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24. April 2011

Medica Kosova: Gynäkologische Versorgung mit psychosomatischer Orientierung

Im Kosovo sind Frauen, die sexuelle Gewalt und Übergriffe erlebt haben, häufig auf sich allein gestellt. Viele gehen nicht zum Arzt aus Scham und Angst vor unsensiblen Behandlungsmethoden. Unter den gesundheitlichen Folgen der traumatischen Gewalterfahrungen leiden die Frauen oft noch jahrelang. Viele haben anhaltende gynäkologische und psychosomatische Beschwerden wie chronische Unterleibsschmerzen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Inkontinenz und problematische Schwangerschaftsverläufe. Bei nicht wenigen Frauen wird Brust- oder Gebärmutterkrebs diagnostiziert. Die gesellschaftliche Tabuisierung, die die Frauen dazu zwingt, ihre Erfahrungen zu verbergen, begünstigt die Entwicklung dieser Symptome.

Traumasensible gynäkologische Behandlung

In der gynäkologischen Praxis im Zentrum von Medica Kosova finden gynäkologische Beratungen und Behandlungen statt. Die kostenlosen gynäkologischen Sprechstunden von Medica Kosova decken einen immensen Bedarf in Kosova, denn im Allgemeinen ist die Gesundheitsversorgung gerade für Frauen schlecht. Die in Psychosomatik und Trauma geschulten Ärztinnen nehmen sich Zeit für die Frauen und bauen Vertrauen auf, um es den Frauen leichter zu machen, über ihre Erlebnisse zu reden. Bei den Konsultationen achten die Ärztinnen verstärkt auf Traumasymptome bei den Frauen und ziehen in entsprechenden Fällen die psychosozialen Beraterinnen hinzu.

Mit der mobilen Ambulanz in die Dörfer

Für Frauen, die auf dem Land wohnen, fährt das Ärztinnen-Team in die umliegenden Dörfer von Gjakova. Der umgebaute Kleinbus mit dem integrierten gynäkologischen Behandlungsraum sorgt immer wieder für Aufsehen unter den Dorfbewohnern. Denn auch heute noch redet man über eine Frau, die zur Frauenärztin geht. Sie gerät sofort unter Verdacht, etwas mit einem Mann zu haben, was für eine Witwe oder eine unterverheiratete Frau absolutes Tabu ist. Oder es wird vermutet, dass sie im Krieg vergewaltigt wurde – auch darüber wird in den Familien nicht gesprochen. Trotz anfänglicher Widerstände der Dorfbewohner, ist es den Ärztinnen von Medica Kosova gelungen, Vertrauen aufzubauen und die Akzeptanz, vor allem der männlichen Dorfbewohner, zu gewinnen. Die Frauen haben sich angewöhnt, sich in Gruppen vor dem Bus zu versammeln, während sich eine nach der anderen untersuchen lässt. So können sie sich gegenseitig den Rücken stärken und gleichzeitig die Gelegenheit zum Gespräch nutzen.

Medica Kosova bietet Brustkrebsvorsorge an

Da immer mehr Frauen mit Tumorwucherungen in den Brüsten in die gynäkologische Praxis von Medica Kosova kamen, bietet Medica Kosova seit 2006 Brustkrebsuntersuchungen für Frauen in Gjakova und Umgebung an. Mit Spenden wurde ein Ultraschallgerät gekauft, für dessen Anwendung die Gynäkologin Dr. Minire Zuna eine Fortbildung zur Ultraschall-Diagnostik der Brust erhielt. Damit schließt Medica Kosova eine riesige Versorgungslücke für Frauen in Kosovo. Denn die Brustkrebsfrüherkennung wird im kosovarischen Gesundheitssystem sträflich vernachlässigt. Viele Ärztinnen und Ärzte wissen oft nicht einmal, wie man eine Brust untersucht. Gerade in Nachkriegszeiten besteht ein erhöhtes Krebsrisiko in der Bevölkerung – so auch im Kosovo. Das Immunsystem vieler Frauen ist durch die extremen seelischen und körperlichen Belastungen stark geschwächt. Wie in vielen Nachkriegsgebieten gibt es jedoch für den vermehrt auftretenden Brustkrebs in Kosovo keine Behandlungsmöglichkeiten.

Kampagne gegen Brustkrebs

Um öffentlich auf die Frauenkrankheit und die Vorsorgemöglichkeiten aufmerksam zu machen, startete Medica Kosova in 2006 eine große Kampagne zum Thema Brustkrebs. Seitdem haben sich mehr Frauen nach Vorsorgeuntersuchungen erkundigt und die Scham überwunden, über ihre Krankheit öffentlich zu reden. Auch die Gesundheitsbehörden zeigten sich erstmals bereit, sich für eine angemessene medizinische Versorgung von Frauen und für Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung einzusetzen.