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26. August 2015

Karin Griese, Bereichsleiterin Trauma-Arbeit: „Man kann die Traumafolgen von Gewalterfahrungen nicht nur auf Symptomebene behandeln.“

Frauen und Mädchen erleben im Krieg und Nachkrieg Vergewaltigung, sexuelle Folter, sexuelle Versklavung und andere lebensbedrohliche, geschlechtsspezifische Gewalt. Um sich selbst wieder stabilisieren zu können, brauchen Überlebende eine fachgerechte, empathische Unterstützung sowie ein soziales Umfeld, das trauma-sensibel handelt und Gewalt nicht toleriert. Karin Griese, Bereichsleiterin Trauma-Arbeit, erläutert in einem Interview den trauma-sensiblen Ansatz von medica mondiale und seine nachhaltige Wirkungsweise.

Woran erkennt man bei der Arbeitsweise von medica mondiale den trauma-sensiblen Ansatz?

In allen Hilfsangeboten von medica mondiale begegnen wir den Frauen mit einer trauma-sensiblen, solidarischen Grundhaltung. Überlebenden von andauernder sogenannter häuslicher Gewalt oder sexualisierter Kriegsgewalt leiden unter psychischen, körperlichen und sozialen Folgen. Um sie zu stärken und zu stabilisieren, ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen, ihnen Sicherheit und Anerkennung zu vermitteln. Aus diesem Grund ist es notwendig, beispielsweise auch die Rechtshilfe oder Gesundheitsarbeit trauma-sensibel zu gestalten. Die MitarbeiterInnen sollen erkennen, ob die Überlebende einer Stresssituation ausgesetzt ist. Sie lernen, wie sie dann zu einer Entlastung und Deeskalation beitragen können. So wird beispielsweise das Gesundheitspersonal darüber aufgeklärt, dass die Rückenlage während einer Untersuchung der Gewaltsituation ähnelt. Dadurch kann ein inneres Wiedererleben der traumatischen Erfahrung – eine so genannte Retraumatisierung – ausgelöst werden.

Wie beurteilen Sie Trends, Traumafolgen im Schnellverfahren und symptomorientiert mit standardisierten Kurztherapien zu behandeln?

Schnellverfahren finde ich problematisch. Man kann die Folgen traumatischer Gewalterfahrungen nicht nur auf der Symptomebene behandeln und glauben, danach können die Frauen ihr vorheriges Leben fortführen. Das greift viel zu kurz. Themen wie staatliche Anerkennung von Kriegsverbrechen, Existenzsicherung, Stigmatisierung oder gesellschaftliche Ursachen von Gewalt spielen ebenfalls eine große Rolle. Trauma-Arbeit erfordert einen ganzheitlichen Ansatz.

Bei Medica Gjakova gibt es beispielsweise neben psychosoziale Einzelberatungen und Gruppensitzungen eine landwirtschaftliche Frauenkooperative. Durch landwirtschaftliche Arbeit können die Frauen ihre Existenz sichern und ein eigenständiges Leben führen. Das trägt langfristig dazu bei, dass sie besser mit dem Erlebten umgehen können. Zudem setzt sich Medica Gjakova bei der Regierung beharrlich dafür ein, im Krieg vergewaltigte Frauen als Kriegsopfer anzuerkennen und ihnen entsprechende staatliche Renten zuzugestehen.

Welche Rolle spielt der gesellschaftliche Kontext bei der Traumabewältigung?

Die gesellschaftliche Anerkennung für die traumatisierenden Erlebnisse, die die Frauen erfahren haben, fehlt oft. Sie werden für die Tat verantwortlich gemacht, von ihren Familien verstoßen und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Viele Überlebende sprechen aus diesen Gründen nie über die Gewalt, die ihnen angetan wurde. Die Symptome verschlimmern sich dadurch, die Frauen werden destabilisiert. medica mondiale setzt sich darum für ein Umdenken in der Gesellschaft ein. In Schulungen werden PolizistInnen, RichterInnen und StaatsanwältInnen über die Folgen von Traumatisierung und geschlechtsspezifischer Gewalt informiert. Auch öffentlich macht medica mondiale über sexualisierte Gewalt im Krieg und ihre Folgen aufmerksam.

Für die betroffenen Frauen nehmen die psychosozialen Beraterinnen in den Projekten auch das familiäre Umfeld, also Ehemänner, Schwiegereltern und Kinder, mit in den Blick. Nur so können die Überlebenden sexualisierter Gewalt wieder zu einem normalen Leben finden.

Was bedeutet Resilienz in Bezug zu Traumabewältigung?

Mit unserem Ansatz wollen wir die Frauen stabilisieren und ihnen ermöglichen, ein lebenswertes Leben trotz der schrecklichen Erlebnisse führen zu können. Durch die trauma-sensible Beratung und Begleitung wird dafür die Resilienz der Frauen gestärkt. Resilienz bedeutet hierbei die Fähigkeit, das Erfahrene zu bewältigen und sich zu erholen.

Allerdings darf dabei nicht die Verantwortung der Gesellschaft vergessen werden. Ziel muss sein, dass Frauen und Mädchen keiner sexualisierten Gewalt ausgesetzt sind und nicht, ihre Widerstandskraft im Vorhinein so zu stärken, dass sie eine Vergewaltigung leichter ertragen können.

Wird der trauma-sensible Ansatz auch in der Geschäftsstelle in Köln verfolgt?

Stress- und Traumasymptome können sich durch den direkten Kontakt mit Gewaltbetroffenen oder das Lesen und Hören von Gewalttaten auf die Mitarbeiterinnen übertragen in Form einer sogenannten sekundären Traumatisierung. Um Stress- und Traumadynamiken zu durchbrechen, ist eine durch gegenseitige Achtsamkeit geprägte Organisationskultur wichtig. Durch das Einführen und Üben stress- und trauma-sensibler Kommunikation wird das konstruktive Zusammenarbeiten im Team erleichtert. Das ist für die Mitarbeiterinnen in Köln ebenso wichtig wie für die Mitarbeiterinnen vor Ort in den Einsatzländern.