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10. Juni 2013

medica mondiale Liberia: Geschlechterrollen bei den Dorfältesten ins Wanken bringen

Seit 2006 engagiert sich medica mondiale gemeinsam mit der Welthungerhilfe im strukturschwachen Südosten Liberias. Dazu gehören auch vorbeugende Maßnahmen zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen, beispielsweise mehrtägige Sensibilisierungstrainings für Dorfälteste zu den Themen Geschlechterrollen, Partnerschaft, Gewalt und Respekt. Sybille Fezer, Programm-Managerin Liberia bei medica mondiale, besuchte im März einen dieser Workshops.

In einem kleinen Ort tief im Regenwald in der Provinz River Gee sitzen 35 Männer und Frauen in einer evangelischen Kirche im Kreis: „Wenn wir verheiratet sind, dann heißt das aber doch, dass ich ein Recht darauf habe, der Frau zu sagen, sie soll sich umdrehen!" Einer der Dorfältesten, in einem ausgewaschenen T-Shirt mit UNHCR Aufschrift, ist aufgestanden, damit alle ihn besser hören können. „Turning round", lerne ich, ist der Begriff für „miteinander Sex haben". Die Reaktionen auf seine Aussage: empörtes Gemurmel und Aufschreie der Frauen.

Dorothy Gaylah, Rechtsberaterin von medica mondiale, moderiert das Gespräch. Ein Spiel, bei dem der Mann in die Rolle seiner Frau schlüpft, sorgt für Gelächter allerseits. Aber so verstehen die Männer, was ihre Frauen Tag für Tag leisten: Wasser holen, Reis kochen, die Kinder zur Schule schicken, auf den Markt gehen, Feuerholz suchen, Hühner füttern – und so weiter. Abends dann „turning round", ohne ein Wort der Anerkennung, ohne die Frau nach ihren Bedürfnissen zu fragen? Ich sehe erste nachdenkliche Mienen bei den Männern.

Drei Tage dauern diese Trainings für die Dorfältesten. Es geht um Geschlechterrollen, Gewalt und die Folgen für die Frauen – und die Gemeinden, um Gesetze wie das „Vergewaltigungsgesetz" oder das neue Erbschaftsrecht. Es geht aber auch um Arbeitsteilung, um Partnerschaft und Respekt. Die Mitarbeiterin von medica mondiale – eine ehemalige Polizistin – macht deutlich, wo gegen geltendes Recht verstoßen wird und wofür Dorfälteste Verantwortung übernehmen müssen. Aber vor allem setzt sie auf Einsicht.

Fotoscreenshots aus Videos: © Sybille Fezer/medica mondiale

Erschienen im Newsletter Juni 2013