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17. März 2011

Monika Hauser ist Europäerin des Jahres – Preisverleihung in Köln

Mit Freude und viel Applaus nahm Monika Hauser am 16. März in Köln die Ehrung zur „Europäerin des Jahres 2011“ vom Magazin Reader's Digest entgegen. Der Preis in Höhe von 5.000 Euro wurde ihr symbolisch in Form einer Skulptur überreicht. Vor rund 70 Gästen, darunter VertreterInnen aus Politik, Medien und Zivilgesellschaft, wurde die 51-jährige Ärztin und Gründerin von medica mondiale für ihren jahrelangen weltweiten Einsatz für Überlebende sexualisierter Gewalt in Konflikten ausgezeichnet.

Auch die Bürgermeisterin der Stadt Köln Elfi Scho-Antwerpes war zur Preisverleihung in der beliebten Kölner Gastronomie “Rheinterrassen“ gekommen. "Es sind stets einzelne Menschen, die Veränderungen herbeiführen und das Schicksal Europas entscheidend mitbestimmen", sagte Werner Neunzig, Geschäftsführer von Reader's Digest Deutschland, Schweiz, Österreich in seiner Eröffnungsrede.

Die Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen für sexuelle Gewalt in Konflikten und ehemalige Vorsitzende der EU-Kommission, Margot Wallström, hielt die Laudatio. Sie erinnerte an die Anfänge der Arbeit von Hauser, die inmitten des Krieges im ehemaligen Jugoslawien nach Bosnien fuhr, wo „tausende Frauen in so genannten Vergewaltigungslagern über Monate immer und immer wieder vergewaltigt wurden“. „Anders als die meisten von uns, reagierte Dr. Hauser nicht nur mit Entsetzen und Ekel, sondern sie entschied sich, etwa dagegen zu tun. Sie ließ ihre Arbeit im Krankenhaus ruhen und gründete Medica Zenica, um medizinische und psychologische Unterstützung für Flüchtlingsfrauen auf die Beine zu stellen“. Und weiter: „Unglücklicherweise gibt es keine Möglichkeit, das, was den Opfern und Überlebenden sexueller Gewalt angetan wurde, ungeschehen zu machen. Aber es gibt Wege, etwas von dem Leiden zu mildern und zu versuchen, den Frauen etwas von dem Gefühl wiederzugeben, dass nicht alles verloren ist, dass da jemand ist, der sich um sie kümmert und um die schrecklichen Dinge, die ihnen angetan wurden.“ Der Kampf gegen sexuelle Gewalt in Konflikt habe nur dann eine Chance auf Erfolg, wenn er von engagierten Menschen wie Monika Hauser unterstützt werde, sagte Wallström weiter. "Ich wünschte, wir hätten mehr Menschen wie Sie."

In ihrer Dankesrede monierte Monika Hauser die Tatenlosigkeit der internationalen Gemeinschaft im Kampf gegen sexualisierte Gewalt: „Auch heute geht es nach wie vor um Verantwortung, die nicht wahrgenommen wird, wenn wir zum Beispiel in den Osten der Demokratischen Republik Kongo schauen. Trotz wichtiger UN-Resolutionen, trotz Friedensschlüsse und großer UN-Mission geht der Krieg gegen die Frauen weiter“. Menschenrechte und Solidarität seien keine rein westlichen Errungenschaften, erklärte Monika Hauser weiter: „Schauen wir doch nach Ägypten und Tunesien! Dort kämpfen mutige Frauen und Männer unter Lebensgefahr für mehr Demokratie gegen jene Tyrannen, die unsere Regierungen jahrzehntelange aus Eigennutz unterstützt haben. Wir können uns angesichts der Weltlage solche Männer nicht mehr leisten, die mit Waffengewalt oder selbstgefälliger Politik Probleme lösen wollen.“

In dem nachfolgenden Pressegespräch mit der Preisträgerin und ihrer Laudatorin und stellten Wallström und Hauser vor allem den aktuellen Konflikt im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) in den Mittelpunkt. Wallström, die im direkten Anschluss an einen Aufenthalt in Afrika nach Deutschland gereist war, wies auf die anhaltenden Vergewaltigungen kongolesischer Frauen hin. „Als ich im Kongo war, konnte ich sehen, welche Last die Frauen schultern: Sie tragen einfach alles – sie tragen Feuerholz, sie tragen Wasser, sie tragen Berge voller Wäsche, sie tragen ihre Kinder. Sie tragen die Verantwortung für die Familie und zudem noch die Scham, vergewaltigt worden zu sein.“ Sie betonte die Bedeutung der UN Resolution 1820 aus dem Jahr 2008 im Kampf gegen sexuelle Kriegsgewalt gegen Frauen, die sexuelle Gewalt erstmals als ein gravierendes Problem auch für die internationale Sicherheit anerkennt und Sanktionen gegen Verantwortliche sowie Schritte zum Schutz und zur Verhinderung von Gewalt erlaubt „Ihre Umsetzung muss nun absolute Priorität haben“, erklärte Wallström. Die kürzlich verabschiedete Folgeresolution 1960 gäbe der Staatengemeinschaft gezielte Maßnahmen an die Hand, um die Umsetzung von 1820 weiter voranzubringen und vor allem gegen das Problem der Straflosigkeit bei sexuellen Gewalttaten vorzugehen. „Dies muss jetzt genutzt werden“, forderte die Sonderbeauftragte. Außerdem forderte sie mehr Engagement von Seiten aller, auch der Männer: „Wir müssen der Staatengemeinschaft deutlich machen, dass sexuelle Gewalt in Konflikten kein Frauenthema ist, sondern ein Thema für uns alle.“

Hauser lobte die wichtige Arbeit von Wallström. „Nach acht Jahren haben wir endlich eine Sonderbeauftragte der UN für sexuelle Gewalt in Konflikten. Sie nimmt ihren Job und ihre Verantwortung ernst und hat zum Beispiel die Massenvergewaltigungen in Walikale (DR Kongo) im Sommer 2010 ernsthaft untersucht. Dies mündete in Verhaftungen, die dieses Mal nicht wie in früheren Fällen aufgrund von Bestechungen wieder zur schnelleren Entlassung von Kriegsverbrechern führten. Im Gegenteil: Es wurden lange Haftstrafen ausgesprochen!“ Gleichzeitig bedauerte Hauser die späte Einrichtung des UN-Sonderpostens. „Was hätte an Leid verhindert werden können, wenn die Sondergesandte schon vor Jahren eingesetzt worden wäre?“ Sie für ein gemeinsames Vorgehen aller Kräfte im Kampf gegen sexualisierte Kriegsgewalt plädierte, um Regierungen in die Pflicht zu nehmen und zum Handeln zu bewegen. „Ohne Druck auf Regierungen weltweit wird sich bei den Frauenrechten überhaupt nichts ändern“, resümierte sie.

Im Anschluss an die Preisverleihung besuchte Wallström das Büro von medica mondiale. Mit Mitarbeiterinnen der Frauenrechtsorganisation aus den Bereichen Auslandsprojekte sowie Menschenrechte und Politik diskutierte sie verschiedene Handlungsmöglichkeiten, um Gewalt gegen Frauen vorzubeugen. Dabei war man sich einig: In vielen Ländern wie beispielsweise Liberia existieren gute nationale Gesetzgebungen gegen geschlechtsspezifische Gewalt, doch scheitere es meist an der Anwendung und Umsetzung dieser Gesetze. Wallström regte zu Antivergewaltigungskampagnen in den jeweiligen Ländern an.

Seit 1996 verleiht das Magazin Reader's Digest den Titel "Europäer des Jahres" an Persönlichkeiten, die „am besten die Traditionen und Werte Europas verkörpern“, so die Erklärung im Wortlaut. PreisträgerInnen der letzten Jahre waren unter anderem Iana Matei aus Rumänien, die sich gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution einsetzt, die Nierderländerin Ayaan Hirsi Ali, die für die Rechte muslimischer Frauen kämpft und die Französin Maria Nowak, die Hilfe durch Kleinstkredite leistet.

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