime auf die traumatisierten Frauen eingestellt?

Monika Hauser: „Nein, das sind sie nicht und das ist tragisch, denn daran erkennen wir auch, dass das Verdrängen dieser Thematik bis in unsere Zeit geht. Sonst hätte man irgendwann erkannt, dass diesen Frauen ein Unrecht angetan worden ist, dass sie nie soziale oder juristische Anerkennung erfahren haben. Wenigstens im Alter müssten sie eine gute Pflege und therapeutische Unterstützung bekommen – aber so ist leider nie gedacht worden.

Martina Böhmer, die ihren Verein Paula e. V. hier in Köln hat, zeigt in ihrem Buch ‚Erfahrungen sexualisierter Gewalt in der Lebensgeschichte alter Frauen‘ sehr gut auf, wie viele Frauen retraumatisiert wurden in den Altenheimen. Eine Frau zum Beispiel wehrt sich massiv gegen das Einführen eines Katheters und wird dann als ‚hysterische Alte‘ abgeschrieben, erhält Psychopharmaka, wird ruhig gestellt, anstatt dieses ‚Sich Wehren‘ als mögliches Symptom dafür wahrzunehmen, dass sie in ihrer Jugend Schreckliches erlebt haben könnte. Martina Böhmer sagt auch, dass man bis ins hohe Alter trauma-therapeutisch unterstützen kann. Daher unterstützen wir Martina Böhmer darin, dass diese Erkenntnisse und dieses Wissen in die Ausbildung des Pflegepersonals aufgenommen werden. Das verbindet sich mit unserem eigenen Anspruch, dass trauma-sensible Ansätze generell in die Lehrpläne dieser Berufsgruppen gehören.“

Gibt es denn auch Fälle, in welchen Frauen gestärkt wurden durch das Verarbeiten sexualisierter Gewalt?

Monika Hauser: „Das gibt es auch, natürlich. Wir drücken das im Titel unserer aktuellen Bosnien-Studie zu Langzeitfolgen sexualisierter Kriegsgewalt aus: Wir sind stark, wir haben überlebt und gleichzeitig sind wir verletzt, verwundet und traumatisiert. Es ist wichtig, diese Widersprüchlichkeiten aufzuzeigen, weil es eben kein Schwarz-Weiß gibt. Diese Frauen haben Kinder und Alte durchgebracht während des Krieges, obwohl sie so schreckliche Gewalt erlebt haben. Und in der Folge haben sie weiterhin für das Überleben der Familie gesorgt, obwohl sie stigmatisiert, obwohl sie ausgegrenzt wurden. Es ist wichtig, die Stärke der Frauen deutlich zu machen ohne zu negieren, dass sie traumatisiert sind.

Wir sprechen von ‚posttraumatic growth‘, also vom post-traumatischen Wachstum, das ist ein wunderbarer Begriff, der sicherlich auf einige Frauen in unsere Studie, die durch Medica Zenica oder andere Einrichtungen unterstützt wurden, zutrifft. Sie sagen: ‚Ich kann nicht ungeschehen machen, was passiert ist, es ist ein Teil meiner Biografie, aber ich habe es ein Stück weit bearbeitet, es in mein Leben integriert, sodass ich wieder einigermaßen auf festem Boden stehe und Frauen unterstützen kann, die Ähnliches erlebt haben.‘.“

Welche Formen der Erinnerungskultur können wir gestalten, wenn die Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt weg sind?

Monika Hauser: „Warum nicht eine Erinnerungsstätte für die vergewaltigten Frauen plus Aufklärung plus wissenschaftliche Analyse? Für alle Frauen, die im zweiten Weltkrieg vergewaltigt wurden. Ich fordere schon lange, dass in Berlin eine Dokumentationsstätte entsteht, in der auch über heutige sexualisierte Kriegsgewalt geforscht wird. Ich finde, dass man jetzt, 70 Jahre später, endlich etwas machen sollte.“

Wir danken Monika Hauser für das Gespräch.

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"Über Generationen hinweg – Kriegsvergewaltigungen und Ihre weitreichenden Folgen" Karin Griese, Bereichsleiterin Trauma-Arbeit bei medica mondiale, erläutert die generationenübergreifenden Auswirkungen von Kriegsvergewaltigungen an Frauen. Erschienen im memo 1/2014, S. 6/7.