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16. Januar 2012

Medica Afghanistan: psychosoziale Beratung und Weiterbildung

Extreme Menschenrechtsverletzungen bestimmen den Alltag vieler Frauen in Afghanistan. Vergewaltigungen sind laut UN-Berichten häufig und die Mehrheit der Frauen wird regelmäßig geschlagen. Die Folgen sind oft schwerwiegende psychosoziale Probleme bis hin zu psychosomatischen Krankheiten. Medica Afghanistan bietet afghanischen Frauen in regelmäßigen Gesprächsgruppen und Einzelsitzungen Gelegenheit, ihre Traumata aufzuarbeiten und zu neuem Lebensmut zurück zu finden.

Beratungsangebote für afghanische Frauen und Mädchen

Im Rahmen des psychosozialen Beratungsprogramms hat Medica Afghanistan in fünf Kabuler Stadtteilen Beratungsräume eingerichtet, um möglichst vielen Frauen eine psychosoziale Unterstützung in ihrer Nähe und einen Treffpunkt an einem geschützten Ort zu bieten.

Im „Women’s Garden“ – einem Zentrum des afghanischen Frauenministeriums, zu dem nur Frauen Zutritt haben – bieten afghanische Psychologinnen von Medica Afghanistan Einzel- und Gruppenberatungen an. Manche der Frauen lassen sich nur einmal beraten, andere werden im Rahmen von regelmäßigen Einzelgesprächen über mehrere Wochen und Monate begleitet. In Gruppensitzungen haben die Frauen zudem die Möglichkeit, Körperübungen zur Stressreduzierung zu erlernen, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen – meist eine vollkommen neue Erfahrung für alle.

Auch Insassinnen der Kabuler und Herater Frauengefängnisse sowie der Jugendvollzugsanstalten werden von den Psychologinnen in wöchentlichen Einzel- und Gruppengesprächen betreut. Ebenso erhalten Frauen in vier Frauenschutzhäusern in Kabul psychosoziale Beratung.

Darüber reden hilft. In den Beratungsgesprächen haben viele Frauen häufig zum ersten Mal die Möglichkeit, über ihre belastenden Erfahrungen und mögliche Traumata zu reden. Aufgrund von Scham und Tabus oder aus Angst vor den Tätern können Frauen in Afghanistan nur selten über erlittene Gewalt sprechen.

Darüber hinaus hat medica mondiale Afghanistan 2009 erreicht, dass in insgesamt drei Krankenhäusern in Kabul und Herat Beratungsräume eingerichtet wurden. Psychosoziale Beraterinnen und Ärztinnen finden dort einen Ort, wo sie mit ihren Patientinnen, die Gewalt erfahren haben, ungestört und vertraulich reden können. Die Beratungsräume in den Krankenhäusern bieten einen geschützten Rahmen: Sie erlauben es auch, dass Frauen unter dem Vorwand einer ärztlichen Untersuchung kommen, wenn ihre Familien ein Beratungsgespräch nicht gestatten. Im Herater Krankenhaus sprechen die Psychologinnen auch mit den Patientinnen auf der Station für Verbrennungsopfer – vielen Afghaninnen scheint Selbsttötung als letzter Ausweg aus allumfassender seelischer wie körperlicher Gewalt. Suizide durch Verbrennung sind verbreitet in Afghanistan.

Lesen und Schreiben lernen

Im Rahmen der psychosozialen Gruppenberatung bietet Medica Afghanistan in Kabul auch Alphabetisierungskurse an, an denen Frauen mit ihren Kindern teilnehmen können. Im Anschluss an die sechs- bis achtmonatigen Gesprächsgruppen lernen die Frauen Lesen und Schreiben und werden darüber hinaus in Gesundheitsfragen sowie über ihre Rechte auf Bildung und medizinische Versorgung aufgeklärt. Die Kurse haben einerseits das Ziel, die Frauen für einfache Tätigkeiten, zum Beispiel im Verkauf, zu qualifizieren. Andererseits geben sie den Frauen die Möglichkeit, sich weiterhin als Gruppe zu treffen und sich bei familiären Problemen gegenseitig zu unterstützen.

Fortbildung für afghanische Fachfrauen in psychosozialer Beratung und Trauma-Arbeit

Bereits 2003 begann medica mondiale in Afghanistan mit der Fortbildung afghanischer Fachfrauen aus psychosozialen und medizinischen Berufen. Bis 2012 wurden rund 440 Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen und andere Berufsgruppen, die mit Frauen arbeiten, in zwei- bis vierwöchigen Weiterbildungen in psychosozialer Beratung und traumasensibler Behandlung geschult. Während der Trainings machen sich die Teilnehmerinnen mit den Grundlagen von psychosozialer Beratung vertraut und haben darüber hinaus die Möglichkeit, sich über Probleme in ihrer Arbeit, aber auch über eigene Gewalterfahrungen auszutauschen.

Erste Erfolge sind sichtbar: Die weitergebildeten Frauen arbeiten verstärkt mit den erlernten Methoden, und die Akzeptanz von psychosozialer Beratung wächst in der afghanischen Bevölkerung. Auch steigt die Nachfrage nach diesen Veranstaltungen von Seiten afghanischer und internationaler Nichtregierungsorganisationen sowie seitens afghanischer Regierungsbehörden und Gesundheitseinrichtungen.

Aus der Praxis: Hilfe für Frauen bei Ehekonflikten
Ein Ehemann kommt in die Arztpraxis und möchte seine Frau vaginal untersuchen lassen, um zu überprüfen, ob sie fremdgegangen ist. Er behauptet, dass seine Frau nicht wie verabredet bis 16.00 Uhr zu Hause gewesen sei. Daher habe er den Verdacht, dass sie ihm nicht treu gewesen sei. Die Ärztin lehnt es ab, die Frau zu untersuchen. Sie redet mit ihm über seine Sorge und erklärt ihm, dass er Vertrauen in seine Frau haben solle, wenn sie allein unterwegs ist. Die Ärztin fragt ihn, wie er sich das vorgestellt habe – wolle er das Vaginalsekret seiner Frau zur weiteren Untersuchung in ein Labor geben? Käme er sich dabei nicht merkwürdig vor? Der Mann besteht nun nicht mehr darauf, seine Frau zu einer Untersuchung zu zwingen. Offensichtlich schämt er sich und geht mit seiner Ehefrau nach Hause.

Aufklärung über Radio

Um über Gewalt gegen Frauen und ihre Folgen aufzuklären, produziert Medica Afghanistan Radioprogramme mit Interviews und Berichten zum Thema „Psychische Gesundheit“. Durch die (anonymisierten) Interviews mit Klientinnen und Klinikpersonal erhalten die HörerInnen in Afghanistan eine Vorstellung von psychosomatischen Störungen und den ihnen zugrunde liegenden Traumata. Auf diesem Wege werden viele Afghaninnen erreicht, die nicht lesen und schreiben können.

Zehn Sendungen zu Themen wie Trauma, Trauer und Depression wurden bislang über verschiedene afghanische Radio-Sender landesweit ausgestrahlt und fanden jedes Mal eine breite Aufmerksamkeit.