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04. Mai 2016

Medica Afghanistan und medica mondiale: Gemeinsam planen, Solidarität stärken

Austausch und gegenseitiges Lernen schafft Synergien und hilft, breitere Wirkungenzu erzielen. In diesem Sinne trafen sich Mitarbeiterinnen von medica mondiale undMedica Afghanistan im Februar 2016 in der westindischen Stadt Vadodara. Anlass der Reise war zum einen die Planung eines neuen Kooperationsprojektes*, das die stress- und traumasensible Beratung in Afghanistan ausweiten soll. Zum anderen ging es darum, in Workshops und gemeinsamen Aktivitäten die Solidarität untereinander zu stärken.

Vor Ort unterstützt von der Frauenrechtsorganisation OLAKH, mit der seit Jahren eine enge Freundschaft besteht, schuf das Zusammentreffen der Kulturen eine ganz besondere Dynamik. Sie motivierte und inspirierte die Kolleginnen und regte sie sogar zum Tanzen an.

Interview mit den Projektreferentinnen

Projektreferentin für Afghanistan, Claudia Söder (CS), und Finanzreferentin, Maren Erb (ME), berichten von ihren Erfahrungen.

Welche Ergebnisse habt ihr aus dem Projektplanungsworkshop mitgebracht?

CS: Im Rahmen des Projekts, das wir zusammen mit Medica Afghanistan entwickeln, wollen wir die psychosoziale Beratung in Kabul, Herat und Mazar-i-Sharif erweitern und langfristig mehr Fachkräfte qualifizieren, die den stress- und traumasensiblen Ansatz praktizieren. Damit diese Fachkräfte ihre Arbeit so gut wie möglich tun können, haben wir überlegt, welche Veränderungen im Land notwendig sind, um von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen am besten zu unterstützen. Und was langfristig passieren muss, damit die Gewalt ganz aufhört.

ME: Hierfür war es wichtig, diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die täglich mit Betroffenen in Kontakt sind und die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen kennen und einschätzen können. Dafür ist ein Mitarbeiterinnen-Team von Medica Afghanistan nach Indien gekommen. Sie haben mit uns Ziele und Wirkungen ihrer Arbeit diskutiert. So können wir dort ansetzen, wo die Unterstützung am meisten wirkt.

Warum fand das Treffen in Indien statt?

CS: 2015 hat sich die Sicherheitslage in Afghanistan massiv verschlechtert. Deshalb mussten wir Dienstreisen dorthin immer wieder absagen. Um unsere Arbeit voranzubringen, brauchten wir einen Trainingsort außerhalb des Landes. Vadodara bot sich an: Zum einen war es für unsere afghanischen Kolleginnen gut zu erreichen. Zum anderen hatten wir durch die indische Frauenrechtsorganisation OLAKH Ansprechpartnerinnen vor Ort.

ME: Die Geschäftsführerin Nimisha Desai und ihre Kolleginnen von OLAKH haben uns wunderbar unterstützt: Sie haben Seminarräume organisiert, Unterkünfte gebucht und uns in ihre aktuellen Aktivitäten eingebunden. Neben der gemeinsamen Demonstration für die Kampagne „One Billion Rising“ waren deutsche wie afghanische Kolleginnen zu einem Workshop über Gender, Gewalt und Feminismus eingeladen

Am 14. Februar habt Ihr im Rahmen der Kampagne „One Billion Rising“ für Frauenrechte demonstriert. Was war prägend an dieser Erfahrung?

ME: Die Aktion passte prima ins Programm. Denn wir wollten ja neben der Projektplanung auch persönliche Erlebnisse teilen und den zwischenmenschlichen Austausch stärken. Das hat schon beim gemeinsamen Plakate malen wunderbar geklappt. Während der Demonstration haben wir uns dann gegenseitig ermutigt, unsere Forderung für ein Ende der Gewalt gegen Frauen hinaus zu rufen und zu tanzen. Auch für die Afghaninnen war es ein inspirierendes Erlebnis. In ihrer Heimat ist so etwas nicht möglich.

CS: Viele Leute sind stehen geblieben und haben Flyer mitgenommen. Auch Männer. Auf einer Straßenkreuzung haben AktivistInnen ein Theaterstück zum Thema Gewalt aufgeführt. Da hat so mancher Motorradfahrer vor Staunen das Weiterfahren vergessen. Auch in unserer Gruppe sind Männer mitgelaufen. Zum Teil engagieren sie sich als Freiwillige bei OLAKH.

Was habt ihr im Gender-Training von OLAKH gelernt?

ME: Der Workshop verfolgte das Ziel, politische und kulturelle Muster sichtbar zu machen, die die Rolle der Frau in unseren Gesellschaften prägen. Jede und jeder hat dazu von seinen und ihren Erfahrungen berichtet. Dadurch konnten wir die Lebensbedingungen und Sichtweisen unserer Kolleginnen viel besser kennenlernen. Als Finanzreferentin für Afghanistan bei medica mondiale komme ich sonst eher mit Zahlen als mit Lebenswelten in Kontakt. Im Workshop wurde mir klar, dass es aufgrund der frauenfeindlichen Bedingungen in Afghanistan für die meisten Frauen undenkbar ist, beispielsweise unehelich ein Kind zu bekommen oder allein Auto zu fahren. Trotzdem erheben sie täglich ihre Stimme für ihre Rechte und nehmen das Risiko von Anfeindungen, Gewalt und Unterdrückung in Kauf. Das hat mich sehr beeindruckt.

Was steht jetzt an?

CS: Wir werden die Ergebnisse des Projektplanungsworkshops im Team auswerten. Anschließend können wir das Projekt konzipieren und die Finanzierung organisieren.

ME: Zudem werden wir die intensive Zeit des Austauschs mit unseren Kolleginnen aus Afghanistan und die erlebte Solidarität von OLAKH in den Arbeitsalltag mitnehmen. Sie setzen sich mit so viel Kraft für eine gewaltfreie Welt ein. Ich bin sicher: Zusammen können wir Wandel erreichen.

"Gemeinsam planen, Solidarität stärken Medica Afghanistan und medica mondiale in Indien" erschienen im memo 1/2016, S. 10-11.