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19. September 2013

Medica Afghanistan: "Wir geben nicht auf"

Fundamentalistische Kräfte nutzen derzeit jede Möglichkeit, den Bewegungsspielraum von Frauen einzuschränken. Deshalb war die Sorge von Frauenrechtsaktivistinnen groß, als im Mai das Gesetz zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen (EVAW Law) dem afghanischen Parlament zur Ratifizierung vorlag. Bele Grau, Referentin für Afghanistan bei medica mondiale, erlebte bei ihrem letzten Besuch verschlechterte Arbeitsbedingungen für die Kolleginnen von Medica Afghanistan. Sie sind entschlossen, nicht aufzugeben.

 „Als ich Ende Mai in Kabul ankomme, ist die öffentliche Debatte um das EVAW Law und die gesellschaftliche Stellung von Frauen in Afghanistan in vollem Gange. Eine Mitarbeiterin berichtet, dass sie von ihrem Zuhause aus hören kann, wie der Mullah in der Moschee gegen das EVAW-Law als vermeintlich 'unislamisches' Gesetz predigt. Studierende der Universitäten demonstrieren lauthals für und gegen Frauenrechte. Eine Hetzkampagne gegen Frauenschutzhäuser erregt großes Aufsehen. Zusätzlich spitzt sich die Sicherheitslage durch Anschläge oder Bombendrohungen zu und ich erfahre wieder einmal hautnah, wie schwierig die alltägliche Arbeit meiner Kolleginnen von Medica Afghanistan wirklich ist.

An einem Abend werden neun von ihnen in einem Fernsehstudio von Fundamentalisten bedroht. Eine Psychologin des Teams führt mit den betroffenen Frauen eine Supervision zur Aufarbeitung des Erlebten durch. Am Tag danach beraten die Kolleginnen, wie sie politisch und strategisch mit der sich zuspitzenden Situation umgehen können. Sie beschließen verschärfte Sicherheitsmaßnahmen, zum Beispiel häufig wechselnden Routen auf dem Arbeitsweg. Außerdem wollen sie bis auf Weiteres keine Interviews mehr geben und Medienanfragen an Partnerinnen wie das Afghan Women's Network verweisen.

Es ist die Gewissheit, nicht alleine gelassen zu werden, die in diesen Zeiten wichtig ist. Deshalb freuen sich die Kolleginnen von Medica Afghanistan besonders über meinen Besuch und die Solidaritätsgrüße aus Köln. Wir haben ein gemeinsames Ziel: Wir wollen Gewalt gegen Frauen bekämpfen. Das verbindet uns mit Tausenden von Frauen, die Medica Afghanistan psychosozial und rechtlich beraten hat. Die Diskussion um das EVAW Law wurde am 18. Mai im Parlament abgebrochen und das Gesetz zur weiteren Ausarbeitung zurück ins Unterhaus gegeben. Es gibt nun eine zweite Chance für das Gesetz zum Schutz für Frauen und damit für etwas mehr Gerechtigkeit in Afghanistan. Diese Chance möchte Medica Afghanistan nach allen Kräften nutzen – mit Unterstützung ihrer afghanischen und deutschen Partnerinnen."

Fotos (von oben nach unten):
© Lizette Potgieter/medica mondiale
© Medica Afghanistan
© Medica Afghanistan

Erschienen im Newsletter September 2013