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08. November 2009

Medica Afghanistan: Schulung medizinischer Fachfrauen

Das Gesundheitssystem ist in Afghanistan kaum entwickelt. Jährlich sterben unzählige Frauen während Schwangerschaft oder Geburt. Die Mehrheit der Schwangeren muss ohne jegliche professionelle Hilfe ihre Kinder zur Welt bringen; für sehr viele Frauen sind Kliniken nicht in erreichbarer Nähe. Oftmals verbieten auch die Ehemänner oder andere Familienangehörige den Schwangeren, in ein Krankenhaus zu gehen. Die medizinische Unterversorgung für Mutter und Kind wirkt sich entsprechend auf die Säuglings- und Kindersterblichkeit aus, die sehr hoch ist. Jedes vierte Kind stirbt vor seinem fünften Lebensjahr.

Obwohl sich die Situation in Krankenhäuser tendenziell verbessert hat, sie sauberer und moderner ausgestattet werden, erleben die Patientinnen oft schlecht ausgebildetes Krankenhauspersonal. Häufig werden sie unfreundlich und respektlos behandelt und müssen sogar gewalttätige Übergriffe erleiden. Viele MedizinerInnen sind selbst in den langen Kriegsjahren in Afghanistan traumatisiert worden; die Ausbildung im Land beinhaltet jedoch überhaupt keine psychosozialen Aspekte.

Dazu kommt, dass die wenigsten Patientinnen die wahre Ursache für ihre Beschwerden und Verletzungen nennen. Grund dafür ist die Stigmatisierung, die in Afghanistan auf Frauen lastet, die vergewaltigt wurden oder anderen Formen von Gewalt ausgesetzt sind. Eine falsche Behandlung, die die besondere Situation und Belastung der Frau nicht berücksichtigt, kann schnell zu einer erneuten Traumatisierung der Patientin führen.

Seit 2002 betreibt medica mondiale in Afghanistan intensive Weiterbildung und Sensibilisierung von medizinischem Fachpersonal im afghanischen Gesundheitswesen. Im Rahmen des Projektes „Doctorane Omid – Ärztinnen der Hoffnung“ gaben zunächst in Deutschland lebende afghanische Ärztinnen ihre Kenntnisse an Kolleginnen in Afghanistan weiter. Die MedizinerInnen vor Ort lernten so, psychosoziale Belastungen ihrer Patientinnen besser zu erkennen und ihnen weiterzuhelfen.

Qualifizierungsprogramm für Fachfrauen im Krankenhaus

Um die frauenspezifische Trauma-Arbeit im afghanischen Gesundheitswesen auszuweiten, führt Medica Afghanistan Fachseminare für weibliches Krankenhauspersonal durch. Über zwei Jahre hinweg lernen afghanische Ärztinnen, Krankenschwestern und Hebammen in fortlaufenden Fortbildungen mehr über Trauma und Retraumatisierung, Psychosomatik und traumasensible Untersuchungs- und Behandlungsmethoden.

Am Ende der Fortbildungen wissen die Fachfrauen einerseits, was sie selbst im Rahmen ihrer Arbeit für von Gewalt betroffene Patientinnen tun können. Andererseits kennen sie auch ihre professionellen Grenzen und vermitteln Frauen bei Bedarf weiter an psychosoziale Beraterinnen von Medica Afghanistan. Auch die Rechte von Frauen auf medizinische Versorgung werden thematisiert ebenso wie die eigene Haltung gegenüber von Gewalt betroffenen Frauen.

Bei den Fortbildungen spielt die Vorbeugung vor eigener Überbelastung eine wichtige Rolle. Die Teilnehmerinnen lernen, wie sie ihre eigenen Kräfte durch den intensiven Kontakt mit traumatisierten Patientinnen schonen können. Gleichzeitig erfahren sie, wie eine indirekte Traumatisierung, bei der die Helfenden selbst Traumasymptome entwickeln, vermieden werden kann. Zusätzlich bietet Medica Afghanistan in den Krankenhäusern Vorträge an, die auch das männliche Personal auf die besondere Situation von Frauen aufmerksam machen sollen. Auch nach Ende der Fortbildung treffen sich die psychosozialen Beraterinnen und ehemalige Trainingsteilnehmerinnen in regelmäßigen Abständen zum fachlichen Austausch und zur Auffrischung und Vertiefung des Gelernten.

Fortbildungen zeigen Wirkungen. Viele der Ärztinnen und Krankenschwestern berichteten, dass sie nach Teilnahme an den Fachseminaren nun Traumata bei ihren Patientinnen besser wahrnehmen und angemessen darauf reagieren können. Trotz des anstrengenden Krankenhausalltages nehmen sie sich mehr Zeit für die Frauen und Mädchen, ihr Verhalten ist nun respektvoller. Zudem haben viele der medizinischen Fachfrauen erkannt, dass sie selbst traumatische Erfahrungen gemacht haben. In den Seminaren konnten sie lernen, besser damit umzugehen.

Beratungsräume in Krankenhäusern

Die Einrichtung von Beratungsräumen in drei Krankenhäusern in Kabul und Herat auf Bestreben von Medica Afghanistan, erleichtert den Ärztinnen und Krankenschwestern den traumasensiblen Umgang mit den Patientinnen. Dorthin können sie sich mit Frauen für ein vertrauliches Gespräch zurückziehen. Denn in der Regel kommen Afghaninnen in Begleitung der Familie in die Kliniken, was ein Gespräch unter vier Augen am Krankenbett unmöglich macht. In schwierigen Fällen ziehen die medizinischen Fachfrauen die psychosozialen Beraterinnen von Medica Afghanistan zu Rate, die sich dann um die Patientinnen kümmern.

„Doctorane Omid – Ärztinnen der Hoffnung“

2002 hat medica mondiale in Afghanistan das Programm „Doctorane Omid – Ärztinnen der Hoffnung“ ins Leben gerufen. Ziel war es, den MitarbeiterInnen der staatlichen Krankenhäuser zu vermitteln, wie sie angemessen mit traumatisierten Frauen umgehen. 27 in Deutschland lebende afghanische Ärztinnen waren bis 2007 in insgesamt elf Krankenhäusern in Kabul und Umgebung, Herat, Pol-e Khomri und Kandahar tätig. In über 60 Kurzzeiteinsätzen behandelten die exilafghanischen Ärztinnen aus Deutschland mehr als 10.000 Patientinnen. Wichtiges Ergebnis der Einsätze: Rund 350 ÄrztInnen und Krankenschwestern wurden in Fortbildungen über Gewalt als Menschenrechtsverletzung und ihre Folgen informiert und erweiterten ihr Wissen in Trauma und Psychosomatik.