Zurück zur Übersicht
14. Januar 2016

Kommentar Monika Hauser: Schluss mit der Wegschaukultur. Und zwar #ausnahmslos

Die sexualisierten Angriffe in der Kölner Silvesternacht waren für die betroffenen Frauen ein Alptraum. Sie haben ein Recht auf nachhaltige Unterstützung und konsequente Strafverfolgung. Die kollektive Form dieser Angriffe war außergewöhnlich. Dieser Umstand rechtfertigt weder rassistische Ausgrenzung und Hetze noch sexistische Verharmlosungen anderer Formen sexualisierter Gewalt. Sexualisierte Gewalt ist eine Menschenrechtsverletzung – immer und überall.

Ich habe die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker am 13. Januar 2016 aufgefordert, ein Modellprojekt zu starten mit dem Titel „Die Stadt Köln frei von sexualisierter Gewalt“. Vorbild hierfür ist eine Kampagne unserer Schwesterorganisation Olakh in Indien mit dem Titel „Let's be the first to make our city free of sexual harassment!“ Wenn nicht jetzt, wann dann, und der Karneval steht vor der Tür.

Jedes Jahr werden in Deutschland knapp 8.000 Fälle von Vergewaltigungen und sexueller Nötigung zur Anzeige gebracht. Das belegt die polizeiliche Kriminalstatistik des Bundesinnenministeriums. Die Dunkelziffer liegt bei zirka 100.000 Fällen pro Jahr, so die Autorinnen einer 2009 für die EU veröffentlichen Studie mit dem Titel „Unterschiedliche Systeme, ähnliche Resultate? Strafverfolgung von Vergewaltigung in elf europäischen Ländern.

Für viele PolitikerInnen bleibt die alltägliche sexualisierte Gewalt ein vernachlässigbares Kavaliersdelikt

Und doch erhebt sich erst in dem Moment ein Entsetzensschrei, wo der Angriff spektakulär und die mutmaßlichen Täter einen migrantischen und vermeintlich muslimischen Hintergrund haben. Was sagt das über all jene PolitikerInnen aus, die jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich in Vorschlägen zur Verschärfung des Asyl- und Strafrechts überschlagen? Sie tragen ihre Interessen auf dem Rücken der Frauen und den Ereignissen der Silvesternacht aus und halten die alltägliche sexualisierte Gewalt nach wie vor für ein vernachlässigbares Randphänomen oder Kavaliersdelikt.

Wie müsste unsere Gesellschaft wohl aussehen, wenn sich nach einem solchen Geschehen Medien und PolitikerInnen mit Vorschlägen zur nachhaltigen Unterstützung der betroffenen Frauen und ihrer BegleiterInnen überschlügen? Oder sofort eine Debatte darüber begännen, wie denn der sexistische Grundtenor in Religion und Kultur – egal ob christlich oder muslimisch – endlich auf den Müllhaufen der Geschichte entsorgt werden kann?

Wir fordern: Die Frauen müssen im Mittelpunkt der Debatte stehen

Mittlerweile liegen nach den Kölner Geschehnissen über 500 Anzeigen vor; in 40 bis 45 Prozent der Fälle wird wegen sexualisierter Gewalt ermittelt. Ich frage mich, wie es den Frauen jetzt geht. Paniksituationen wie die, denen sie und ihre BegleiterInnen ausgesetzt waren, wirken nach und können sehr traumatisierend sein. Wird den Frauen umgehend und langfristig psychologische Hilfe angeboten? Stehen dafür ausreichend Mittel zur Verfügung? Von verschiedenen Beratungsstellen haben wir erfahren, dass hierfür – wie üblich – kein zusätzliches Geld und/oder Personal zur Verfügung gestellt wird.

Wir fordern: Professionelle, kostenlose Begleitung der betroffenen Frauen

Wir wissen aus unserer langjährigen Erfahrung mit Überlebenden sexualisierter Gewalt, dass eine kostenlose psychologische Beratung und Unterstützung sehr hilfreich sind. Gegebenenfalls, wenn die Frauen das wünschen, sogar in Gruppen. Es kann leichter sein, solche Erlebnisse zu verarbeiten, wenn man unter professioneller Anleitung gemeinsam darüber spricht. Entsprechende Unterstützungsangebote müssen allen zugänglich, langfristig sowie personell und finanziell abgesichert sein. Wichtig ist auch, dass die betroffenen Frauen persönlich über den Verlauf der Ermittlungen auf dem Laufenden gehalten werden.

Wir fordern: Null Toleranz bei der Verfolgung von sexualisierter Gewalt

Über 100.000 Vergewaltigungen und Fälle von sexueller Nötigung pro Jahr kann und darf der deutsche Rechtsstaat nicht hinnehmen. Die bestehenden Lücken im Sexualstrafrecht müssen geschlossen werden, damit diese Taten verfolgt und verurteilt werden können. Die Polizei muss entsprechend ausgerüstet und sensibilisiert sein, damit alle Menschen geschützt werden können! Hierfür muss sich die Polizei auch von Frauenverbänden beraten lassen.

Die Übergriffe in Köln bedürfen einer konsequenten Aufklärung. Doch es geht nicht nur um die Vorfälle der Silvesternacht. Sexualisierte Gewalt ist weit verbreitet, ob beim Karneval, Volksfesten wie dem Oktoberfest oder Betriebsfeiern. Egal in welchem Kontext: Die Justiz darf bei der Strafverfolgung von sexualisierter Gewalt nicht versagen.

Umgang mit sexualisierter Gewalt in Deutschland muss sich grundlegend ändern

Wir brauchen eine differenzierte und ehrliche gesellschaftliche Debatte über die Wurzeln und Ursachen sexualisierter Gewalt. Wir müssen über die Frauenverachtung in Medien und Werbung sprechen. Wir müssen die tradierten Männlichkeitsbilder analysieren und in Frage stellen. Es muss einen grundlegenden Veränderungsprozess im Umgang mit sexualisierter Gewalt in Deutschland geben. Das Schweigen, die Wegschaukultur muss ein Ende haben.

Frauen werden respektiert - das gilt es zu vermitteln, und zwar allen und jedem, ganz gleich, welche Hautfarbe er hat. Frauen müssen sich überall im öffentlichen Raum sicher fühlen können.

Hier finden Sie ein Interview mit Monika Hauser für die Sendung Monitor zum Thema sexualisierte Gewalt gegen Frauen.

medica mondiale unterstützt die Kampagne #ausnahmslos als Erstunterzeichnerin. Machen Sie mit auf http://ausnahmslos.org.