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05. Juli 2012

Literaturhinweis: „Das Geheimnis unserer Großmütter“

Millionen Frauen wurden am Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland vergewaltigt. Bis heute ist das Thema ein Tabu – gesellschaftlich wie privat. Das vorliegende Buch leistet einen wichtigen Beitrag zur fachlichen Auseinandersetzung mit den Folgen der Kriegsvergewaltigungen jener Zeit. In ihrem Geleitwort würdigt Monika Hauser das Werk als eine mögliche Form der Bewältigung für uns als Nachfahren sowie eine lang ausgebliebene Form der Würdigung für die Leiden der Frauen.

Das Buch ist 2011 erschienen im Psychosozial-Verlag und für 16,90 Euro erhältlich.

112 Seiten l Broschiert l ISBN-13: 9783837921311

Inhalt

Geleitwort von Dr. Monika Hauser, Gründerin und geschäftsführendes Vorstandsmitglied von medica mondiale e.V.

Vorwort

Danksagung

1 Theoretische Grundlagen

1.1 Sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung
1.2 Sexualisierte Kriegsgewalt
1.2.1 Definition und Erklärungsansätze
1.2.2 Besonderheiten von sexualisierter Gewalt im Kriegskontext
1.2.3 Eine Chronik
1.2.4 Sexualisierte Kriegsgewalt am Ende des Zweiten Weltkriegs 1.2.4.1 Fakten
1.2.4.2 Kritische Aufarbeitung

1.3 Traumatisierung
1.3.1 Trauma und Traumafolgestörungen
1.3.2 Chronische PTBS und Retraumatisierung im Alter

1.4 Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
1.4.1 Einfache und komplexe PTBS
1.4.2 PTBS nach Kriegstraumatisierung
1.4.3 PTBS nach sexualisierter Gewalt
1.4.3.1 Spezifität der komplexen PTBS
1.4.4 PTBS nach sexualisierter Kriegsgewalt
1.4.4.1 Eine Multiple Traumatisierung
1.4.5 Beeinflussende Faktoren posttraumatischer Belastung
1.4.5.1 Traumasituation und peritraumatische Belastung
1.4.5.2 Kohärenzgefühl

1.5 Zusammenfassung und allgemeine Fragestellung

2 Methodisches Vorgehen

2.1 Studiendesign

2.2 Stichprobe
2.2.1 Soziodemografie

2.3 Testplanung

2.4 Erhebungsverfahren und Messinstrumente
2.4.1 Das „narrative" Leitfadeninterview
2.4.1.1 Erfassung quantitativer Daten durch das Leitfadeninterview 2.4.2 Fragebögen
2.4.2.1 Die modifizierte Posttraumatische Diagnoseskala (mPDS) 2.4.2.2 Der Peritrauma-Belastungsbogen (PDI)
2.4.2.3 Die Sense of Coherence Scale (SOC-29)

2.5 Methoden der Datenauswertung

3 Ergebnisse

3.1 Deskriptive Analyse
3.1.1 Traumata allgemein
3.1.1.1 Häufigkeitsverteilung
3.1.1.2 „Schlimmstes Erlebnis"
3.1.2 Trauma Kriegsvergewaltigung
3.1.2.1 Häufigkeit 3.1.2.2 Beeinträchtigte Lebensbereiche
3.1.2.3 Bewältigungsstrategien

3.2 Inferenzstatistische Analyse
3.2.1 Aktuelle PTBS-Ausprägung und Symptomstärke
3.2.2 Kohärenzgefühl
3.2.2.1 Kohärenzgefühl und PTBS
3.2.2.2 Traumazahl und Kohärenzgefühl
3.2.3 Peritraumatische Belastung

4 Diskussion  

4.1 Methodische Einschränkungen
4.1.1 Geringer Stichprobenumfang
4.1.2 Repräsentativität der Stichprobe
4.1.3 Fehlen einer adäquaten Vergleichsstichprobe
4.1.4 Querschnittsdesign
4.1.5 Retrospektivität: Erinnerungseffekte
4.1.6 Interviewer- und Umgebungseffekte
4.1.7 Operationalisierung der Variablen
4.1.7.1 mPDS
4.1.7.2 SOC-29
4.1.7.3 PDI

4.2 Interpretation und Diskussion der Ergebnisse
4.2.1 Allgemeine Traumatisierung und das Trauma der Kriegsvergewaltigung
4.2.2 PTBS
4.2.3 Kohärenzgefühl, PTBS und Traumazahl
4.2.4 Peritraumatische Belastung und PTBS

5 Zusammenfassung und Ausblick

Literatur

Leseprobe

Viele berührende Briefe alter deutscher Frauen gingen bei medica mondiale seit unserem Bestehen 1993 ein. Eine Frau, die als Jugendliche auf der Flucht mehrfach von russischen Soldaten vergewaltigt wurde, gewann als 16-Jährige einen Schreibwettbewerb zum Thema: „Mein schlimmstes Erlebnis". Gleichzeitig mit der Überreichung des Preises, einem Füller, bekundete ihr die Lehrerin, „sie solle sich nie mehr über das äußern!" Dieses Schweigegebot zog sich wie ein roter Faden durch ihr späteres privates und berufliches Leben – viele Frauen berichten davon, dass sie instinktiv wussten, wie existenziell es ist, zu schweigen. „Wie konntest du mir das antun?", war eine oft gehörte Frage ihrer aus Gefangenschaft zurückgekehrten Männer.

Aus dem Geleitwort von Monika Hauser

Durch die Notwendigkeit des bloßen „Funktionierens" zur Kriegszeit und auch nach Kriegsende war eine private Auseinandersetzung mit den Erlebnissen für viele nur schwer möglich. Die öffentliche Tabuisierung dieses Teils der Geschichte trug weiter dazu bei, dass Tausende traumatisierte Frauen bei der Bewältigung des Erlebten bis heute alleine sind.

Traumatisierung hat viele Gesichter. Vergewaltigung als interpersonelle Form der Traumatisierung gilt als besonders schweres Schicksal, denn die Wahrscheinlichkeit einer psychischen Folgestörung ist groß. Etwa die Hälfte aller Vergewaltigungsopfer bildet eine Posttraumatische Belastungsstörung aus. Neben der individuellen Herausforderung, die oftmals unbeeinflussbar wiederkehrende Erinnerung an die teils mehrfach erlebten Vergewaltigungen zu verarbeiten, galt es für die betroffenen Frauen des Jahres 1945, weitere resultierende psychische Störungen wie beispielsweise Angst oder Depression zu bewältigen.

Aus dem Vorwort

Über das Buch

„In ihrer Diplomarbeit 'Das Geheimnis unserer Großmutter' widmet sich Svenja Eichhorn unter der Betreuung von PD Dr. Philipp Kuwert den Vergewaltigungen an deutschen Frauen Ende des Zweiten Weltkrieges. Dabei lässt sie ihren Blick schweifen, erstellt eine globale Chronologie sexueller Kriegsverbrechen, erklärt Traumatisierung und Posttraumatische Belastungsstörung an sich und in der Folge von Sexualverbrechen. Sie sucht nicht nur nach dem Warum, sondern fragt vor allem 'Wie danach? Wie jetzt?'."

Basler Zeitung. Sonntag, 26. Februar 2012

„Innerhalb der Psychotraumatologie gehört die sexuelle Gewalt in Zusammenhang mit Kriegshandlungen zu den eher noch nicht ausreichend bearbeiteten Themen. Monika Hauser, Gründerin und geschäftsführendes Vorstandsmitglied von medica mondiale e. V. weist in ihrem Geleitwort darauf hin, dass sowohl in der ost- als auch der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft hierzu ein Schweigegebot für die betroffenen Frauen geherrscht hat."

„Dem Ergebnisteil und der Diskussion liegen umfassende Interviews und Untersuchungen von 27 betroffenen Frauen zugrunde. Die Ergebnisse zeigen, dass bei jeder zweiten Frau eine voll oder partiell ausgeprägte posttraumatische Belastungsstörungssymptomatik vorliegt, wobei die erlebte subjektive Belastung innerhalb der Situation der Kriegsvergewaltigung einen positiven Zusammenhang zur Symptomstärke der posttraumatischen Belastung zeigt."

Trauma & Gewalt. Forschung und Praxisfelder (1/2012)