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05. April 2012

medica mondiale Liberia: Reisebericht 2012 - Traumatherapeutin Maria Zemp berichtet aus Liberia

Seit 2003 ist die Krankenschwester, Heilpraktikerin und Traumatherapeutin Maria Zemp regelmäßig als Trainerin von Gesundheitsfachkräften für medica mondiale tätig. Immer wieder fährt die erfahrene Therapeutin im Auftrag von medica mondiale in die Projektgebiete, nach Afghanistan und seit Sommer 2009 auch nach Liberia, um die Mitarbeiterinnen vor Ort sowie medizinisches Personal in staatlichen Krankenhäusern in traumasensibler Behandlung und Betreuung zu schulen.

In Liberia erarbeitete Maria Zemp 2011 gemeinsam mit den liberianischen Mitarbeiterinnen ein Konzept zur kompetenten Unterstützung von Überlebenden sexualisierter Gewalt. Auf Basis dieses Konzepts bildet Maria Zemp derzeit in Kurzzeit-Einsätzen Gesundheitsfachkräfte in der Region aus, bis sie die Grundprinzipien einer traumasensiblen Haltung verinnerlicht haben. Auf ihrem Rückweg von ihrer letzten Reise im Februar nutzte sie die Wartezeit am Flughafen in Monrovia, um in einer E-Mail ihren FreundInnen und Bekannten die noch sehr lebendigen Eindrücke von ihrer Reise zu schildern.

Monrovia, 5. März 2012

Ihr Lieben, ich bin am Flughafen von Monrovia und warte auf den Rückflug, nachdem ich die letzten zwei Wochen für medica mondiale im Südosten gearbeitet habe. Das Ziel, das wir uns gesteckt haben: Bis Ende 2012 sollen in allen drei Provinzen, in denen medica mondiale arbeitet, die Fachkräfte gelernt haben, wie sie Frauen und Mädchen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, medizinisch versorgen können. Sie sollen zudem wissen, wie sie die Folgen, unter anderem körperliche Wunden, so protokollieren können, dass diese Protokolle später vor Gericht als Beleg zur Anklage des Täters verwendet werden können. Was wir ihnen zusätzlich vermitteln, ist das Wissen darüber, welche traumatischen Folgen geschlechtsspezifische Gewalt, körperlich und seelisch bei den Frauen hinterlässt.

Der Trainingszyklus ist gedacht für die medizinischen MitarbeiterInnen der Gesundheitsstationen, weibliche und männliche Krankenpflegekräfte, Hebammen und einige ÄrztInnen. Die medizinischen Fachkräfte sind oft die ersten, denen die Frauen ihre Gewalterfahrung anvertrauen, deshalb spielen sie in der Versorgung eine Schlüsselrolle. Es hängt oft von ihrem Wissen und ihrer Haltung in einem solchen Erstgespräch ab, ob die Überlebenden das, was sie verloren haben, nämlich ihre Würde, wieder fühlen können oder nicht.

Wenn Visionen wahr werden

In der ersten Woche meines Aufenthaltes habe ich eine Gruppe von Gesundheitsfachkräften von medica mondiale und einige SupervisorInnen der Gesundheitsstationen so weitgehend ausbilden können, dass sie die Grundprinzipien einer traumasensiblen Haltung verstanden haben. Mit dieser ermutigenden Erfahrung haben wir in der zweiten Woche ein Training für 22 MitarbeiterInnen der Gesundheitsstationen begonnen. Meine lokalen Kolleginnen haben den klinischen Teil unterrichtet, ich das Wissen über Trauma und die Folgen. Zu sehen, wie die lokalen Kolleginnen das Wissen, das sie selber erst eine Woche vorher gelernt haben, in ihren eigenen Kontext übersetzen, ist total spannend!

Die TrainingsteilnehmerInnen ihrerseits nehmen diese Art interkulturelle Zusammenarbeit sehr gerne an. In der Endauswertung hat eine Teilnehmerin auf die Frage, „Was haben Sie in diesem Training neu gelernt“, geantwortet: „Dass Patientinnen Rechte haben!“ Ich denke, dieser Satz spricht für sich und freut das Herz einer Mitarbeiterin von medica mondiale besonders. Schließlich ist es ja das erklärte Ziel der Organisation, neben der individuellen Hilfe für einzelne Frauen ihnen auch Wissen über ihre Rechte zu vermitteln, bis hin zur praktischen Unterstützung bei der Durchsetzung von Rechten, zum Beispiel vor Gericht bei Vergewaltigungsprozessen.

Ein Radiojournalist hatte von diesem Training erfahren und ein Interview mit einer lokalen Trainerin und mir geführt. Es wurde landesweit gesendet. Voller Stolz erzählten die Mitarbeiterinnen von Anrufen ihrer Familienangehörigen aus Monrovia: Sie hatten den Bericht im Radio gehört. Das hat meine lokalen Kolleginnen sehr gestärkt. Sie hatten das Gefühl, wahrgenommen zu werden in ihrer Arbeit und damit ihren Klientinnen eine Stimme zu geben.

Rückblick: Ein Trainings-Handbuch nimmt Gestalt an

Vor etwa zwei Jahren wurde deutlich, dass medica mondiale Liberia ein eigenes Trainings-Handbuch braucht, das die Grundlage bietet für die Weiterbildung aller lokalen Mitarbeiterinnen. Auf Basis dieses Buches sollte vor allem ihre Beratungskompetenz im psychosozialen Bereich sowie im Rechts- und Gesundheitsbereich gestärkt werden. Zudem sollten sie befähigt werden, selber Trainerinnen zu sein. Es gibt viele gute Trainings-Handbücher, sogenannte „Manuals“, auf dem Markt, aber der Ansatz von medica mondiale, Wissensvermittlung immer auch mit Selbstreflektion und persönlichem Wachstum zu verbinden, war in keinem zu finden.

Kurz und gut, es wurde beschlossen, dass medica mondiale solch ein Manual selber schreiben muss. Aus diesem Grund traf sich im Sommer 2010 das Team aus Liberia mit der Kölner Projektleiterin Sybille Fezer und der Leiterin des Traumabereichs Karin Griese. Am Ende der arbeitsamen und sehr inspirierenden Tage hatten wir das Grundkonzept. Wir wussten nun, welche Inhalte und welche Haltung wir vermitteln wollten. Das Beste: Wir hatten auch die Fachfrau Simone Lindörfer, die mit großer Begeisterung und viel Fachkenntnis den Auftrag angenommen hat, das Manual zu schreiben. Es fehlte nur noch ein kleines, aber sehr entscheidendes Mosaiksteinchen: Die Trainerin, die das ganze Projekt in Liberia umsetzt und die erste ausgearbeitet Version vor Ort mit den TeilnehmerInnen des Trainings testet. Welch ein Glück, nach kurzer Zeit wurde sie gefunden! Judith Bässler, die bereits seit drei Jahren in Liberia für eine andere Organisation gearbeitet hatte, war bereit, dieses Trainingsprojekt umzusetzen.

In den letzten eineinhalb Jahren hat Judith Bässler unzählige Male die Tagesreise von Monrovia in den Südosten gemacht, ist dort zwischen den drei Standorten gereist und hat den Inhalt des Trainings-Handbuchs den verschiedenen Fachkräften von medica mondiale vermittelt.

Zwedru, 2. März 2012: „Dieses Training hat mein Leben verändert“

Am letzten Freitag hatte Judith Bässler ihren letzten Trainingstag abgeschlossen, und ich war eingeladen, an der Abschiedsfeier teilzunehmen. Im Garten des Projekthauses in Zwedru saßen wir zusammen.

Die MitarbeiterInnen aus allen Bereichen, auch die Fahrer, haben sich bei ihr in einer offiziellen Rede bedankt und erzählt, was sie von ihr und dem Training gelernt haben. Könnt ihr euch vorstellen, dass ich dabei Gänsehaut bekam? Ich hörte Sätze von den Frauen wie: „Dieses Training hat mein Leben verändert, ich sehe Vieles mit anderen Augen“, oder fachliche Rückmeldungen wie: „Bevor ich trainiert wurde, habe ich gemeint, Feedback geben heißt, immer das Negative zu sagen. Jetzt weiß ich es viel besser und benenne als Erstes immer das Positive“, oder: „Judith, du hast uns gelehrt, dass wir alle im Team, von der Leitung bis zur Köchin, freundlich behandelt werden möchten“.

Bei der Festlegung der Trainingsziele viele Tausend Kilometer weit weg hatten wir uns gewünscht, dass diese Art Lernergebnisse erreicht werden können – und siehe da, ich sitze da und höre plötzlich exakt genau die Worte von den Teilnehmerinnen, die wir damals als Ziele formuliert haben!

Rückkehr mit gemischten Gefühlen

Ihr Lieben, bald kann ich ins Flugzeug einsteigen! Ich komme sehr gerne zurück und lasse aber auch wie immer ein gutes Stück Herz hier. Eine meiner Kolleginnen meinte: „Maria, du wirst die erste Zeit nur mit deinem Körper in Europa sein, mit deinem Geist bleibst du noch lange hier.“

Natürlich habe ich vieles nicht beschrieben und mich entschieden, vor allem das Freudvolle mit euch zu teilen. Selbstverständlich habe ich auch viel Leid gesehen, am eindringlichsten an dem Tag, an dem ich mit den Kolleginnen die Dörfer besucht habe, die Flüchtlinge aus der Elfenbeinküste aufgenommen haben. Viele Frauen sind auf der Flucht vergewaltigt worden, sie haben Angehörige und Kinder und ihre ganze Existenz verloren, und obendrein leiden sie jetzt an Hunger! Eine Tragödie, die vermeidbar wäre! Aber wieder scheint die Durchsetzung der politischen Linie, möglichst viele Flüchtlinge möglichst schnell rückführen zu wollen, viel entscheidender zu sein als die verzweifelte Situation der Menschen und der Dorfältesten, die nicht wissen, wie sie alle Bewohner satt bekommen sollen.

Bereichert mit vielen neuen Erkenntnissen und Erfahrungen, dankbar, dass ich solch eine herausfordernde und interessante Arbeit machen kann, schicke ich herzlichste Grüße,

Maria Zemp

Fotos: © Rendel Freude/medica mondiale