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20. Februar 2015

medica mondiale beteiligt sich an syrisch-irakischer AktivistInnen-Konferenz in Istanbul

„Ich möchte nicht als Opfer bezeichnet werden“, sagte eine der 32 AktivistInnen aus Syrien und Irak, die sich vom 26. bis 28. Januar 2015 in Istanbul zu einer Konferenz versammelten. Das Treffen verfolgte das erklärte Ziel, sexualisierte Gewalt in der Konfliktregion Syrien/Irak zu verhindern: „Preventing Sexual Violence in Conflicts Levant Women’s Meeting“. Die anwesenden Aktivistinnen sind bestimmt, stark und fordernd. Sie erheben ihre Stimme, wo andere schweigen und setzen sich dort aktiv für Menschenrechte ein, wo viele internationale Organisationen sich nicht hinwagen.

Die dreitägige Veranstaltung wurde von WILPF (Women's International League for Peace and Freedom) und MADRE organisiert und vom britischen Außenministerium finanziert. Unter den überwiegend weiblichen Teilnehmenden waren JournalistInnen, AnwältInnen und Ärztinnen. Sie arbeiten in Gebieten, die vom ISIL (Islamischer Staat) oder vom syrischen Regime kontrolliert werden, im Irak sowie in den angrenzenden Ländern Türkei und Libanon. Zum Teil unter Lebensgefahr dokumentieren sie Tag für Tag Gewaltverbrechen, um zu einem späteren Zeitpunkt Gerechtigkeit einzufordern. Diese Bedingungen sind für alle, die in einem sicheren Land aufgewachsen sind, unvorstellbar. Und das trotz der Erzählungen und Bilder aus Syrien und Irak, die seit mehreren Jahren nun schon über die Bildschirme flimmern.

„Waffen fallen nicht vom Himmel!“ – westliche Interessen schüren Krisen, Konflikte und Kriege

Die Anreise war für die Aktivistinnen mit erheblichen Risiken verbunden. Doch es war ihnen wichtig, an der Konferenz teilzunehmen. Sie wollten über ihre Erfahrungen berichten und Forderungen an die internationale Gemeinschaft formulieren. Botschaftsangehörigen verschiedener Länder wurden gegen Ende der Tagung die Ergebnisse präsentiert.

Die Teilnehmenden analysierten die Ursachen der Konflikte in Irak und Syrien. Besondere Bedeutung hat laut dieser Analyse das politische Vakuum, das militanten Gruppen wie ISIL zur Macht verhalf. Die jahrelange Besatzung und koloniale Intervention der USA und anderer westlicher Mächte haben dieses Vakuum hervorgebracht. Die Besatzung führte durch die Betonung von Kategorien wie Religion und Ethnie die Zersplitterung des Landes herbei. Radikalisierungsprozesse nahmen ihren Lauf. In den stark patriarchal ausgerichteten Gesellschaftssystemen wurden Menschenrechtsverletzungen an Frauen durch die geschürten Konflikte begünstigt. Deshalb fordern die AktivistInnen von der internationalen Gemeinschaft neben finanzieller Unterstützung insbesondere politische Lösungen, wie beispielsweise einen Waffenimportstopp. Denn, so eine syrische Journalistin: „Waffen fallen nicht vom Himmel, sie überqueren Grenzen!“. Und daran ist der Westen maßgeblich beteiligt.

Zerstörung des Gesundheitswesens durch die syrisch-irakische Krise: Kurzfristige Hilfe greift nicht nachhaltig genug!

Die MenschenrechtsaktivistInnen fordern zudem Investitionen in das Gesundheitswesen. Eine Aktivistin sagte über die Lage in Syrien, dass sowohl die Regierung als auch die terroristischen Organisationen eine Gefahr für die Bevölkerung darstellten. Die Regierung töte systematisch Bürger und zerstöre das Gesundheitssystem. Mehr als drei von insgesamt fünf Millionen Menschen, die humanitäre Hilfe benötigen, erhalten sie nicht. Die AktivistInnen beklagen zudem die nur kurzfristige, nicht nachhaltig wirkende Hilfe internationaler Organisationen. Diese übernehmen in der Regel nicht die Kosten für Gehälter der lokalen Gesundheitsfachkräfte. So steht beispielsweise das letzte funktionierende Krankenhaus in Aleppo kurz vor der Schließung. Die Gehälter und laufenden Kosten, die sich monatlich auf zirka 70.000 Dollar belaufen, können nicht bezahlt werden.

Viele Vergewaltigungen und andere Formen von Gewalt gegen Frauen – wenige psychosoziale Unterstützungsangebote

Sehr interessiert zeigten sich die AktivistInnen an den Erfahrungen von medica mondiale, die ihnen Karin Griese, Bereichsleitung Trauma-Arbeit, berichtete. In einem Workshop von medica mondiale tauschten sich die TeilnehmerInnen über verschiedene Möglichkeiten und Herausforderungen psychosozialer Arbeit in Kriegs- und Konfliktgebieten aus. Beispielsweise nutzen die AktivistInnen neue Medienangebote, wie WhatsApp und facebook, um Frauen, die in kontrollierten Gebieten leben, zu kontaktieren. Alternativ bieten sie Telefon-Hotlines an.

Die Frauen betonten jedoch auch, dass es sehr wenige psychosoziale Unterstützungsangebote und kaum Expertise gibt. Sie formulierten einen enormen Bedarf an qualifizierten Fortbildungen für Gesundheitspersonal und AktivistInnen. Spezialisiertes Personal, sichere Räume für Überlebende sowie längerfristige psychosoziale Begleitung sind notwendig – und nicht einmalige Beratungsangebote. Auch in den Flüchtlingscamps fehlt es an psychosozialer Unterstützung sowie präventiven Maßnahmen, wie eine Aktivistin gegenüber den Botschaftsvertretungen formulierte: „Wir wissen, dass Sie in den besetzten Gebieten zurzeit nichts machen können. Aber Sie können in den vom UNHCR geleiteten Flüchtlingscamps verhindern, dass Frauen vergewaltigt werden!“

Stigmatisierung von Vergewaltigung: ein großes Problem für die Überlebenden und die Hilfsorganisationen

Als Ursachen für die wenigen Unterstützungsangebote benannten einige AktivistInnen die starke gesellschaftliche Stigmatisierung von sexualisierter Gewalt und damit auch der psychosozialen Unterstützungsangebote. Die bestehenden staatlichen Hilfen für Überlebende sexualisierter Gewalt führen zudem zu einer erneuten Stigmatisierung. Oft untersuchen sie die Jungfräulichkeit der Frauen, leisten jedoch keine psychosoziale Unterstützung. Eine Menschenrechtsaktivistin berichtet von einem Erfolgsfall: Eine yezidische Gemeinschaft hat mehrere Überlebende sexualisierter Gewalt hervorragend begleitet und in die Gemeinschaft wieder aufgenommen. Erschwerend für den Aufbau psychosozialer Angebote kommt hinzu, dass in Syrien nur PsychiaterInnen, nicht aber PsychologInnen eine offizielle Arbeitserlaubnis und damit rechtlichen Schutz erhalten.

AktivistInnen und BeraterInnen benötigen Stärkung und Angebote zur Selbstfürsorge zum Schutz ihrer Ressourcen

Die Konferenz zeigte zudem den Bedarf an psychosozialer Unterstützung für die AktivistInnen selbst. medica mondiale gestaltete für die Teilnehmenden am zweiten Abend ein Angebot zur Selbstfürsorge, um den Frauen zu ermöglichen, ihre eigenen Ressourcen zu stärken. Anschließend äußerten die TeilnehmerInnen den Wunsch, Angebote zur Selbstfürsorge in ihrem Arbeitsalltag für sich nutzen zu können. Damit wollen sie sicherzustellen, dass sie diese wichtige, aber risikoreiche Arbeit, bei der sie vielen Traumatisierungen ausgesetzt sind, langfristig fortführen können.

Diese AktivistInnen verdienen unseren Respekt und unserer aller Unterstützung. Denn sie setzen sich mit ihren Kompetenzen und ihrer Selbstlosigkeit tagtäglich für Menschenrechte und Frieden ein.