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12. Februar 2011

Medica Tirana: Das Therapiezentrum in Tirana

Das Beratungszentrum von Medica Tirana hat sich zu einer wichtigen Anlaufstelle für Frauen und Mädchen in Tirana und Umgebung entwickelt. Hier finden Albanerinnen mit den unterschiedlichsten Gewalt-Erfahrungen Unterstützung.

In einem ganzheitlichen Ansatz aus medizinischer und therapeutischer Beratung kümmern sich die Ärztinnen, Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen von Medica Tirana um jede einzelne Frau. Viele dieser Frauen haben Vergewaltigungen in und außerhalb der Ehe erlebt, wurden zur Prostitution gezwungen oder nach den patriarchalen Traditionen des „Kanun“ brutal unterdrückt. Die archaischen Traditionen des Gewohnheitsrechts „Kanun“ weisen die Frau in der Regel dem Mann als Besitz zu. Auch Frauen, die während der grausamen Diktatur von Enver Hoxha in Zwangs- und Arbeitslager gezwungen wurden, werden im Zentrum beraten und betreut. Immer häufiger suchen zudem Frauen und Mädchen, die aufgrund von Blutfehden um ihr Leben bangen müssen, Schutz und Beratung bei Medica Tirana.

Offene Gesprächsangebote

Im Beratungszentrum können die Frauen an offenen Gesprächsrunden teilnehmen. Die Beraterinnen von Medica Tirana informieren über Themen, die in Albanien öffentlich Tabu sind wie Gewalt gegen Frauen, Frauenhandel und Prostitution, HIV/Aids-Prävention, Familienplanung und Geschlechterrollen.

Das Schweigen zu brechen, von ihren Gewalterlebnissen in den Straflagern des kommunistischen Regimes oder innerhalb der eigenen Familie zu berichten, kostet die Frauen oft große Überwindung. Denn auch sie sind in den patriarchalen Traditionen groß geworden und kennen kaum andere Handlungsmöglichkeiten. Doch die Erfahrung zeigt: Sich mit anderen Frauen auszutauchen und sich zu solidarisieren, verleiht den Frauen häufig neuen Mut und neue Lebenskraft.

Medizinische Hilfe und Beratung

Viele Frauen leiden unter psychosomatischen Störungen und haben gynäkologische Probleme – Folgen ihrer teilweise jahrelangen traumatischen Erlebnisse. Für die meisten Frauen ist es das erste Mal, dass sie aufgrund der erlebten Gewalt und der belastenden Folgen für Körper und Seele einen Arzt aufsuchen. Umso wichtiger ist es, dass das medizinische Personal eigens für die Beratung und Behandlung von traumatisierten Frauen geschult wird– vor allem um eine Retraumatisierung der Patientinnen zu vermeiden.

Im Jahr 2010 wurden rund 450 Frauen zu Themen wie Familienplanung, Schwangerschaft, Vorsorgeuntersuchungen, psychosomatische Probleme, HIV/Aids und andere sexuell übertragbare Krankheiten medizinisch beraten und aufgeklärt. Etwa 100 Frauen wurden an Krankenhäuser und ÄrztInnen zur Gebärmutterkrebsvorsorge überwiesen.

Jedes Jahr werden von den Sozialarbeiterinnen von Medica Tirana und Familienangehörigen rund 150 Frauen mit gravierenden psychiatrischen Problemen, wie Schlafstörungen oder Angstzustände, an das Beratungszentrum vermittelt. Dort werden sie von einer Psychiaterin von Medica Tirana behandelt. Besonders schwere Fälle überweist sie für weitergehende Behandlung an ein Krankenhaus.

Trauma-Beratungsgruppen

Neben den offenen Gesprächskreisen gibt es auch feste Therapiegruppen für die Frauen. In Traumaarbeit geschulte Mitarbeiterinnen von Medica Tirana helfen den Frauen mit verschiedenen Methoden – unter anderem Psychodrama oder Gestalttherapie – ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Drei Monate lang treffen sich etwa acht bis zehn Frauen zur wöchentlich stattfindenden Gruppentherapie.

2010 fanden auf die Weise etwa 270 Frauen in Trauma-Gruppenberatungen Unterstützung. Etwa 200 Frauen erhielten in insgesamt rund 1.000 Gesprächssitzungen eine individuelle Beratung.