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19. Dezember 2012

Medica Zenica: Der Krieg ist nicht vorbei – Vergessenes Leid bosnischer Frauen

Mehr als zwanzig Jahre sind inzwischen vergangen, seit die ersten Berichte über Massenvergewaltigungen von bosnischen Frauen bekannt wurden. Mehrere Tausende Frauen wurden im Krieg in Bosnien-Herzegowina systematisch von serbischen Soldaten vergewaltigt, gefoltert und in Lagern gefangen gehalten – manche von ihnen wochenlang. Frauen jeden Alters wurden so Teil einer perfiden Kriegstaktik, die der Demoralisierung des Gegners und der ethnischen Vertreibung der von den Serben beanspruchten Gebiete diente. Nach Schätzungen des UN-Kinderhilfswerkes (Unicef) waren es 20.000 Vergewaltigungsfälle. Andere Quellen sprechen von bis zu 50.000 Fällen.

Die Gründung von Medica Zenica

Während internationale Hilfsorganisationen den grausamen Verbrechen an Frauen gegenüber lange Zeit untätig blieben, setzte sich die Kölner Gynäkologin Monika Hauser zusammen mit rund 20 bosnischen Psychologinnen und Ärztinnen noch während des Krieges für kriegstraumatisierte Frauen und ihre Kinder ein. Gemeinsam gründeten sie im Frühjahr 1993 das Frauentherapiezentrum Medica Zenica in der zentralbosnischen Stadt Zenica. Seither gibt es gezielte Unterstützung für die betroffenen Frauen und Mädchen: Gynäkologische Versorgung, psychosoziale Beratung und Rechtshilfe sind bis heute wesentliche Bestandteile des Hilfsangebotes. Inzwischen ist Medica Zenica landesweit als wichtige Frauenrechtsorganisation bekannt. Aus dem Engagement in Bosnien ging in den Folgejahren der medica mondiale e.V. mit Sitz in Köln hervor, der weiterhin eng mit der bosnischen Schwesterorganisation zusammen arbeitet.

Zur Entstehung von medica mondiale

Ende des Schweigens über die Kriegsvergewaltigungen

Das Engagement von Medica Zenica war bitter nötig. Frauen und Mädchen, die in das Zentrum der Organisation kamen, waren durch die Vergewaltigungen, den Verlust von Familienangehörigen und andere schreckliche Kriegserlebnisse schwer traumatisiert. Sie litten unter Albträumen, Panikattacken und körperlichen Schmerzen. Schamgefühle und die Tabuisierung der Kriegsvergewaltigungen erschwerten die Überwindung der traumatischen Erfahrungen. Anstelle von Schutz und Hilfe sahen sich viele Frauen sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung gegenüber. Die Arbeit mit den betroffenen Frauen war anfangs nicht leicht und bedurfte eines beharrlichen und lang-jährigen Einsatzes.

Erfolge eines langjährlichen Engagements

Tausende vergewaltigte Frauen wurden in den vergangenen Jahren im Frauentherapiezentrum Medica Zenica allgemeinmedizinisch, gynäkologisch und psychologisch betreut. Mehr als 985 Frauen und 727 Kinder fanden zwischen 1993 und 2009 im Frauentherapiezentrum vorübergehend Zuflucht, konnten Mutter-Kind-Angebote wahrnehmen und erhielten materielle Unterstützung. Sämtliches Personal – Ärztinnen, Krankenschwestern und Therapeutinnen ebenso wie Köchinnen und Reinigungsfrauen – wurden im traumasensiblen Umgang mit den Klientinnen geschult. So fanden die Frauen ein sicheres Umfeld, in dem sie sich langsam stabilisieren und Kraft für die Zukunft schöpfen konnten. Über 600 der Frauen lernten in dieser Zeit einen Beruf: Medica Zenica finanzierte Ausbildungslehrgänge zur Friseurin, Schneiderin oder Maschinenstrickerin. Auch Englisch- und Computerkurse wurden angeboten. Die Frauen erlangten nicht nur Vertrauen in ihre Fähigkeiten zurück, sie schmiedeten auch Zukunftspläne und bekamen die Grundlage, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Unterstützung weiterhin nötig

Noch immer kommen Frauen ins Therapiezentrum – auch über 20 Jahre nach Beginn des Krieges. Jährlich sind es mehrere Hundert Frauen. Manche finden erst jetzt den Mut, um Unterstützung zu bitten. Andere erleben erneut Panikattacken, weil sie in einem Prozess aussagen oder ihren Peinigern auf der Straße begegnen. Die Rückkehr in ihren Heimatort oder an ihren Arbeitsplatz holt die schrecklichen Bilder der Kriegsgewalt oft wieder zurück. Frauen, die nach einer Vergewaltigung ein Kind zur Welt gebracht haben, werden ihr Leben lang an die grausamen Umstände der unfreiwilligen Schwangerschaft erinnert. Auch die Kinder brauchen Unterstützung.

Die meisten Klientinnen von Medica Zenica sind inzwischen Frauen, die Gewalt in ihren Familien oder in der Öffentlichkeit erleben. Die Situation im heutigen Nachkriegs-Bosnien – drückende Armut, hohe Arbeitslosigkeit und zerstörte familiäre Beziehungen – haben zu einem deutlichen Anstieg der gesellschaftlichen Gewalt geführt. Darauf hat Medica Zenica mit einem SOS-Telefon reagiert: Mehr als 1.968 Anrufe gingen in der Zeit von 1998 bis 2009 ein. All dies zeigt, wie wichtig langfristige Unterstützung ist. Außerdem gibt es seit 2007 in den Räumen der staatlichen Sozialbehörde von Zenica eine zusätzliche Beratungsstelle von Medica Zenica, die Frauen über einen separaten Eingang erreichen können.