Zurück zur Übersicht
08. Februar 2012

Kosovo: Von Anfang an vor Ort

Schätzungsweise 20.000 Frauen wurden während des Kosovokieges (1998-1999) vergewaltigt. Viele leiden bis heute an den Folgen der Gewalt. Seit 1999 unterstützt Medica Kosova überlebende Frauen durch umfassende Beratung und den Aufbau von Selbsthilfegruppen. Seit 2011 arbeitet auch die neu gegründete Organisation Medica Gjakova mit ähnlicher inhaltlicher Ausrichtung in der Region.

Fünfzehn Jahre Einsatz im Kosovo haben gezeigt: Körperliche und seelische Gesundung, soziale Anerkennung, ökonomische Perspektiven und Solidarität schaffen neuen Lebensmut und Kraft zur Selbsthilfe.

1999: Von Anfang an vor Ort

Zur direkten Unterstützung von Überlebenden sexualisierter Gewalt eröffnete medica mondiale kurz nach Ende des Krieges ein interdisziplinäres Frauenberatungszentrum in Gjakova, einer der größten Städte des Kosovo, in der Region Dukajini. Der Bedarf an me-dizinischer Hilfe ist nach wie vor groß. Zunächst unter deutscher Leitung, seit 2003 als selbstständige kosovarische Frauenrechtsorganisation Medica Kosova, leisten die Mitarbeiterinnen gesundheitliche und psychosoziale Beratung für von Gewalt betroffene Frauen. Eine gynäkologische Ambulanz versorgt Überlebende in entlegenen Gebieten.

2004: Hilfe wird ausgeweitet

Gerade auf dem Land ist das Zusammenleben von patriarchalen Überzeugungen geprägt. Besitz, Wiederheirat oder Berufstätigkeit sind für Frauen nach dem alten Gewohnheitsrecht „Kanun“ untersagt. 2004 begann Medica Kosova mit dem Aufbau von Selbsthilfegruppen: In kleinen landwirtschaftlichen Produktionen schließen sich Frauen zusammen, erzeugen Honig, Milch oder Käse, deren Verkaufserlös ihnen ein Grundeinkommen garantiert. Eine Anwältin hilft bei Rechtsfragen und vermittelt in den Familien und vor Gericht.

2011: Neue Schwerpunkte

2011 gründeten ehemalige Mitarbeiterinnen von Medica Kosova eine neue Organisation, die die Zusammenarbeit mit ihren deutschen Förderern weiterführt: Medica Gjakova. Ihre Mitarbeiterinnen organisieren verstärkt Aufklärungskampagnen und tragen konkrete Anliegen an politische EntscheidungsträgerInnen heran. So soll ihr Einsatz für Frauen und Mädchen in der Gesellschaft noch sichtbarer und auch auf Regierungsebene wahrgenommen werden. Eine ihrer Forderungen ist, im Krieg vergewaltigte Frauen als Kriegsopfer anzuerkennen und ihnen entsprechende Renten zuzugestehen.

Zukunft gestalten

Auch Zugehörige zu ethnischen Minderheiten, etwa Roma, Sinti oder Ashkali, nimmt Medica Gjakova verstärkt in den Blick, da sie in besonderem Maße Zielscheibe von Rassismus und durch Vorurteile motivierter Gewalt sind. Viele leben in gesellschaftlicher Isolation, in Armut und ohne Zugang zu Bildung. Vor Ort in den Gemeinden bietet Medica Gjakova direkte psychosoziale Unterstützung an und setzt sich – auch als Mitglied des Netzwerks „Kosova Women’s Network“ – dafür ein, dass Frauen aller Ethnien im Kosovo an der Gestaltung des Zusammenlebens teilhaben.