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04. Mai 2016

Jugendforum in Ruanda: "Wir Jugendlichen, wir haben die Kraft"

Sie sind junge Erwachsene mit Träumen, Hoffnungen und einer schwierigen Geschichte. 22 Jahre nach dem Völkermord 1994 leben heute zwischen 2.000 und 5.000 Jugendliche in Ruanda, die damals durch eine Vergewaltigung gezeugtwurden. Fast alle haben deshalb große Probleme, sich selbstbewusst im Leben zurechtzufinden. In einem mehrtägigen Jugendforum bot unsere Partnerorganisation SEVOTA betroffenen Jugendlichen die Möglichkeit, über ihre Gefühle zu sprechen und gemeinsam Lösungen für ihre Probleme zu finden.

Als Kinder schwer traumatisierter Mütter sind die meisten dieser Jugendlichen in einer Atmosphäre des Schweigens und Verdrängens aufgewachsen. Zusätzlich werden viele von der Dorfgemeinde und der Familie diskriminiert, da ihre Väter als "Völkermörder" wahrgenommen werden.

Jeanne* (21) hat uns von ihren Erfahrungen berichtet:

"Bevor ich zum Jugendforum von SEVOTA kam, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass jemand meine Probleme verstehen kann. Ich dachte immer, es sei einfach so, dass ich eine Außenseiterin bin und von meinem Dorf gemieden werde. Mich überkam oft das Gefühl, nicht da zu sein und nicht gesehen zu werden. Auch in der Schule, obwohl ich eine gute Schülerin bin.

Aufarbeiten des Genozids 1994 und Erfahrungen teilen

Das Motto des Forums lautete: "Wir Jugendlichen, wir haben die Kraft". Dort habe ich andere Menschen kennengelernt, denen es geht wie mir. In der ersten Gruppensitzung lasen wir eine Parabel von einer Palme. Sie litt unter der Last eines Steins, und gedieh trotz dessen durch das Wasser in ihren Wurzeln. Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen von SEVOTA haben wir die Geschichte auf uns übertragen. Auch in meinem Leben gibt es Steine - Erfahrungen, die mich verletzen und mich schwächen. Zum Beispiel, wenn mich die Mitglieder unserer Dorfgemeinschaft als Kind eines Völkermörders beschimpfen. Alle haben aufgeschrieben, was sie belastet, und anschließend im Plenum darüber gesprochen. Das fiel mir zunächst schwer. Doch durch die Arbeit in der Gruppe merkte ich bald, dass die anderen meine Erfahrungen teilen.

Verstehen, was passiert ist

Tatsächlich wissen viele Jugendliche nichts oder nur wenig von der Gewalt, die ihren Müttern während des Genozids 1994 angetan wurde. Dieses Thema konnten wir im Jugendforum aufarbeiten.Aufklärung über systematische KriegsvergewaltigungenAm zweiten Tag haben wir den Film von Alen gesehen, einem jungen Mann aus Bosnien, der ebenfalls durch eine Vergewaltigung gezeugt wurde. SEVOTA verdeutlichte uns, dass systematische Kriegsvergewaltigungen nicht nur in Ruanda passiert sind. Sie wurden auch während des Bosnienkriegs und in vielen anderen Konflikten weltweit eingesetzt, um die Gegner zu erniedrigen und zu zerstören. Alen wollte wissen, warum ihn seine Mutter nach der Geburt verlassen hat und wer sein Vater war. Auch ich habe viele offene Fragen. Einige davon konnte ich am Nachmittag stellen, als uns eine Überlebende besuchte, die dasselbe durchgemacht hatte, wie meine Mutter. Sie erzählte davon, wie schwierig die Schwangerschaft für sie gewesen war, und wie ihr Dorf sie nach der Geburt demütigte, weil sie das Kind ihres Vergewaltigers, eines Völkermörders, ausgetragen hatte. Aber es war ihr Kind und so lernte sie Karate, um es vor den Anfeindungen zu schützen.

Ratschläge und Erfahrungen von anderen Überlebenden

Sie riet uns: "Wenn Eure Mutter Euch von ihren Erfahrungen erzählt, hört ihr zu und versucht, ihr mit Verständnis zu begegnen. Sie hat Schlimmes erlebt und viel Kraft aufgebracht, um Euch trotz ihrer Traumata großzuziehen." Durch diese Begegnung wurde mir klar, dass weder ich noch meine Mutter die Umstände meiner Zeugung gewählt haben. Ich möchte nicht mehr mit ihr streiten, sondern versuchen, sie zu unterstützen.

Mit Emotionen umgehen - Gemeinsamkeit stärkt

Dennoch: Die Konfrontation mit dem Genozid und der Geschichte meiner Mutter hat mich sehr aufgewühlt. In der Gruppe zeigte uns SEVOTA, wie wir mit Traurigkeit, Angst, Wut, Stress oder Scham besser umgehen können. Wir packten einen imaginären Koffer mit Dingen, die uns helfen, wenn wir verzweifelt sind. Ich habe ein Radio eingepackt, weil ich Musik liebe und einen Fußball, weil mir Bewegung Spaß macht. Am letzten Abend haben wir unsere "Koffer" dann zusammen ausgepackt: Wir haben Musik gehört, getanzt, gesungen, gelacht und uns gegenseitig Ketten umgehängt, zum Zeichen, dass wir liebenswert und wertvoll sind. Das war ein schönes Gefühl. Überhaupt hat es mir sehr gut getan, wie wir in der Gruppe im Laufe der Zeit zusammengewachsen sind. Niemand wurde ausgegrenzt oder zurückgewiesen. Um uns auch in Zukunft zu unterstützen, haben wir Jugendclubs in unseren Heimatregionen gegründet. Das löst meine Probleme nicht. Aber es ist gut zu wissen, dass es andere gibt, die mich verstehen.

 

medica mondiale und SEVOTA:

Seit 2005 engagiert sich die ruandische Organisation SEVOTA für Witwen und Waisen des Genozids und bietet überlebenden Frauen traumasensible Unterstützung an. Mit den Jugendforen richtet sich SEVOTA nun erstmals an ihre Kinder, die aus Vergewaltigungen entstanden sind. Ihnen will sie Orientierung und Halt geben, damit sie zu einer gesunden Generation heranwachsen, ihr Leben selbstbestimmt leben und ihre Heimat friedlich mitgestalten können. medica mondiale unterstützt SEVOTA seit 2008.

"Wir Jugendlichen, wir haben die Kraft" Jugendforum in Ruanda erschienen im memo 1/2016, S. 8-9