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19. September 2016

Kommentar Monika Hauser: „Wer (muslimische) Frauen wirklich unterstützen will, kann heute damit anfangen!“

Die aktuelle Debatte um das "Burka"-Verbot zeigt exemplarisch auf, wie in Zeiten gesellschaftlicher Instabilität Gruppierungen aller Art Frauen(-körper) für ihre Zwecke instrumentalisieren. Frauen müssen argumentativ herhalten für rassistische, rechte Populärpolitik, antimuslimische Hetze und Angstmacherei. Dieses instrumentalisierende Vorgehen für eigene Interessen zeigt sich seit langem. Worum es auf keinen Fall geht, sind die Rechte und die Selbstbestimmung der Frauen.

Bei diesen Debatten werden skrupellos und unsachlich die gerade passend erscheinenden Themen durcheinandergeworfen:

  • Es geht um die Sicherheitsfrage wegen extremistischer Terrorgefahr!
  • Man kämpfe für die Gleichberechtigung der unterdrückten Frauen!
  • Die Frauen müssen sich hier anpassen, sonst klappt die Integration nicht!
  • Religiöse Vorstellungen dürfen nicht die Teilhabe der Frauen am öffentlichen Leben verhindern!

Zweifelhafte VerfechterInnen von Gleichberechtigung und Frauenrechten

Fast schon unbesehen können wir davon ausgehen, dass die Burka-Debatte von Leuten angeführt wird, die sich bislang kaum je für Frauen und ihre Rechte eingesetzt haben.

Oder wann fiel diese ganze Riege von VertreterInnen aus CDU, CSU, AfD jemals damit auf, dass...

  • ...sie vehement beklagen, dass laut der Studie des Bundesfamilienministeriums jede siebte Frau in Deutschland Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung erlebt hat?
  • ...sie es unerträglich fänden, wenn weniger als zehn Prozent der betroffenen Frauen und Mädchen für sich die Kraft finden, den Täter anzuzeigen?
  • ...sie sich dafür schämen, dass nur in circa acht Prozent der angezeigten Vergewaltigungsfälle der Täter überführt und verurteilt wird?
  • ...sie ein grundsätzliches Problem erkennen, wenn Dreiviertel aller Täter aus dem familiären Nahfeld kommen?
  • ...sie sich mit aller Macht dafür einsetzten, geschlechtsspezifische Gewalt in Flüchtlingsunterkünften zu verhindern?

Stereotype Geschlechterrollen im Kampf für Frauenrechte?

Viel eher zeichnen sich diese Politikmenschen doch darin aus, dass sie ein sehr stereotypes Geschlechterrollenbild propagieren, welches häufig sogar ausgesprochen anti-feministisch ist. Bei Themen wie Schwangerschaftsabbruch, sexualisierte Gewalt, Prostitution oder eben auch Frauenkleidung ging und geht es oft um das Messen an Vorstellungen, wie Frauen in einem patriarchalen System zu sein haben. Das geschieht sowohl in Afghanistan als auch in Deutschland! Vergewaltigungsopfer sind "richtig" oder "falsch", Kleidung wahlweise zu kurz, zu wenig, zu viel, zu verschleiert. Wenn die Rede ist von der "natürlichen Geschlechterordnung" und dass "Kinder wieder in der Familie erzogen werden sollen", dann sollten alle, denen die hart erkämpfte "Gleicher-Berechtigung" als selbstverständlich erscheint, sehr wachsam sein.

Geschlechtergerechtigkeit erreichen wir nicht durch die Ablehnung von Quoten oder durch Einführung von Betreuungsgeld. Mit Sexismus wird man nicht durch die Verringerung von Freiheit fertig, sondern durch Überzeugungskraft und Beispielhaftigkeit, sagt die renommierte US-Philosophin und Juristin Martha Nussbaum!

Wer Frauen wirklich unterstützen will, kann heute damit anfangen!

Wer Frauen wirklich unterstützen will, muss sich ihren Lebenswirklichkeiten stellen. Wir müssen sie darin stärken, diese Wirklichkeiten wahrzunehmen und zu analysieren. Darauf aufbauend können sie die eigenen Vorstellungen spüren und formulieren. Dafür braucht es Aufklärung und Bildung! Was es nicht braucht, weil es sogar kontraproduktiv und gefährlich ist, sind Ausgrenzung, Diskriminierung und Verachtung.

Wer Frauen wirklich unterstützen will, kann heute damit anfangen:

  • gegen pornographische und menschenverachtende Werbung agieren,
  • gegen sexistische Witze und frauenverachtenden Sprachgebrauch mutig aufstehen,
  • für gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit kämpfen,
  • sich gegen Zwangsprostitution und Frauenhandel erheben,
  • die gesellschaftliche Akzeptanz des hohen Ausmaßes an Straflosigkeit von sexualisierter Gewalt hierzulande als unerträglich brandmarken,
  • sich für eine sichere und menschenwürdige Unterbringung in Flüchtlingsheimen einsetzen,
  • ...

Statt Burkaverbot: Aufklärung über Geschlechtergerechtigkeit – für alle!

Wer meint eigentlich, dass die Schönheitsvorschriften einer Frauenvermarktungs-Industrie à la Heidi Klum Frauen und Mädchen freier und gesünder machen als eine Vollverschleierung? Dass Schönheitsoperationen an Brüsten und Schamlippen heilsam wären?

Natürlich brauchen wir endlich sinnvolle Integrationsprogramme inklusive Aufklärung über Frauenrechte und Geschlechtergerechtigkeit. Aber diese Aufklärung dann bitte für alle! Auch für jene, die an Karneval oder dem Oktoberfest nicht wissen, dass die eigenen Finger nichts auf dem Hintern der Bedienung zu suchen haben. Hier braucht es also eine Chance zur Selbstreflektion für alle Männer und Jungs in Deutschland – von Passau bis Flensburg, ob für Biodeutsche, Zugewanderte oder hierher Geflüchtete.

Absurde Vorschriften und Kleidungsverbote werden übrigens Frauen noch viel weniger an unserem Gesellschaftsleben beteiligen. Sie werden ganz zuhause bleiben. Integration gescheitert. Und die Behauptung, die Frauen würden alle dazu gezwungen, ist schon länger nicht mehr haltbar. Ob uns das nun ideologisch passt oder nicht: Aus einer Studie der Open Society Stiftung zu Niqab-Trägerinnen in Frankreich und Großbritannien geht hervor, dass alle untersuchten Frauen den Ganzkörperschleier aus freien Stücken trugen. Die Burka, das heißt eine Vollverschleierung inklusive Augengitter, wird in Europa übrigens kaum getragen. Aber dieser Begriff lässt sich derzeit wunderbar zu Grusel-Zwecken benutzen.

Lebensperspektiven bedeuten mehr Sicherheit für alle – auch für Frauen und Mädchen

Einer aufgeschlossenen und demokratischen Gesellschaft ist es nicht würdig, eine (religiöse) Gemeinschaft oder Gruppe derart anzufeinden und auszugrenzen. Dass dies vielmehr ExtremistInnen Vorschub leistet, ist leicht zu erkennen. Je mehr Muslime sich in Europa ausgeschlossen und marginalisiert fühlen, desto mehr zeigen sich empfänglich für die demokratiefeindliche Hetze der Terrormiliz IS.

Als Mittel der Terrorabwehr und zur nachhaltigen Stabilisierung der inneren Sicherheit dienen hingegen eine Willkommenskultur, die das unendliche Leid der Geflüchteten anerkennt. Das reiche Europa sollte ihnen effiziente Strukturen einer Wohlstandsgesellschaft anbieten, in denen sie sich aufgenommen fühlen, zur Ruhe kommen und ihre Traumata bearbeiten können. Dies eröffnet die Chance, dass die mit Krieg und Gewalt verbundenen Störungen nicht auf ihre Kinder übertragen werden. Sie müssen Lebensperspektiven für sich und ihre Familien sehen und entwickeln können. Wieder (eigenverantwortlich handelnde) Menschen werden. Jene, die der Kriegshölle und dem puren Überlebenskampf entronnen sind - und jene EuropäerInnen, die in der solidarischen Unterstützung ihre eigene Würde wiederfinden können.

Das würde die Sicherheit für uns alle erhöhen. Auch jene von Frauen und Mädchen; ob im knappen Bikini oder Burkini. Und vielleicht werden eines fernen Tages Frauen und Mädchen wirklich nur noch das anziehen, was ihrem positiven und selbstbestimmten Lebens- und Körpergefühl entspricht!

 

Linkempfehlung

Stellungnahme des Dachverbands der Migrantinnenorganisationen (DaMigra): '"Burkaverbot" stigmatisiert Muslima und schadet der Integration!'