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25. September 2012

Medica Afghanistan: "Wir finden auch in der Scharia Argumente gegen Gewalt"

Interview mit Masiha Fayez, Leiterin des Rechtshilfebereichs bei Medica AfghanistanIm Frühjahr 2012 reiste die Projektmanagerin Afghanistan bei medica mondiale, Claudia Söder, zu Medica Afghanistan nach Kabul. Sie sprach mit Masiha Fayez über die Rechtsberatung, das afghanische Rechtssystem und die alltägliche Missachtung der Rechte von Frauen in Afghanistan. Doch auch ganz persönliche Wünsche und alltägliche Glücksmomente blitzten im Gespräch auf.

Wie viele Klientinnen werden derzeit von Medica Afghanistan betreut?

Masiha Fayez: Zurzeit arbeiten wir in Herat, Kabul und Mazar-i-Sharif mit 154 Klientinnen. Es geht um Strafsachen, Zivilverfahren, Mediationen, Rechtsberatung und soziale Unterstützung.

Wie verläuft ein Fall, wenn außergerichtliche Verhandlungen oder Mediationen angewendet werden?

Masiha Fayez: Es ist in der afghanischen Kultur üblich, dass die Menschen ihre Probleme und Konflikte eher durch eine Mediation lösen, als vor Gericht zu ziehen. Wenn ein Konfliktfall vom Mediationszentrum von Medica Afghanistan übernommen wird, sorgen unsere Anwältinnen und Sozialberaterinnen zum Beispiel für die Aufklärung über die Rechte der Frau, denn meist werden in Afghanistan die Rechte von Frauen missachtet. Nach vielen Sitzungen unterzeichnen beide Seiten einen Vertrag oder eine Vereinbarung. Dabei sind ZeugInnen anwesend und wir versuchen auch eine Person einzusetzen, die den weiteren Verlauf der Schlichtung und Reintegration der Frau in die Familien beobachtet. Auch unsere Sozialberaterin verfolgt die weitere Entwicklung der Situation, damit wir sicher stellen können, dass die Rechte der Frauen zukünftig geachtet werden.

Welche Rolle spielt die Scharia bei der afghanischen Rechtsprechung aus Ihrer Sicht?

Masiha Fayez: Es ist klar, dass die afghanische Bevölkerung als Muslime die Scharia achtet. Die Scharia spielt eine bedeutende Rolle für das Rechtssystem. Manchmal machen wir uns die Scharia zu Nutze und greifen auf sie zurück, zum Beispiel bei Trennungen aufgrund von Misshandlung. Wir können manche Koranverse nutzen, und finden auch in der Scharia Argumente gegen Gewalt. Wenn eine Person eine andere schlägt oder misshandelt, wird dies auch nach der Scharia verurteilt.

Halten Sie es für möglich, dass die Scharia als Chance gesehen werden kann, die Frauenrechte vor Gericht zu stärken?

Masiha Fayez: Ja, ich bin überzeugt, dass die Scharia hier eine wichtige Rolle hat. Einige der Richter kennen die Scharia nicht besonders gut. Dennoch beschuldigen und verurteilen sie Frauen mit der Behauptung, die angezeigten Handlungen wären gegen die Scharia. Es ist gut, dass wir Richter und JustizvertreterInnen über die Scharia aufklären, insbesondere über die Frauenrechte nach der Scharia. Damit sie wissen, welche Rechte Frauen haben basierend auf der Scharia. Beispielsweise gibt es in den Provinzen von Herat viele Fälle, in denen die Polizei ein Mädchen oder eine Frau alleine in einem Raum, im Auto oder in einem Geschäft antreffen und sie deshalb verhaften. Die Polizei behauptet, dies sei gegen die Vorschriften der Scharia. Aber dies spricht nicht gegen die Scharia und stellt weder eine Sünde oder sonst ein Vergehen dar. Deshalb ist es gut, dass sie Schulungen bekommen.

Was ist Ihre persönliche Motivation für Ihre Arbeit bei Medica Afghanistan?

Masiha Fayez: Wenn ich daran denke, dass ich eine afghanische Frau bin, eine muslimische Frau, die für eine Frauenrechtsorganisation arbeitet, dass wir für Veränderung arbeiten; uns einsetzen für Frauen, die sehr gelitten haben unter verschiedenen Formen von Gewalt. Diese Arten der Gewalt sind Verbrechen. Sie sind eine Sünde nach der Scharia. Dann bin ich sehr stolz, dass ich diese Frauen unterstützen kann.

Vor welchen Schwierigkeiten und Herausforderungen stehen Sie im Arbeitsalltag?

Masiha Fayez: Eine Herausforderung ist die allgemeine Ignoranz der Rechte von Frauen. Afghanische Frauen leiden sehr und seit langer Zeit. 2002 hat die Regierung in Afghanistan gewechselt und die internationale Gemeinschaft hat hier ihre Arbeit für die Unterstützung von Frauen aufgenommen. Unsere Bevölkerung denkt nun, dies seien alles internationale Ideen und internationale Gesetze. Ich bin sehr besorgt darüber, dass sie die Scharia nicht kennen.

Und nun noch eine abschließende Frage: Was macht Sie glücklich oder stolz?

Masiha Fayez: Wenn ich in das Büro komme und meine Kolleginnen berichten mir, dass heute eine unserer Klientinnen befreit werden konnte. Das macht mich stolz. Oder wenn Kolleginnen zum Beispiel Rat bei mir suchen und ich ihnen eine Lösung vorschlagen kann. Wenn durch meinen Rat einer Klientin geholfen wird, das macht mich glücklich. Aber auch, wenn mir berichtet wird, dass ein Fall durch Mediation gelöst werden konnte und der Mann wirklich erkannt hat, dass er falsch gehandelt hat, weil er die Rechte seiner Frau nicht kannte, immer nur auf seine Familie hörte und so die Rechte seiner Frau nicht geachtet hat. Und wenn er sich entschuldigt, weil er seinen Fehler einsieht – das macht mich sehr zufrieden und glücklich!

Video-Interview: © Claudia Söder/medica mondiale