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18. Mai 2017

medica mondiale Fortbildungen: Erfahrung in Stärke verwandeln

Sie wissen, was es heißt, die Heimat zu verlassen. Sie wissen, wie es ist, neu anfangen zu müssen. 14 Frauen, die selbst einst nach Deutschland geflohen sind und schon länger hier leben, haben 2016 an Fortbildungen von medica mondiale teilgenommen, um neu angekommene Geflüchtete zu unterstützen. Ihre Erfahrung macht sie zu Expertinnen, die anderen die Integration nach der Flucht erleichtern können.

Sie kommen aus Nigeria, Eritrea, der Demokratischen Republik Kongo und Vietnam. Manche arbeiten oder jobben, andere studieren. Fast alle engagieren sich ehrenamtlich, etwa in kirchlichen Gruppen. Trotz unterschiedlicher Sprachen und Lebenssituationen verbindet die Teilnehmerinnen der Fortbildung der Wunsch, andere Frauen zu unterstützen, die Ähnliches durchlebt haben.

Vorbilder für geflüchtete Frauen

„Mit ihrem Erfahrungsschatz können sie ermutigende Vorbilder sein“, erklärt Petra Keller, Referentin für Fortbildungen bei medica mondiale, „indem sie zeigen, was geflüchtete Frauen und Mädchen allen Schwierigkeiten zum Trotz erreichen können.“ Zwei mehrtägige Seminare bereiteten sie darauf vor, gemeinsam mit Fachkräften stärkende Gruppenangebote für Geflüchtete zu begleiten – ob in einer Flüchtlingsunterkunft, Beratungsstelle oder in Form einer Koch- oder Yoga-Gruppe.

Selbsthilfekompetenzen zu stärken, ist ein zentrales Element des stress- und traumasensiblen Ansatzes von medica mondiale für die Beratung und Begleitung von Menschen, die Gewalt erfahren haben. Die Angebote sind darauf ausgerichtet, Betroffene so zu unterstützen und zu stabilisieren, dass sie gestärkt mit Belastungen umgehen und ihr Leben aktiv gestalten können.

Der traumasensible Ansatz in Deutschland

Dieser mit lokalen Partnerinnen in Ländern wie Liberia und Afghanistan entwickelte und erprobte Ansatz wird nun auf die Arbeit mit Geflüchteten in Deutschland übertragen. Das erste Seminar vermittelte einen Überblick zu den Ursachen und Folgen von Traumata und die Grundprinzipien einer stress- und traumasensiblen Haltung. Daneben ging es auch darum, die eigenen Fluchtgeschichten, Ressourcen und Möglichkeiten zu reflektieren. „Viele der Geflüchteten haben in ihrer Heimat, auf der Flucht oder in Deutschland sexualisierte Gewalt erlebt“, so Petra Keller. Die traumatischen Erfahrungen beeinträchtigen das Leben der Betroffenen oftmals nachhaltig.

Gestärkt den Alltag meistern

Zugleich können die Situation in den Flüchtlingsunterkünften, langwierige Asylverfahren oder Sorge um die Familie erneut Gefühle von Ohnmacht und Stress auslösen. Gerade die solidarische Gemeinschaft einer Selbsthilfegruppe kann hier stärkend wirken. „Auch Geflüchtete bringen trotz vielfältiger Leiderfahrungen Fähigkeiten und Bewältigungsstrategien mit“, erläutert Keller. Die Gruppen dienen daher nicht in erster Linie dazu, sich über Probleme auszutauschen, als vielmehr Kräfte und Stärken wiederzuentdecken, die helfen können, das Erlebte zu verarbeiten und den Alltag in der Fremde zu meistern.

„Für viele ist es schwer sich zu öffnen, weil sie nicht wissen, wem sie vertrauen können“, so eine der Teilnehmerinnen.

Frauen stärken Frauen

Frauen mit eigener Fluchtgeschichte sind gute Vermittlerinnen, weil sich die geflüchteten Frauen eher mit ihnen identifizieren können. Das zweite Seminar konzentrierte sich vor allem auf die Rahmenbedingungen, die notwendig sind, damit eine Selbsthilfegruppe erfolgreich funktionieren kann. Dazu gehören beispielsweise geeignete Räumlichkeiten, geschulte Sprachmittlerinnen oder Kinderbetreuung. Ein Leitfaden für Selbsthilfestrukturen, der die wichtigsten Eckpunkte enthält, ist in Arbeit. Selbstfürsorge, also Wissen darüber, was in oder nach schwierigen Situationen entlasten kann, um sich nicht zu überfordern oder eine sekundäre Traumatisierung zu entwickeln, standen ebenfalls auf dem Programm.

Es waren intensive Tage für alle Beteiligten. Es gab Tränen, es wurde gelacht, gelernt, Pläne geschmiedet und Grenzen ausgelotet. „Was ich gelernt habe, werde ich in meiner Frauengruppe weitergeben“, sagt Onouadje Kadoukpe. Mit ihrem Wissen können die Frauen aber auch die Arbeit von Fachkräften in Beratungsstellen oder Langzeitunterkünften ergänzen.

Der Artikel "Erfahrung in Stärke verwandeln" ist im memo (Mai 2017) erschienen.