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19. Dezember 2014

Monika Hauser berichtet von der Konferenz zum EVAW-Gesetz und den Erfolgen von Medica Afghanistan

Oft werde ich gefragt, was mir und meinen Kolleginnen die Kraft gibt, uns immer weiter gegen die Gewalt an Frauen einzusetzen. Es ist die Wut über diese Gewalt und der Wille, etwas zu verändern. Und es sind die positiven Erlebnisse, Erfolge in der politischen Arbeit und vor allem Begegnungen mit Frauen, die sich weltweit mit uns engagieren und die wir durch unsere Arbeit stärken können. Von mutmachenden Begegnungen auf meiner letzten Reise möchte Ihnen heute berichten.

Im November habe ich die erste von Medica Afghanistan organisierte Konferenz zum Gesetz zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen (EVAW Law, Elimination of Violence against Women) in Kabul besucht. Kolleginnen, die ich schon lange kenne, präsentierten vor einem gemischten afghanischen und internationalen Publikum komplexe Sachverhalte. Zu sehen, was sie für einen langen Weg gegangen sind und wie sie heute selbstbewusst ihre Inhalte vertreten, ist für mich eine große Freude.

Bestimmte Sharia-Auslegungen erschweren das Durchsetzen des EVAW-Gesetzes

Das EVAW-Gesetz geht einen für Afghanistan ganz neuen Weg, indem zum Beispiel Vergewaltigung unmissverständlich als Verbrechen gewertet wird. Einige ParlamentarierInnen und Religionsgelehrte halten mit diversen Auslegungen der Sharia massiv dagegen. Hauptziel der Konferenz war es, die Behauptung „das Gesetz sei unislamisch“ zu diskutieren. Die teils kontroversen Debatten auf der Konferenz über die Auslegung von frauen- und familienrechtlichen Fragestellungen waren mutig angesichts der vorherrschenden extrem frauenfeindlichen Stimmung im Land. Gewalt gegen Frauen ist durch die Sharia nicht zu rechtfertigen, das machten die Diskussionen deutlich und das ist auch die Haltung gemäßigter religiöser Führer in Afghanistan. Bei den Flurgesprächen war immer wieder zu hören, dass kaum eine andere Organisation als Medica Afghanistan eine solche Tagung hätte organisieren können.

Neben dem Stolz über das, was die Kolleginnen leisten, sehe ich aber auch ihre Müdigkeit. Ich stelle mir vor, Tag für Tag diesen frauenfeindlichen Stimmungen ausgesetzt zu sein, immer wieder die eigene Arbeit verteidigen zu müssen und von jeder Klientin aufs Neue von tragischsten Lebensläufen und Lebenssituationen zu hören – was für eine innere Kraft, sich dem täglich neu zu stellen.

Trotz frauenfeindlicher Stimmung kann Medica Afghanistan Erfolge erzielen

Daher sind Erfolgsgeschichten wie die von Sahar S.* so ermutigend und wichtig. Sie zeigen die Stärke von Frauen trotz feindlichster Lebensbedingungen! Sahar S. wurde als 14-Jährige mit einem älteren Mann zwangsverheiratet und bekam zwei Kinder. Als sie die allgegenwärtige Gewalt ihres Mannes und seiner Familie nicht mehr ertragen konnte, zündete sie sich selber an. Sie erlitt schwerste Verbrennungen und überlebte durch mehrere Operationen. In der Klinik fand sie Kontakt zu einer Beraterin von Medica Afghanistan. Mit ihrer Unterstützung und viel eigener Kraft machte Sahar S. eine Ausbildung. Heute unterrichtet sie bei Medica Afghanistan Frauen in Lesen und Schreiben. Mit Hilfe einer Anwältin kämpft sie darum, ihre Kinder zu sich holen zu können.

(*Name geändert)

Während meines Besuchs führte ich bei Medica Afghanistan ein internes Seminar zum „Kreislauf der Gewalt“ durch, der die Phasen häuslicher Gewalt beschreibt. Sahar S. präsentierte das Ergebnis ihrer Arbeitsgruppe und sagte dann weinend aber mit fester Stimme: „Das alles habe ich auch erlebt, aber heute stehe ich hier und bin so froh, dass es euch alle gibt, die ihr solchen Frauen wie mir helft!“ Es gab keine unter uns, die nicht tief berührt war.

Wir haben genug Gründe, wütend auf so viel Männergewalt zu sein, traurig zu sein wegen so einem zerstörten jungen Leben – und gleichzeitig gibt es gute Gründe, sie als ein mutiges Vorbild zu sehen. Sahar S. hat es nach extremer Gewalterfahrung geschafft, sich selbst nicht zu verlieren und weiter an das Leben zu glauben. Ihre Geschichte zeigt auch den Wert unserer Arbeit. Alleine wegen Sahar S. hat sich alles gelohnt, dachte ich, als sie von ihren ersten Erfahrungen mit Medica Afghanistan berichtete. Sie ist heute 21 Jahre alt. Ihr zu begegnen war ein großes Geschenk für mich!

Für die Kolleginnen in Afghanistan ist es wichtig und aufbauend, mich oder andere Frauen aus Köln zu treffen und um die Unterstützung vieler Menschen in Deutschland zu wissen. Immer wieder höre ich, wie stärkend diese Kontinuität ist, dass das Wissen um unsere Solidarität sie oft genug aufrecht erhält. Auf Basis dieser belastbaren und langjährigen Beziehungen kann Schmerz, Verzweiflung und Last ausgedrückt und geteilt werden. Darum geht es mir und da sehe ich unsere Verantwortung: traumatisierte Frauen so zu begleiten, dass sie eigene Perspektiven für sich entwickeln können, und die Kolleginnen weltweit durch unseren Rückhalt für ihre schwierige Arbeit zu stärken.

Monika Hauser