Zurück zur Übersicht
15. Mai 2011

Medica Kosova: Landwirtschaftsprojekte für Witwen im Kosovo

Seit 2004 unterstützt Medica Kosova Frauen in den ländlichen Gebieten rund um Gjakova, Deqan and Prizren. Die Mehrheit der unterstützen Frauen sind Kriegswitwen. Entsprechend dem jahrhundertealten Gewohnheitsrecht des "Kanun" haben Witwen kaum Rechte: sie dürfen nicht wieder heiraten, kein selbstständiges Leben führen und kaum aus dem Haus gehen. Diesen frauenfeindlichen Traditionen setzt Medica Kosova den Aufbau von landwirtschaftlichen Selbsthilfegruppen entgegen, in denen Frauen wieder Mut entwickeln und sich vor allem durch kleine landwirtschaftliche Produktionen eine eigene Existenz aufbauen können.

Mit Honig und Milch zurück ins Leben

Zahlreiche Frauen haben sich in landwirtschaftlichen Produktionsgruppen zusammengeschlossen: Sie produzieren Honig, betreiben Viehzucht und Milchwirtschaft oder bewirtschaften mit ihren neuen Traktoren die Felder. Die Familienmitglieder in den Dörfern profitieren von den Einkünften durch landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Weizen, Mais und Bohnen. Allein durch den Verkauf von Milch haben einige der Witwen ein Einkommen, das über dem Durchschnittseinkommen in Kosovo liegt. Für viele Frauen, die im Krieg zum Teil alles verloren haben, bedeutet dies zum ersten Mal ein eigenes Einkommen. Weitere Frauen werden nach und nach in das Projekt integriert.

Kühe für die Milchproduktion

Von Medica Kosova haben die Witwen die Kühe bekommen. Mit der Milch beliefern sie die nahe gelegene Molkerei. Mit Unterstützung verschiedener Hilfsorganisationen, unter anderem dem Verband der Südtiroler Landfrauen, wurde eine Milchsammelstelle eingerichtet, die von den Frauen fachkundig betrieben wird. Außerdem bildet Medica Kosova in Zusammenarbeit mit einer Landwirtschaftsberaterin die Frauen in der Qualitätssicherung und Vermarktung ihrer Produkte aus. In einigen Supermärkten in Gakova werden bereits Honig und Käseprodukte der Frauen angeboten. Honig wird auch im Duty Free Shop am Flughafen von Prishtina verkauft – ein ganz besonderer Erfolg für die Witwen des Landwirtschaftsprojektes.

Solidarität in den Selbsthilfegruppen

Für die landwirtschaftliche Produktion organisieren sich die Frauen in Selbsthilfegruppen. Sie teilen sich die landwirtschaftlichen Geräte, bearbeiten gemeinsam die seit dem Krieg brach liegenden Felder und geben ihre Kälber an Frauen aus anderen Gruppen weiter. Die Mitarbeiterinnen von Medica Kosova sind sich einig: Das wäre nicht möglich gewesen ohne die jahrelange psychosoziale Beratungsarbeit mit den Frauen und die gemeinsame Bearbeitung der Kriegstraumata. Die Frauen sind emotional gestärkt und motiviert, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Und: Die geteilten Erfahrungen haben Vertrauen untereinander geschaffen – eine unerlässliche Basis für die Frauengruppen.

Wenn Frauen Traditionen brechen

Dass Frauen solidarisch kleine „Kooperativen“ bilden und sich Traktoren und Arbeitsgeräte teilen, ist für die traditionelle ländliche Gegend des Kosovo eine kleine Revolution. Gemeinsam setzen sie sich über traditionelle Rollenmodelle hinweg und nehmen ihr Leben selbst in die Hand. Die neue Eigenständigkeit und Solidarität der Frauen stößt jedoch bei vielen Familienangehörigen auf Ablehnung und Widerstand. Wenn es um Bodenrechte, das Eigentum von Nutztieren oder den Erlös aus landwirtschaftlicher Erzeugung geht, beanspruchen Schwager und Schwiegerväter das meist für sich. Die Gerichte helfen den betroffenen Frauen nur selten, da die tatsächliche Rechtsprechung Frauen in Kosovo extrem benachteiligt. Medica Kosova bemüht sich daher häufig um eine möglichst einvernehmliche Lösung mit den Familien. Wenn nötig werden auch Dorfvorsteher oder Dorfpriester zu Rate gezogen – nicht immer mit Erfolg.