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21. September 2012

Liberia: "Die Flüchtlingsfrauen sind vor immer neue Herausforderungen gestellt"

Seit Mai 2011 unterstützt medica mondiale Liberia Flüchtlingsfrauen, die wegen des Bürgerkriegs in der Elfenbeinküste nach Liberia geflohen sind. Ein Team aus Gesundheitsberaterinnen und psychosozialen Beraterinnen sucht wöchentlich die oft schwer zugänglichen Dörfer auf, die als Zufluchtsorte dienen. Karin Griese, Leiterin des Fachbereichs Trauma-Arbeit bei medica mondiale, reiste im Juli für zehn Tage nach Liberia und machte sich ein Bild von der Unterstützung für die Flüchtlinge. Ein Blick in ihr Reisetagebuch lässt erahnen, welche Sorgen und Nöte die Flüchtlingsfrauen immer wieder aufs Neue herausfordern und wie die Beraterinnen ihnen dabei unterstützend beistehen.

Zwedru, 23. Juli 2012

"Es regnet in Strömen. Straßen und Wege sind ein einziger Matsch. Dennoch steigen wir in den Geländewagen, um zwei Flüchtlingsgemeinden zu besuchen. Nach einer abenteuerlichen zweistündigen Fahrt über aufgeweichte Schlammpisten erreichen wir das erste Dorf 'Old Puhan'. Wir steigen aus und gehen auf einen Platz zu, der leidlich mit Planen vor dem Regen geschützt ist. In kürzester Zeit haben sich mehr als 100 Frauen und Mädchen dort versammelt. Die Beraterinnen erzählen mir, dass viele der Frauen auf der Flucht von der Elfenbeinküste vergewaltigt wurden und Kinder von ihren Vergewaltigern bekommen haben. Eine der Frauen ist HIV infiziert und wird nun medizinisch behandelt.

Ich erfahre von den vielen, immer neuen Herausforderungen, mit denen sich die Flüchtlingsfrauen auseinander setzen müssen: Nachrichten über Angehörige und Verwandte, die während der Konflikte schwer verletzt oder getötet wurden, bringen sie immer wieder aus dem Gleichgewicht. Zudem sind viele Männer gewalttätig gegenüber ihren Frauen oder lassen sie ohne Unterstützung samt Kindern in der Fremde zurück.

Zwei Frauen bedanken sich im Namen der anderen für die Unterstützung, die sie bisher von medica mondiale bekommen haben: 'Schauen Sie uns an! Viele von uns waren krank und sehr entmutigt. Die Frauen von medica mondiale haben uns sehr dabei geholfen, wieder zu Kräften zu kommen. Jetzt sind wir stark genug um zu arbeiten.' Daraufhin berichten mir die Beraterinnen mit Freude davon, dass sie von den Frauen eingeladen wurden, mit ihnen ihre erste erfolgreiche Maisernte zu feiern.

Nach unserem Besuch in der Nachbargemeinde 'Boe Town' machen wir uns wieder auf den Weg zurück ins Regionalbüro in Zwedru. Das Team von medica mondiale Liberia wird die Frauen und Mädchen in den Dörfern weiterhin unterstützen. Ich habe großen Respekt vor meinen Kolleginnen. Die tägliche Fahrt zu den Dörfern ist sehr anstrengend und gefährlich. So rutschte das Auto auch heute auf dem Rückweg im Schlamm oft ohne Halt wie auf einer völlig vereisten Straße hin und her und drohte immer wieder stecken zu bleiben. Wir sind alle froh, als wir am frühen Abend Zwedru erreichen. Am nächsten Morgen werden die Kolleginnen erneut aufbrechen, um andere Gemeinden zu besuchen."

Erschienen im Newsletter 2-2012